Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 16 (20.4.1900)
- Date
- 1900-04-20
- Page
- Seite 249 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 16. Israelitische Wochenschrift. Seite 249. würdig im Verkehr, gutherzig und freundlich gegen Jedermann. Aus vollem Herzen erwiderte er seiner Kinder Liebe und mit Stolz nannte er Herrn Dr. Ungerleider seinen Schwiegersohn. In Gesprächen liebte er biblische und talmudische Aussprüche und Sätze in der Ursprache zu zitieren. Die Beisetzung fand am vorigen Freitag statt. Er ruhe sanft. London, 15. April. (Vermächtnis an die englische Nation.) Man hat oft behauptet, daß der Jude der beste Kunstsammler ist, weil er einen angeborenen künstlerischen Spürsinn und das richtige Gefühl dafür hat, Kunstschätze in diskreter Weise aufzustöbern und zu erwerben. Einen neuen Beweis für das Zutreffen dieser Behauptung ist die in ihrer Art einzige Sammlung des verstorbenen Barons Ferdinand von Rothschild, die dieser in seinem Schloß Waddesdon Manor aufgestellt hatte und in seinem Testament dem British Museum hinterlassen hat. Diese 265 Nummern umfassende Sammlung von mittelalterlichen und Renaissance-Kunstwerken ist nunmehr im British Museum in einem besonderen „Waddesdon Bequest Room" benannten Zimmer aufgestellt worden, in demselben Raum, der bisher die in Britannien aufgefundenen römischen Altertümer beherbergt hat. Die Sammlung ist aus 61/3 Mill. Mark geschätzt. Petersburg, 16. April. (Ausdehnung des Ansied e l u n g s g e b i e t s.) Die Verfügung, nach der Juden in einer Entfernung von 50 Werst nicht an der westlichen Grenze wohnen dürfen, hat eine Aenderung dahin erfahren, daß die Sperrzone aus 40 Werst eingeengt worden ist. Libau, 16. April. (Ministerialentsch eidung.) Vor einiger Zeit sind mehrere jüdische Schülerinnen des hiesigen Mädchengymnasiums von der Anstalt verwiesen worden, weil sie sich geweigert hatten, am Sabbat zu schreiben. Auf eine Beschwerde der betreffenden Eltern hat der Unterrichtsminister geantwortet, daß die Schülerinnen des Gymnasiums am Sabbat schreiben müssen. Das ist beinahe wie in Oesterreich! Bukarest, 12. April. (Auswanderungen.) Nach Beendigung des Passahfestes beabsichtigen ungefähr tausend jüdische Männer, Frauen und Kinder Rumänien gemeinschaftlich zu verlaffen und als lebender Protest gegen die ihnen in der Heimat zugefügte Unbill zu Fuß durch Oesterreich und Deutschland zu ziehen, um nach Amerika auszuwandern. Sie sind ohne Existenzmittel und hoffen, unterwegs von den verschiedenen jüdischen Gemeinden Unterstützungen zu erlangen. Cincinnati, 8. April. (Tod des Rabbiners Dr. I s a a e M. W t s e.) Der Begründer und das Haupt der jüdischen Resormbewegung in Nordamerika, der Rabbiner der B'net Jeschurun-Gemeinde in Cincinnati, Dr. I. M. Wise, ist im Alter von 81 Jahren gestorben. Er war 1819 in Steingrub in Böhmen geboren, hatte in Prag das Gymnasium, in Wien die Universität besucht und sofort nach Erlangung des Rabbtnerdiploms die Rabbinersteüe in der Gemeinde Radnitz in Böhmen übernommen. Da das kleine Städtchen dem Thatendrang des jungen Gelehrten keinen genügenden Spielraum bot, ging er nach Amerika und erhielt ziemlich bald nach seiner Uebersiedlung die Rabbinersteüean der Beth- El-Gemeinde zu Albany im Staat New York. Hier gefiel der junge Prediger wegen seiner außergewöhnlichen Beredsamkeit zuerst sehr gut; als er aber mit seinen Reformideen immer deutlicher hervortrat, einen gemischten Chor, Orgel und andere Neuerungen einführte, hörten die Streitigkeiten innerhalb der Gemeinde nicht mehr auf und endeten mit der gewaltsamen Entfernung des Neuerers. Dr. Wise zog darauf nach dem Westen und kam 1854 als Rabbiner an die B'nei Jeschurull-Gemeinde unserer Stadt, in welcher Stellung er bis an seinen Tod verblieben ist. Dr. Wise war ein Organisator ersten Ranges. Er hat die „Union of American Hebrew Congcegations" begründet, die wiederum das Hebrew Union College eingerichtet hat. Dr. Wise wurde Direktor und Lehrer der Theologie an dieser Rabbinerschule, deren Schüler mit Begeisterung an ihrem Lehrer hingen und schon vielfach als Rabbiner an amerikanischen Gemeinden amtieren. Auch den Central-Verband der amerikanischen Rabbiner hat Dr. Wise gebildet; 140 Rabbiner aus allen Teilen Amerikas gehören diesem Verband an. In der von ihm begründeten und geleiteten Zeitschrift „The American Jsraelite" hat Dr. Wise allezeit den von ihm begonnenen Kampf für seine Reformbestrebungen fortgesetzt. Das von ihm revidierte Gebetbuch „Mtnhag Amerika" fand so großen Beifall, daß es von 100 amerikanischen Gemeinden in Gebrauch genommen worden ist. Bet Gelegenheit seines 80. Geburtstages ist Dr. Wise von seinen Freunden, Verehrern und Schülern in der überschwänglichsten Weise gefeiert worden; doch darf nicht übersehen werden, daß er durch sein rücksichtsloses Vorgehen gegen die Orthodoxie dem Judentum großen Schaden zugefügt hat. Er war unzweifelhaft ein Mann von großer Begabung und bedeutender Thatkraft. Seine Freunde nannten ihn den „Nestor des amerikanischen Judentums", seine Feinde gaben ihm wegen seiner autokratischen Allüren den Beinamen des „westlichen Papstes". Personalnachrichten und kleine Mitteilungen. Herr Rabbiner Dr. Eschelbacher in Berlin hat bei dem Scheiden aus seinem bisherigen Amt vom Großherzog von Baden zu dem früher verliehenen Zähringer Löwenorden I. Klasse das Eichenlaub erhalten. — Dr. Theodor Herzl wird im Mai in New- Aork erwartet, von wo aus er eine Rundreise durch die Vereinigten Staaten zu machen beabsichtigt. Die amerikanischen Zionisten treffen große Vorbereitungen zum Empfang dieses Besuchs. — In Paris ist der Bibliothekar der Mazarin-Bibliothek, Läon Cahun, gestorben. Er war der Verfasser mehrerer von der Akademie preisgekrönten Werke. — Nach den neuesten statistischen Erhebungen leben zur Zeit in Egypten 25 300 eingeborene Juden. Vakanzen. Sag an. Rel.-L., Vorb., Sch., 2000 M. Geh. Meld. an Vorst. — Kitzingen in Bayern. Rel.-L. und mus. geb. K., 1600 M. Anfangsgeh., 600 M. Nebeneink, penfionsber. Meld. an Kultusverwaltung. — Bornheim-Rheirr bei Bonn. Sem. geb. Rel.-L. u. K., 1000 M. Geh. Meld. an C. Koppel. — Osterode, Ostpr. Vorb., Sch., Balk., Balt., 1000 M. Geh., 100 M. garant. Nebeneink. Meld. an S. Jacoby. — Beeskow. Rel.-L., Vorb., Sch., 900 M. Geh., 200 M. Nebeneink. Meld. an F. Beermann.