Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 18 (4.5.1900)
- Date
- 1900-05-04
- Page
- Seite 275 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18 Israelitische Wochenschrift. Seite 275. feindschaft und Sensationsbedürfnis spekulierend, so oft von Ritualmorden unterhalten, daß diese jetzt für die aus Anlaß des Konitzer Mordes erfolgenden Anklagen wohl vorbereitet sind. Ueber die Mörder des unglücklichen Winter und über die Umstände, unter denen er das Leben verlor, weiß man bis heute so gut wie nichts und ist durchweg auf Vermutungen angewiesen. Es liegt bisher gar kein Anzeichen vor, aus dem man schließen könnte, daß er von der Hand eines christlichen oder jüdischen Mörders gefallen sei, und der ganze gegen die Juden sich richtende Verdacht beruht im Grunde auf der Blutlosigkeit der gefundenen Körperteile, die man sich nach bekannten österreichischen Mustern zu einem Ritualmorde zurechtgelegt hat. Leider geht aus allen diesen Vorgängen hervor, daß unsere Bevölkerung auch nicht wesentlich vernünftiger ist als die österreichische, die sich schon wiederholt wegen angeblicher Ritualmorde zu argen Ausschreitungen hat hinreißen lassen. In Könitz und Umgegend geht es ganz ähnlich zu wie in den österreichischen Orten, wo gleichfalls mit Ritualmorden gearbeitet wurde: man beschimpft und verhöhnt die Juden, radaulustige Jugend rottet sich zu lärmenden Ruhestörungen zusammen, bei denen die Lust am Unfug die hauptsächliche Triebfeder ist, und man vergreift sich auch an jüdischen Gotteshäusern. Wenn nicht ärgere Ausschreitungen slattgefundey haben, so ist das ein Verdienst der deutschen Polizei, die immer noch rechtzeitig eingriff, aber einige Male von der Uebermacht der aufgeregten Volksmenge arg bedrängt gewesen zu sein scheint. Daß außergewöhnliche Zustände herrschen, beweist am besten die Verstärkung der Gendarmerie und die Entsendung eines besonderen Kommissars des Ministers Innern, der offenbar reichliche Arbeit vorgefunden hat. Nach den Vorsichtsmaßregeln, die auf seinen Antrag getroffen worden sind, kann man wohl hoffen, daß es nicht zu weiteren Ausschreitungen kommen wird, oder daß diese in ihren ärgsten Folgen verhindert werden können. Bestimmtes Auftreten der Regierungsorgane wird hoffentlich auch dazu beitragen, der verblendeten Bevölkerung die Augen zu öffnen sowohl über das Unverständige, wie über das Strafbare ihres Verhaltens. Wie berichtet wird, finden jetzt schon Strafverfolgungen wegen Landfriedensbruchs statt, bei denen leider nur solche Leute den Schaden tragen werden, die als Verführte des Mitleids wert sind, während die eigentlichen antisemitischen Hetzer auch diesmal frei ausgehen dürften." Der Minister des Innern hat auf die Entdeckung des Mörders einen Preis von 20 000 Mark gesetzt. Wir wissen hierfür Dank, denn der ungewöhnlich hohe Betrag löst vielleiche eine Zunge, daß sie nicht ferner die Wahrheit verschweigt. Wir wollen wünschen, daß die mit der Verfolgung der Angelegenheit betrauten Beamten Klugheit besitzen. Einstweilen glauben wir nicht, was einige Zeitungen melden, daß die Dienstmädchen angesehener jüdischer Einwohner von Könitz vernommen worden seien, ob sie nach der Ermordung des Knaben Winter Blutspuren in der Wäsche ihrer Herrschaft oder sonst in der Wohnung bemerkt hätten. Wäre das wahr, so bliebe unser Wunsch bestehen; unsere Hoffnung freilich sänke tief herab. Bildung. (Zum Woch ena bs ch ni tt.) Von Rabbiner Dr. B. Selig!owitz-Cöthen. Die Bildung ist ein so hohes Gut, daß man ohne Zwang unter ihrem Namen die ganze Sittlichkeit bezeichnen könnte. Häufig aber wird mit ihr eine unverständige Abgötterei getrieben. Besonders in unserer Zeit ist das der Fall. Es gereicht unserer Zeit zum Ruhm, daß der Wert der Bildung allgemein anerkannt ist. Bildung ist das Losungswort des Tages. Der Anspruch auf Bildung wird nicht blos aus den Höhen der Gesellschaft erhoben, sondern auch aus den unteren Schichten ringt sich der Mensch zum Licht der Bildung empor. Diese Thatsache ist hoch erfreulich. Sie stärkt unfern Glauben an die künftige Vollendung der Menschheit. Weil aber die Forderung so allgemein gestellt wird, so wähnen viele, die Bildung als eine leichte Beute erhaschen und in eitlem Ruhm zur Schau tragen zu können. In den früheren Jahrhunderten, da die Religion die Alleinherrschaft hatte, nahm die Heuchelet ein religiöses Kleid an; in unfern Tagen der Kultur, da die Bildung als die alleinseligmachende Religion gilt, treibt man ein elendes Spiel mit dem Schein der Bildung. Wir wollen im Folgenden versuchen, in Wesen und Ziel der Bildung einzudringen. Kenntnisse sind zur Bildung unentbehrlich; aber der Gelehrte ist nicht immer ein Gebildeter. Wenn Einer alle Schätze des Wissens in sich ausgehäuft hätte, so könnte ihm doch aus Mangel an anderen Erfordernissen das Wesentliche der Bildung fehlen. Man kann sehr gebildet und aufgeklärt sein, ohne eigentliche Gelehrsamkeit zu besitzen; und auch umgekehrt: man kann ein gelehrter Geschichtsforscher, Naturkundiger, Mathematiker und Astronom sein, sein Gedächtnis mit einer großen Menge von Kenntnissen angefüllt haben, und gleichwohl in andern, den Menschen weit wichtigeren Gegenständen falsche, verwirrte und irrige Meinungen hegen. Sich aufklären oder sich Bildung anetgnen, dürfte daher in erster Linie nichts anderes heißen, als die Begriffe, sie mögen einen Gegenstand betreffen, welchen sie wollen, aushellen und zur höchsten Klarheit und Deutlichkeit bringen. Die Bemühung, Ordnung, Wahrheit und Deutlichkeit in unsere Gedanken, in unser Thun zu bringen, bleibt ein ewiges Bedürfnis der Menschen; von ihr kann kein vernünftiges Wesen sich ungestraft lossagen, sie ist dem Landmann wie dem Handwerker, dem Künstler wie dem Kaufmann, dem Staatsverwalter wie dem Gesetzgeber unentbehrlich. Der Gebildete besitzt demnach nicht nur Kenntnisse, sondern Erkenntnis, nicht nur Wissen, sondern Weisheit. Für die allgemeine Bildung genügt nicht der bloße Stoff des Wissens, sondern die Verarbeitung, geistige Durchdringung und Aneignung des Stoffes. Der Gebildete kennt die Geschichte der Kultur. Er ist mit den Völkern vertraut, die die eigentlichen Träger der menschheitlichen Entwicklung waren. Er hat ein klares Bild von den aufeinanderfolgenden Zeiten, eine Einsicht in die Ideen, die die Zeit beherrscht haben. Der Gebildete erkennt aus dem Zusammenhang der Thatsachen die Entwtckelungsgesetze der sittlichen Weltordnung. Ihm ist die Weltgeschichte ein Weltgericht, dessen Urtetlssprüche ihm heilig sind. Darum hat er Achtung vor den Thatsachen und einen sittlichen Ekel gegen rohe Zerstörungslust. Der Gebildete naht sich mit Ehrfurcht den bestehenden Ordnungen im Staat, in der Religion, in der Gesellschaft.