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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-05-04 · 18 (4.5.1900) · p. Seite 276

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
18 (4.5.1900)
Date
1900-05-04
Page
Seite 276 (sequence 8)
Language
German
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Seite 27G Israelitische Wochenschrift, Nr. 18. Wo die Vergangenheit in die Gegenwart hineinragt, können ihre Trümmer unserer rücksichtsvollsten Pflege gewiß sein. Mit zarter Scheu ändern wir an dem Ueberlieferten nur so viel, als nötig ist, um das Recht der Lebenden zur Geltung zu bringen. Denn freilich, so hoch wir das Recht des Bestehenden achten, so heilig ist uns auch das Recht der neuen Zeit. Dieselbe historische Bildung, die uns befchigt, die Ueberlieferungen der^Vergangenhcit in ihrer vollen Berechtigung nach dem Segen für ihre Zeit zu würdigen, giebt uns auch das Verständnis, den Fortschritt der Geschichte zu erkennen, und die Berechtigung, die neuen Schöpfungen unserer Zeit zur Geltung zu bringen. Ehrfurcht, zarte Schonung, heilige Scheu vor den Ueberlieferungen der Vergangenheit, thatkräftige Liebe für die neuentstehende Welt! Die einen sind unsere Väter, die andern unsere Kinder. Die Liebe bleibt die gleiche; aber sie bethätigt sich in verschiedener Gestalt. Geschichtliche Bildung lehrt den Dank gegen die Vergangenheit mit dem Vertrauen aus die Zukunft durch die einsichtsvolle Hingabe an die Arbeiten der Gegenwart vereinigen. Allein so sehr auch dies die Merkmale der wahren Bildung sind, so ist doch hinsichtlich ihres Zieles vor einer einseitigen Verstandesbildung zu warnen. Intelligenz allein ist noch nicht Bildung. Man formuliert gewöhnlich das Ziel der Bildung als harmonische Entwicklung aller Anlagen und Kräfte des Menschen. Das Gemüt soll insbesondere durch die Betrachtungen der Geschichte und Natur, durch Poesie und Kunst gepflegt werden. Allein Wissenschaft und Muße leiten das Leben nicht, sondern begleiten es blos. Man kann den Verstand üben durch die schwersten Probleme der Wissenschaft. Hat er aber diese gelöst, so ist noch der beste Teil der Kräfte unberührt geblieben. Durch Kunst und Poesie kann man das Verständnis für die edelsten und schönsten Erscheinungen der Menschenwelt wecken, sogar die Fähigkeit entwickeln, das innerlich tief Empfundene durch schöne Gestaltung auch Andern zur Anschauung zu bringen; aber diese Gesinnung schaffen kann man nicht. Es giebt nicht nur Kräfte in der Tiefe des Gemüts, die entfaltet, sondern auch Mächte der Zerstörung, die überwunden werden müssen. Die Bildung des Willens ist die Krone der Bildung, denn da soll der Herrscher erwachsen. Nur der göttliche Wille kann den menschlichen Willen beugen, ohne ihn zu brechen, ihn führen, ohne ihn zu verwirren, ihn stärken, ohne ihn starr werden zu lassen. Das Ziel der menschlichen Bildung kann außer der Gemeinschaft mit Gott nicht erreicht werden. Dazu verhilft kein bloßes Wissen und Verstehen, sondern wir müssen es durch die Arbeit des Lebens erringen. Unser heutiger Wochenabschnitt ist ein solches Pädagogium, um den Menschen nach dem wahren Ziel der Bildung zu leiten. Man könnte den ersten Teil des Wochenabschnitts dem gesternten Himmel vergleichen. Es sind unzählige lichte Punkte, die das oberflächlich betrachtende Auge nirgends zum Verweilen auffordern. Und doch sind es ganze große Welten, ist jeder Lichtpunkt ein in sich selbst geschlossener großer Kreis des Daseins, vielleicht der mannigfachsten Eigentümlichkeiten voll. Eine ganze Reihe von Pflichten des Menschen gegen den Menschen treffen wir da an, die alle Zugänge der Selbstsucht und Lieblosigkeit versperren, alle Röhren, aus denen die Feindseligkeit und der Haß fließen, verstopfen, dagegen alle Quellen des Bessern und Edlern in uns eröffnen: Wie wir z. B. nicht böse Reden und verleumderisches Gerücht ausbringen sollen; wie wir nicht ruhig bleiben sollen und unthätig, wo der Bruder in Gefahr ist. Mitten unter diesen und ähnlichen Pflichten des Menschen gegen den Menschen finden wir auch die wichtige Mahnung, den Bruder nicht zu hassen im Herzen, sondern das von ihm erfahrene Unrecht offen und frei und ohne Rücksicht gegen ihn auszusprechen und ihm vorzurücken; und als Krone und Gipfel der Lebensregeln: „du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." Welche hohe, erhabene Ansicht von der Würde der Menschen spiegelt sich in diesen Pflichten wieder! Die ehrenvollste Meinung, die der Mensch von sich haben darf und soll, ist in diesen Geboten geoffenbart. Der Besitz von Kenntnissen und der gute Geschmack, die Anmut der Erscheinung, das Verständnis der Werke für die Kunst berechtigen allein noch' nicht zu dem Anspruch auf den Namen eines gebildeten Menschen. Allgemein wird bei dem Gebildeten eine edle Gesinnung vorausgesetzt. Wir erwarten von dem Gebildeten, daß er nicht mit roher Selbstsucht seine Eigenliebe befriedige, sondern die Gleichberechtigung seiner Mitmenschen anerkenne, und die Schranken halte, in denen wir uns andern Menschen gegenüber zu halten haben. Der Gebildete überhebt sich nicht, Teilnahme und Wohlwollen bestimmen seine Handlungsweise. Wir erwarten, daß der Gebildete nicht gleichgtlttg sei gegen die Not seiner Mitmenschen, daß er bereit sei, nach Kräften zur Beseitigung der sozialen Notstände mitzuwirken. Hier dürfte der Ort sein, über das Verhältnis des Gebildeten zur Religion Klarheit zu gewinnen. Es giebt in unfern Tagen viele Gebildete, die mit der gegenwärtigen Form der Religion zerfallen sind und sich daher überreden, ohne Religion leben zu können. Was kümmert uns, meinen viele Gebildete, die Lehre von dem Dasein und der Einheit Gottes, was die Frage, ob die Seele unsterblich ist oder nicht; uns genügt es, wenn der Mensch in seinem Handel und Wandel brav, wacker und tugendhaft ist, mag er nun über diese höheren Fragen denken, wie er will. In diesem Punkt bedarf unsere Bildung einer wesentlichen Fortbildung. Schon aus dem Grund, weil der wahrhaft Gebildete vor jeder historischen Macht Achtung hegt, wird er keine Geringschätzung gegen die älteste und ehrwürdigste Einrichtung der Menschheit hegen. Der Gebildete kennt die ungeheure Bedeutung, die die Religion für die Geschichte der Menschheit hat; wie kann er die Erzieherin, die unsere Kindheit gepflegt, uns zum Mannesalter herangezogen hat, mit Geringschätzung ansehen? Dem Gebildeten ist es Pflicht, jeden Organismus nach seinem eigenen Wesen zu verstehen und zu behandeln. Wie kann er also mit roher Hand in das Leben der Religion zerstörend, verletzend eingreifen? Es giebt aber auch eine verzerrte Bildung, eine Afterbildung, die darin besteht, daß man ein Stück der Bildung

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