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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-04-20 · 16 (20.4.1900) · p. Seite 250

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
16 (20.4.1900)
Date
1900-04-20
Page
Seite 250 (sequence 14)
Language
German
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Seite'280. Israelitische Wochenschrift. Nr. 16. Feuilleton. Der Rabbi m Liegnih. Historische Erzählung aus der Hussitenzeit. Von Dr. A. Sammler. (Fortsetzung.) Zehntes Kapitel. Ein frohbewegtes Leben herrschte im kaiserlichen Lager. Das rohe und ausgelassene Treiben der Krieger war einer festlichen Stimmung gewichen, in friedlichem Schmuck reihte fich Zelt an Zelt, die Musik spielte lustige Weisen, die gewiß nicht an den grausen, blutigen Krieg erinnerten, der seit zwei Jahren im Reich wütete. Ueber dem kaiserlichen Zelt wehte die Purpurstandarte, denn noch heute sollte Kaiser Sigismund nach langer Abwesenheit seinen Einzug in das Lager halten, und in freudiger Erwartung harrten Alle dieser Stunde entgegen. Nur drei Unglücklche gab es im Lager, Bella, Rachel und ihr Bruder; nur in ihren Herzen wühlte grausamer Schmerz und, während rings im Lager Jubel und Frohlocken ertönte, fanden sie nur heiße Thränen für ihr bitteres Geschick. In verzehrender Sehnsucht gedachten sie der teuren Geliebten im fernen Prag. Kein tröstender Gedanke wollte einkehren in ihr kummerbedrängtes Herz, selbst an der Hoffnung aus Hilfe, die Ernst ihnen gegen eine Allgewalt von Feinden bringen könnte, hatten sie verzweifelt, nirgend erschien ein Schimmer von Rettung, und heute sollte der Kaiser zurückkehren. Die Stunde der Rache nahte unaufhaltsam heran, und sie kannten das Los, das ihrer harrte. In düsteren Gedanken versunken, saßen sie in ihrem Zelte beisammen, als froher Jubelschall zu ihren Ohren drang und lautes Fanfarengeschmetter die Ankunft des Kaisers meldete. Auf weißem Roß ritt Kaiser Sigismund, gefolgt von seinen Pagen und Edelleuten, in das Lager. Sigismund war ein stattlicher Mann, von großer majestätischer Gestalt und lebhaftem Blick. Ein freundliches Wesen, eine scheinbare Treuherzigkeit und Biederkeit, die ihm leicht die Herzen gewann, war über sein Antlitz gebreitet, doch unter dieser äußeren Hülle barg sich Leichtsinn, Genußsucht und Treulosigkeit. Unendlich leichtfertig undunzuverlässig, lebte er nur dem Genuß; ungeheure Summen verschwendete er, um seine rohen Begierden zu befriedigen, um prunkvolle Feste zu feiern und schwelgerische Abenteuer zu unterhalten, und kein Mittel war zu niedrig, wenn es ihn nur an das ersehnte Ziel führte. Der Kaiser stieg von seinem Roß ab, begrüßte die Krieger, die sich im militärischen Festtagsschmuck vor ihrem Fürsten ausgestellt hatten und schritt zu seinem Zelt, das innen und außen mit kostbaren Blumengewinden reich geschmückt war. Kaum hatte ersich darin niedergelassen, als er seine Hauptleute um sich versammelte und mit finsterer Miene sie anredete: „Schwere Kämpfe stehen uns bevor. Die Hussiten sind Herren von Böhmen, sie durchziehen brennend und sengend das Land, sie verheeren blühende Gefilde, stecken Kirchen und Klöster in Brand, morden Priester und Mönche, und ihre Zahl wächst mit jedem Tag. Wenn uns das Kriegsglück noch länger flieht, so müssen wir Frieden schließen, oder das Land verlassen. Doch sagt zunächst, was ist geschehen, seit ich fern vom Lager weilte?" Aus der Reihe der Umstehenden trat der Hauptmann des Lagers hervor und das Knie vor Sigismund beugend, sprach er: „Kaiserliche Majestät! Hier im Lager ist nichts Bemerkenswertes vorgefallen, nur von einem prächtigen Fang, der uns gelungen, habe ich zu berichten. Ihr wißt, daß vor etlichen Monaten die Hussiten ein Nonnenkloster einäscherten und zwei Patres grausam zu Tode marterten. Die Hauptschuld traf die Jüdlein, die sie den Feinden verraten haben. Ihr schwüret damals blutige Rache den Urhebern der That; die Stunde der Vergeltung ist gekommen. Der Stadtschreiber von Liegnitz, ein kaiserlich treu gesinnter Mann, Ambrosius Bitschen, hatte uns durch einen Boten die Nachricht gesandt, daß jene Jüdlein auf ihrer Flucht aus Prag unser Lager berühren müßten. Ich. entbot sofort eine Streisschar, diese legte einen Hinterhalt, und die ahnungslose Reisegesellschaft ging in die Falle. Ein Bursche entfloh des Nachts, die anderen habe ich aufgespart, damit Ihr selbst, erlauchter Kaiser und Herr, die verheißene Rache an ihnen ausüben könnt." Sigismund war während dieser Worte wild aufgesprungen und gleich Flammengeschoffen blitzte es aus seinen Augen. „Du hast Recht, frohlockte er endlich auf, furchtbar rächen will ich den Mord jener Priester, rächen das Blut der gefallenen Brüder. Führet sie sofort herbei, und ich will das Urteil über sie fällen." Sigismund trat vor das Zelt, und schon nach wenigen Augenblicken wurden die Gefangenen vor den Fürsten geschleppt. Sicheren Schrittes trat Michel Israel auf, während Bella gebrochen einherwankte, und Rachel verzweiflungsvoll mit geschlungenen Armen sich niederwarf. Ihr Haupthaar wallte aufgelöst an ihrem Nacken hernieder, und der schmerzvoll flehende Blick verlieh dem von Körperleiden und Seelenqualen gefolterten Antlitz den berückenden Zauber seelenvoller Schönheit. Lange weilte das Auge des Kaisers teilnahmsvoll auf ihrer Gestalt, doch bald siegte in seinem Herzen der Haß über das Mitleid, und grimmig rief er aus: „Also Ihr habt den Pater Ignatius und Pater Sixtus ermordet, Ihr habt ihn den Hussiten ausgeliefert! Ein glücklicher Zufall hat Euch in meine Hände gespielt, ich habe einen Schwur gethan, jene Priester unserer Kirche zu rächen, und ich werde meinen Eid einlösen." „Wir sind unschuldig, Herr, wir haben nichts, nichts verbrochen," wagte Michel einzuwerfen, doch der Kaiser unterbrach ihn hart: „Schweig', Euer Verbrechen ist klar wie das Licht der Sonne, und ich will es sühnen." Wieder fiel des Kaisers Blick auf Rachel, wie sie flehend mit ihren großen blauen Augen zu ihm aufschaute. Sigismund fühlte eine leise Rührung in seinem Innern, und mit bewegten Worten fuhr er fort: „Ich will nicht an Euch die Marter vergelten, unter denen Pater Ignatius und Sixtus ihre Seele ausgehaucht. Aber den-Mord müsset Ihr büßen, und mit dem scheidenden Sonnenstrahle sollet Ihr für Euren Frevel den Tod erleiden."

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