Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 16 (20.4.1900)
- Date
- 1900-04-20
- Page
- Seite 248 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9607256-9607373--7740-9607385- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 248. Israelitische Wochenschrift. Nr. 16. 45 Lehrlinge und 28 Schüler. Der Rückgang in der Zahl der Zöglinge erklärt sich daraus, daß wir einstweilen wegen Mangel an den dazu erforderlichen Mitteln nicht nur den Plan einer Vergrößerung der Anstalt fallen ließen, sondern auch der Empfehlung wohlmeinender Freunde folgten, die uns rieten, vorläufig nur solche Zöglinge aufzunehmen, deren Angehörige in der Lage wären, uns die Unterhaltungskosten möglichst vollständig zu ersetzen. — Indem wir versuchsweise diesem Rat folgten, vergrößerte sich natürlich die Zahl der Abweisungen und die Gesamtzahl der Zöglinge nahm in gleichem Maße ab. Wir verkennen nicht, daß wir unter diesen Umständen unseren Bestrebungen nur teilweise gerecht wurden, und beabsichtigen daher, die früher bezüglich Aufnahme von Zöglingen befolgten Grundsätze wieder als Richtschnur zu nehmen, dabei hoffend, daß sich Wohlthäter genug finden werden, um uns auch weiterhin die Aufnahme bedürftiger Knaben zu ermöglichen. Der Volksschul-Unterricht der Knaben wurde in der bisherigen Weise gehandhabt. Es sind, wie dies nach der stattgehabten Jahresprüsung durch Herrn Landrabbiner Dr. Gronemann festgestellt worden, recht erfreuliche Resultate erzielt. Nachdem unser erster Lehrer, Herr Inspektor Silberberg, sich im Herbst 1898 verheiratet hatte, übernahm seine Gattin in fürsorglicher Weise einen Teil der Leitung des Haus- und Erziehungswesens. — Der Gesundheitszustand der Zöglinge war in der Berichtszeit G. s. D. ein recht guter. — Um uns bei einem etwa ausbrechenden Brande besser schützen zu können, ist eine Feuerspritze angeschafft, zu deren Kosten der Landtag der Calenberg-Grubenhagen'schen Landschaft uns (im Jahr 1900) einen Beitrag von 200 Mark gewährte. Schon wenige Monate nach der Anschaffung konnte unsere junge Mannschaft bei einem im benachbarten Orte Ltmmer entstandenen Brande eine Probe ihrer Leistungsfähigkeit ablegen; sie erhielt bei dieser Gelegenheit für ihr schnelles Eingreifen eine Prämie von 20 Mk. — Statutengemäß untersteht die Anstalt der staatlichen Aufsicht durch die Königliche Regierung zu Hannover, deren Präsident, Herr von Brandenstein, in Begleitung der Herren Oberregierungsrat von Funke und Regierungsrat Meyer, am 21. Februar 1899 die Anstalt mit ihrem Besuche beehrten und sie einer eingehenden Besichtigung unterzogen. Die Herren sprachen sich lobend über die einfache, zweckentsprechende Lebensführung, die stramme Haltung und die Arbeitsleistung der Zöglinge aus; auch versicherten sie uns der Sympathien der Königlichen Regierung für unsere Bestrebungen." — Die Rechnung des Haushalts und der Schule nebst Bureau schließt mit Mk. 46 700,57, wovon Mk. 2246,20 auf neue Rechnung vorgetragen sind. Die Rechnung der Gärtnerei, Landwirtschaft und Bäckerei, mit Mk. 21 428,48 auslaufend, zeigt einen Ueberschuß von Mk. 7020,37, für Neuanlagen sind Mk. 17 000 aufgewendet worden. Die Spenden beliefen sich auf Mk. 23 311,34. Davon sind Mk. 7000 dem Stiftungsfonds überwiesen worden, dem außerdem Mk. 2550 zufloffen. Der Vermögensabschluß berechnet den Stiftungsfonds aus Mk. 242 221,87. — Seele des ganzen Instituts ist nach wie vor Herr Konsul Simon in Hannover. Ems, 15. April. (Majne hajeschuoh.) Der Unterstützungsverein für arme jüdische Kurbedürstige „Emser Heilquelle" (Majne hajeschuoh) hat den 11. und 12. Bericht herausgegeben, der die Jahre 1898 und 1899 umfaßt. Der Bericht konstatiert nur mäßige Fortschritte, aber gerade daraus gewinnt er, was herzliche Anerkennung verdient, den Mut, nach Größerem zu streben und neben dem Central-Waisen- und Mädchenheim sich ein eigenes Haus zu schaffen. Den Vorstand des Vereins bilden die Herren Bezirksrabbiner Dr. Weingarten, Gemeindevorsteher I. Thalheimer, Dr. Aronsohn, H. Löwenstein hier und I. A. Ettlinger-Halpern in Frankfurt a. M. In den beiden Jahren hatte der Verein 32 männliche und 9 weibliche Patienten in Pflege. Beim Jahresschluß hatte der Verein ein Vermögen von Mk. 7332,67. Wirballen, 12. April. (Tod des Rabbiners Moses S t e r n st e i n.) Der fromme und gelehrte Rabbi Moses Sternstein, der über 50 Jahre an der Spitze unserer Gemeinde gestanden, ist nach längerem Leiden gestorben. Er war ein hervorragender Talmudist und eine anerkannte Autorität im jüdischen Schrifttum. Seine Gemeinde und die Rabbinen der benachbarten Städte waren ihm in herzlicher Verehrung zugethan, die der bescheidene, liebenswürdige Mann durch sein freundliches Wesen und seine Hilfsbereitschaft in reichem Maße verdient hat. M. Schrimm, 17. April. (Literaturverein.) Im Februar d. I. wurde hier ein Verein für jüdische Geschichte und Literatur ins Leben gerufen und zugleich die Begründung einer Bibliothek beschlossen. In der ersten Versammlung hielt Herr Rabbiner Dr. Bamberger von hier einen Vortrag über das Thema: „Zu welchem Zwecke studiert man jüdische Geschichte?" Den zweiten Vortrag hielt Herr Dr. A. Kohut- Berlin über: „Friedrich II. und die Juden." Als dritten Vortrag hörten wir „Heine und sein Verhältnis zum Judentum" von Herrn Referendar Baruch aus Posen. Den vierten Vortrag sollte Herr Dr. Königsberger aus Pleschen halten, der aber in letzter Stunde noch absagen mußte. Statt seiner sprach Herr Dr. Bamberger von hier über die „Charaktere im Estherbuch". Der Verein beendete seine Thätigkeit für dieses Semester mit einem Vortrag über „Die Posener Rabbinen" von Herrn Rabbiner Dr. Bamberger aus Schildberg. Redner teilte einen Auszug mit aus seinem demnächst erscheinenden Werke „Die Geschichte des Posener Rabbinats". Wien, 17. April. (Ableben Dr. Samuel Kadis ch s.) In vergangener Woche entschlief sanft ohne Kampf im hohen Greisenalter von 94 Jahren Herr Med. Doktor Samuel Kadisch. In Austerlitz in Mähren trat er ins Leben ein, schwand ihm das Morgenrot der Kindheit wie die heitere sorglose Zeit der Knabenjahre. Dort besuchte er auch das Gymnasium. Als Dr. der Medizin verließ er die Hochschule und erhielt sodann eine Anstellung als Leibarzt in Malatzka beim Fürsten Palffy. Die letzten Jahre verlebte er im Hause seiner Tochter, Frau Adelheid Geiringer, die den Vater mit Hingebung betreuete. Gleiche Anhänglichkeit erwies dem Patriarchen die zweite Tochter, Frau Therese Ungerleider, Gattin des Rabbiners Dr. Ungerleider aus Berlin, der dieses vielverehrten Vaters wegen in Wien Wohnsitz nahm. Auch die dritte Tochter, die verw. Frau Henriette Hitschmann, hing dem nun Verblichenen mit kindlicher Treue und Liebe an. Er war auch aller Hochschätzung und Verehrung, nicht blos seitens seiner Kinder, wert. Er war ein lauterer Charakter, liebens-