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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-05-04 · 18 (4.5.1900) · p. Seite 273

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
18 (4.5.1900)
Date
1900-05-04
Page
Seite 273 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 18 Israelitische Wochenschrift. Teile 273. antisemitischer Büberei, die überall die nämliche ist, überall mit den gleichen Mitteln arbeitet. * * * (Wie man ein Rttualmörder werden kann.) Der „Reichenberger Zeitung" wird aus Polaun, einem Dorf im Gablonz- Tannwalder Bezirk, 17. April, geschrieben: „Wenn Einer eine Reise thut, so kann er was erzählen. Deshalb kann auch der Gastwirt Wenzel Neumann in Oberpolaun (Wazelsbrunn), dessen Entführungsgeschichte die vorige Woche die Zeitungen meldeten, etwas erzählen. Der 72 Jahre alte, von christlichen Eltern in unserer Gegend geborene Mann wollte, da seine Frau fortwährend krank ist, zu deren Stütze in der Haus¬ und Gastwirtschaft ein kräftigeres, elternloses Mädchen in Pflege nehmen und womöglich adoptieren. Durch eine hiesige junge Frau aus Biela wurde er auf die dortige elternlose Marie Lhonskt aufmerksam gemacht. Er fuhr hin und wurde bald mit dem Vormund und dem Mädchen einig und nahm dieses sofort mit sich. Der Vormund fuhr die Beiden bis zur nächsten Bahnstation. In Jglau wurde nun Herr Neumann seines großen weißen Bartes und seiner buschigen Augenbrauen wegen für einen polnischen Juden gehalten, und man witterte sofort, daß er an dem Mädchen einen Ritualmord begehen wolle. Irgend ein Pfiffikus telegraphierte sogleich nach Deutschbrod, wo Herr Neumann nach seiner Ankunst in der Hahnhof-Restauration verhaftet wurde. Die Situation, in der er sich befand, war keineswegs beneidenswert. Die Menge überhäufte ihn mit Schimpfworten, wie: Betrüger, Mörder, Schuft und dergleichen. Das Mädchen an seiner Seite zitterte. Der ihn verhaftende Gendarm behandelte ihn auch nicht §ehr glimpflich, und ein paar naseweise Kellner verspotteten ihn. Ein Beamter des Bezirksgerichtes in Deutschbrod, dem der vermeintliche Jude nun zunächst übergeben wurde, fuhr ihn ebenso barsch an, wie der übereifrige Gendarm. Kurz, Alles schien von seinem Judentum und seinen schlechten Absichten überzeugt zu sein. Nur nicht der Gerichtsadjunkt, der ihn zu Protokoll nahm. Dieser mochte wahrscheinlich über eine größere Menschenkenntnis verfügen, als die, mit denen Neumann bis dahin in Berührung gekommen war; auf ihn mochte Herr Neumann schon bei den ersten paar Worten durchaus nicht den Eindruck eines gefährlichen Menschen machen, sondern eher den eines knorrigen Gebirgsbauern, und er behandelte ihn auch deshalb mit der Freundlichkeit und Höflichkeit eines gebildeten Mannes. Neumann hatte, da die Reise blos für zwei Tage in Aussicht genommen war, nicht daran gedacht, sich mit einer Legitimation zu versehen, und mußte nun warten, bis er von der Heimatsgemetnde legitimiert wurde. Der menschenfreundliche Beamte gab sich redlich Mühe, den unfreiwilligen Aufenthalt Neumann's zu verkürzen und es war nicht seine Schuld, daß dieser dennoch 3 Tage dauerte." — Der Blutaberglaube existiert wirklich, aber nicht bei den Juden. * * * (Mortara in Galizien.) Der Krakauer Kaufmann Israel Araten, dessen Tochter Mtchalina Ende Dezember v. I. in daS Krakauer Felicianerinnen-Kloster ausgenommen wurde, und deren Herausgabe beharrlich verweigert wird, ist vom Kaiser Franz Joseph in Audienz empfangen worden. Araten bat, der Kaiser möge die Herausgabe des Mädchens anordnen, da das Einschreiten des Justizministers erfolglos geblieben, und die Krakauer Polizei- und Justizbehörden nicht energisch gegen Kloster und kirchliche Oberen Vorgehen. Araten sank dem Kaiser zu Füßen und bat weinend um baldige Entscheidung, da seine Frau sterbenskrank sei und einen abermaligen Mißerfolg nicht überleben würve. Der Kaiser hob den Bittsteller auf und sagte ihm: „Ich werde heute noch Weisungen an die Behörden geben lassen, damit diese ihre Pflicht und Schuldigkeit thun." — Wir zweifeln nicht an des Kaisers gutem Willen; doch am Erfolg zweifeln wir. * * * (Mortara in Paris.) Der als Säugling heimlich getaufte und dann als Knabe auf Befehl des Papstes Pius IX. seinen Eltern mit Gewalt entrissene und katholisch erzogene Mortara, gegenwärtig Missionspriester, weilte kürzlich in Paris. Der dortige „Temps" erzählte die Geschichte Mortaras in lügnerischer W ise: er sei „angeblich" seinen Eltern geraubt worden, die nach seiner Taufe nichts von ihm wissen wollten; später sei es ihm gelungen, die Mutter zur Katholikin zu machen. Dem genannten Blatt ist darauf von Mortara nachstehende Berichtigung zugegangen: „Herr Redakteur! Mit apostolischen Missionsarbeiten hier in Rom beschäftigt, habe ich erst jetzt die Nummer Ihres Blattes gelesen, in der in einem Bericht aus Rom von meinen historischen Schicksalen die Rede ist. In diesem Bericht finden sich außer mehreren Unrichtigkeiten auch Behauptungen, die verletzend für meine Familie sind, mit der ich stets in den besten Beziehungen und in brüderlichem Einverständnis gelebt habe. Nachstehendes ist reine einfache Wahrheit, soweit sie sich' auf meine Vergangenheit bezieht: In schwerer Todesgefahr wurde ich, als ich kaum elf Monate alt war, durch eine christliche Magd getauft, die bei meinen Ettern in Bologna in Dienst war, wo ich 1851 geboren wurde. Die Magd hat mich nicht erzogen, ich konnte sie also auch nicht als meine Adoptivmutter betrachten. Nach meiner Taufe blieb ich sieben Jahre ruhig bei meinen Eltern. Im Juni 1858 wurde ich auf Befehl des Papstes Pius IX., des damaligen weltlichen Herrn von Bologna, von meiner Familie getrennt und nach Rom gebracht, wo derselbe Papst mich in der katholischen Religion erziehen ließ, zuerst beim Rektor der Katechumenen und dann bei den Regulären des Lateran rm Kolleg San Pietro in Vineuli. Wir bedauern sehr, meine Brüder und ich, daß Ihr Bericht behauptet, meine Eltern hätten mich verleugnet und mich der Magd überlassen, die mich taufte, und sie hätten sich wiederholt geweigert, mich in ihrem Familienkreis zu empfangen. Meine Eltern thaten im Gegenteil alles Mögliche, um mich wiederzubekommen, allerdings vergeblich. Ihr Bericht behauptet ferner, daß meine Mutter als Christin gestorben sei. Die Wahrheit über Alles! Ich habe stets lebhaft gewünscht, daß meine Mutter den katholischen Glauben annähme, und ich habe mehrmals versucht, sie dazu zu bewegen. Aber es hatte keinen Erfolg, und als ich in ihrer letzten Krankheit mit meinen Brüdern und Schwestern bei ihr war, habe ich keine Zeichen einer Bekehrung an ihr wahrgenommen. Am Schluß einer Missionspredigt habe ich meine Geschichte nicht erzählt, sondern ich habe mich darauf beschränkt, den Gläubigen zu empfehlen, sie möchten beten, damit die katholische Wahrheit, die mein höchstes Glück auf dieser Erde ist, auch die Quelle des wahren Glücks für Diejenigen werden möge, mit denen ich durch die Bande des Blutes und der zärtlichsten Zuneigung verbunden bin. Ich glaube gern, daß der Bericht der Kontrolle der Redaktion entgangen ist. Auf alle Fälle

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