Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 18 (4.5.1900)
- Date
- 1900-05-04
- Page
- Seite 277 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 18. Israelitische Wochenschrift. Seite 277. für das Ganze nimmt, daß man ihr verkehrte Ziele stellt oder noch häufiger sie in einer ziellosen Entwicklung der natürlichen Kräfte findet. So giebt es Viele, deren ganze Bildung in dem bischen Lebensweisheit besteht, das sie fich aus allen Winkeln zusammengesucht haben. Diese glauben nun, ihre Bildung zu beweisen durch die Verachtung dessen, was sie nicht verstehen, was ihnen sinnlos erscheint, weil es in die allzuenge Grenze ihrer Beschränktheit nicht hinein will. Während die wahre Bildung fich ernstlich bemüht, jede Erscheinung nach ihrem innersten Wesen zu begreifen, den Wert der überlieferten Formen schätzen zu lernen und überall den Thatsachen gerecht zu werden, hat diese Schetnbildung kein Verständnis für die ewigen Mächte der Wahrheit, des Guten und des Schönen, keine Achtung für die Arbeit der Jahrhunderte. In dem Wort „Bildung" liegt ein Werden, ein Streben. Die Vereinigung der Btldungselemente zu einem Ganzen liegt in dem Ziel, nach dem wir ringen. Dem Griechen stand das Ideal eines Staatsbürgers vor Augen, der Feldherr, Staatsmann und Redner war; eine Vereinigung, die in einzelnen großen Männern seines Volkes auch wirklich erreicht wurde. Nach diesem Ziel lenkte der Erzieher seine Schritte. Auch wir wollen Bürger des Vaterlandes sein und mit den uns verliehenen Kräften dem Staat dienen. Dennoch geht unser Blick über den Kreis der Nation hinaus und sucht das Ideal der Menschheit. Dieses aber kann nicht auf überwundenen Stufen des Daseins gesunden werden, sondern in der Vollendung der vollen Menschlichkeit. Dieses Ziel ist nur darum erreichbar, weil es von Gott wirklich gegeben ist. Weil Gott den Menschen in seinem Ebenbild geschaffen hat, darum ist das Ideal.der Menschheit eine Realität für unser Streben. Der vollendete Gottesmensch ist der wahrhaft Gebildete. Wir müffen die zerstörenden Mächte in uns überwinden, dann haben wir die höchste Bildung errungen, dann haben wir ein vollkommenes Wissen, dann üben wir die höchste Kunst, dann erfüllt uns die rein menschliche Gesinnung, dann ist unser Leben selbst des vollendeten Meisters Meisterwerk. Sprechsaat. Die M in Cherson »»!> Keffnrnbien. Wir erhalten folgende Zuschrift: St. Petersburg, d. 13./26. April 1900. Sehr geehrter Herr Redakteur! Ich wende mich an Sie, geehrter Herr Redakteur, als Kollegen und Streiter für die Interessen des Judentums, zu dem Zweck, Sie auf die Lage in den notleidenden Bezirken Südrußlands aufmerksam zu machen und an Ihr stets waches Mitgefühl für die zahlreichen Leiden unserer Glaubens- und Stammesgenossen zu appellieren. Ich glaube dadurch den allerbesten Weg gewählt zu haben, um den deutschen Israeliten den Hilfeschrei, der von dorther kommt, zu Gehör zu bringen. Die Juden in den zwei am meisten von der Mißernte betroffenen Gouvernements Cherson und Beffarabien sind außerhalb der großen Städte in der Masse Kleinhändler, Handwerker und Handlanger, deren Existenz aufs engste mit dem Wohlstand der ackerbautreibenden Landbevölkerung verbunden und vom Zustand der Ernte abhängig ist. Die diesjährige Kalamität, bei der fast alle Aussaat zu Grunde gegangen ist, hat mehr denn 5000 Familien bis zur nächsten Ernte buchstäblich uw jeden Erwerb gebracht, und dies legt den minder oder bloß durch das normale Elend der Judenheit Betroffenen die Verpflichtung aus, Mittel und Wege zu suchen, den heimgesuchten Brüdern bis dahin über die schlimmste Not zu helfen. Die russischen Juden sind fich dieser Pflicht wohl bewußt und machen zu ihrer Erfüllung nach den Umständen ganz außerordentliche Anstrengungen. Auf Anregung des „Woschod" haben sich in Rußland drei Hauptkomitees zur Sammlung und Verteilung von Unterstützungen in St. Petersburg, Moskau und Odessa gebildet, im Ganzen sind bis jetzt etwa 100 000 Rubel eingegangen, davon in der Redaktion des „Woschod" 35 000 Rubel. Zugleich wurden von den Komitees Vertrauensmänner an Ort und Stelle gesandt, um den Umfang der Not zu untersuchen und eine angemessene Organisation der Verteilung der Unterstützungen ins Werk zu setzen. Es steht jetzt völlig fest, daß die unumgänglich nötigen Summen nicht unter 250 000 Rbl« betragen können, und daß es andererseits wohl kaum zu hoffen ist, in Rußland mehr als weitere 50 000 Rbl. zu sammeln. Bei der oben skizzierten Sachlage werden unsere deutschen Glaubensgenossen wohl keinen Grund finden, uns Mangel an Opferwilligkeit und werkthätiger Sorge vorzuwerfen; sie werden begreifen, daß dieser Aufruf an glücklichere und besser situierte Stammesverwandte blos durch den Druck der Not hervorgerufen ist. Ich stelle es Ihnen anheim, werter Herr Kollege, Ihrer Einsicht und Kenntnis der deutsch-jüdischen Verhältniffe, die zweckmäßigste Art und Weise ausfindig zu machen, wie die Sache am besten in Gang zu bringen ist, erlaube mir aber, die Bildung eines besonderen Hauptkomitees in Berlin in Vorschlag zu bringen, sei es in Verbindung mit der Organisation der israelitischen Gemeinden oder ohne solche Verbindung; dies Hauptkomitee wird dann den Erlaß von Aufrufen, Bildung örtlicher Komitees in die Haud nehmen. Uebrigens, wie gesagt, will ich damit blos meine unmaßgebliche Ansicht und die Frucht hiesiger Erfahrungen Ihnen vorlegen. Hochachtungsvoll M. G. Syrkin, Chef-Redakteur. * * * Ein Komite der hier vorgeschlagenen Art ist in der Bildung begriffen. Die Redaktion der „Israelitischen Wochenschrift." Literarisches. Dem spanischen Gelehrten Professor Marcelino Menendez y Pelayo haben anläßlich des 20. Jahrestages seines Wirkens als Professor namhafte Gelehrte aus verschiedenen Ländern ein gegen 60 Aussätze umfassendes zweibändiges Sammelwerk geschenkt. Den Anfang des zweiten Bandes bildet eine Ab-