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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-05-04 · 18 (4.5.1900) · p. Seite 274

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
18 (4.5.1900)
Date
1900-05-04
Page
Seite 274 (sequence 6)
Language
German
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Seite 274 Israelitische Wochenschrift. Nr. 18 aber werden Sie anerkennen, daß eine Berichtigung am Platze ist. Ich ersuche Sie also, diese in Ihre nächste Nummer aufzunehmen. Mit der Versicherung u. s. w. P. Pio E, Mortara." Der Zwangstäufling ist besser als feirt Schicksal. Der Koxitztt Mord. Das Ministerium des Innern hat geeignete Anordnungen getroffen, den Verhetzungen gegen die Juden in Westpreußen nachdrücklich entgegenzutreten. Die Ortspolizeibehörden thun gleichfalls, was an ihnen ist, die Krawallversuche zu unterdrücken. Bedauerlicherweise sind es nur die Angestiften, die zur Bestrafung kommen, nicht die Anstifter. Das Einwerfen von Schaufenstern in den Läden jüdischer Kaufleute, von Synagogenfenstern, und Schlimmeres sind zu einer Art Sport geworden, und die elenden Jämmerlinge, die die Saat ausgestreut, halten sich feige im Hinterhalt und hetzen aufs Neue, durch dHe erlogene Behauptung, daß die bedrohten Juden die Angriffe provozieren! Ein typischer Vorfall, der deutlich zeigt, wie Ritualmorde „gemacht" werden, hat sich in dem antisemitisch verseuchten Hammerstein abgespielt. Während dort, wie die„DanzigerZeitung" berichtet, am Samstag Abend (21.April) ein großer Haufen Radaulustiger auf den Straßen sein Unwesen trieb, Fenster einwarf re., trat ein Mann in den Laden des Produktenhändlers N. und verlangte ein Paar Stiefelsohlen zu kaufen. Obwohl Herr N. (nebenbei bemerkt, eine in Hammerstein beliebte und sehr angesehene Persönlichkeit, die mehrere Ehrenämter bekleidet) nur Engros verkauft, was dem'Käufer auch bekannt sein mußte, erklärte N. sich bereit, einmal eine Ausnahme zu machen. Kaum hatte er das Messer zum Abschneiden der Sohlen in die Hand genommen, als er von dem Manne hinterrücks gepackt und unter dem Ruf „er will mich schlachten" auf die Straße und unter den draußen wartenden Pöbel gezerrt und arg mißhandelt wurde. Die schon längere. Zeit hart bedrängte jüdische Gemeinde Hammerstein sandte nun eine Deputation von drei Herren an das Landratsamt und ließ um militärischen Schutz bitten, der auch zugesagt worden ist. Doch nicht nur in den Städten, sondern auch auf den Dörfern sind die jüdischen Bewohner den häßlichsten Insulten ausgesetzt. In Schlochau ist in Folge des energischen Vorgehens der Polizeiverwaltung die Ruhe wieder hergestellt. Bei Eintritt der Dämmerung patrouillieren Gendarmen, Polizisten und Nachtwächter die Straßen ab und halten die Ruhestörer in Schach. — In Schlochau hatten Antisemiten einen Schädel in einen alten Filzhut genäht, in die Nähe der Synagoge geschafft und dort „gesunden". Es wurde sofort erzählt, vor zwei Jahren sei ein bei einem Schlochauer jüdischen Kaufmann in Dienst stehendes Mädchen spurlos verschwunden. Diesem Mädchen solle der Schädel gehören, an dem Mädchen ein „Ritualmord" verübt sein. Die Folge dieser antisemitischen Schändlichkeit waren die üblichen Demolierungen. Der Schädel wurde in einer Kneipe zur Schau gestellt, bis die Polizei ihn beschlagnahmte. Die Ermordung des Knaben Winter in Könitz hat eine gewisse Ähnlichkeiten bietende Mordthat in Skurz vom Jahr 1884 in Erinnerung gebracht. Am Morgen des 22. Januar 1884 fand man die gräßlich verstümmelte Leiche des 14jährigen Knaben Onofrius Czybulla unter einer Brücke außerhalb des Dorfes Skurz (Kr. Pr.-Stargard) auf der Feldmark des Gutes Rüßhos. Die Schädeldecke des Ermordeten zeigte tiefe Stichwunden, der Hals war durchschnitten, der Unterleib durch einen langen Schnitt geöffnet, die inneren Teile entfernt, beide Oberarme der Länge nach aufgeschlitzt, beide Oberschenkel waren kunstgerecht „ausgelöst" und fehlten, die beiden Beine vom Knie ab lagen neben dem Rumpf im Wasser. Der Leichnam war gänzlich entkleidet, am Fundorte aber war keine Blutspur zu entdecken. Nachdem damals auch vielfache Verdächtigungen gegen Juden als die Thäter ausgesprochen worden waren, führten die Ermittelungen des Kriminalkommissars Höft aus Berlin, eines geborenen Konitzers, zu der Verhaftung des katholischen Schlächters Joseph Behrendt, der einer der Eifrigsten in der Anklage gegen die Juden gewesen war. In dem mehrtägigen Prozeß gegen Behrendt erkannte der Vertreter der Staatsanwaltschaft, Dr. Preuß, an, daß sich kein Moment ergeben habe, das einen Juden als Thäter verdächtig mache. Er sagte u. A.: „Die im Hause von Boß Vorgefundenen Blutspuren erwiesen sich als zu alt und, soweit sie noch erkennbar waren, als solche von Rinderblut. Alles, was gegen die Kaufleute Boß vorlag, hat sich als haltlos erwiesen. Auch Hermann Josephsohn kann nicht der Mörder gewesen sein, es ist u. A. bewiesen, daß Josephohn vor der That eine schwere Wunde an der Hand hatte, die ihn unfähig gemachthaben muß, die That auszuführen. Der Staatsanwalt schilderte dann den Angeklagten Bebrendt, der sich geweigert habe, die Leiche Czybullas zu sehen, einen als roh bekannten Mann, der zu mehreren Leuten geäußert habe, er könne mit ruhigem Blute einen Menschen schlachten. Behrendt hasse die Juden. sehr, und er habe die Mordthat vielleicht ausgeführt, um den Juden zu schaden. Der Spruch der Geschworenen lautete auf Nichtschuldig (wie man erfuhr, mit 6 gegen 6 Stimmen), Behrendt wurde freigesprochen und sofort aus der Haft entlassen. Er verzog bald nach Amerika,. wo er 1876 schon einmal gewesen war. Bis heutigen Tages ist der Skurzer Mord noch nicht genügend aufgeklärt und noch nicht gesühnt, wie freilich auch sehr viele andere Morde. Jetzt verbreiten die antisemitischen Blätter, daß der Schächter der Konitzer Gemeinde, Moritz Luchs, der bei dem verhafteten Jsraelski wohnte, ins Ausland verzogen sei, „angeblich, um der Ausweisung zu entgehen, während seine Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter unmittelbar bevorstand." Die Tendenz dieser Meldung liegt auf der Hand, und damit ist ihre Glaubwürdigkeit gekennzeichnet. Sie hat sich auch sofort als erlogen erwiesen. Moritz Luchs ist erst nach dem Mord nach Könitz gekommen. Bemerkenswert ist, was die „Kölnische Zeitung" schreibt: „Die Vorgänge in Westpreußen fangen nachgerade an, bedenklich zu werden, denn die Aufregung der Bevölkerung über die Ermordung des Gymnasiasten Winter erstreckt sich über Könitz hinaus und ergreift benachbarte Städte und Ortschaften, so daß schon jetzt ein starkes Aufgebot von Gendarmerie hat erfolgen müssen. Es ist kaum als ein Wunder zu betrachten, daß die von den Antisemiten bearbeiteten Menschen sich steif und fest einbilden, daß sie es hier mit einem jüdischen „Ritualmorde" zu thun haben, denn die antisemitischen Blätter haben die Leser, zugleich auf Indem

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