Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 16 (20.4.1900)
- Date
- 1900-04-20
- Page
- Seite 245 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 16. Israelitische Wochenschrift. Seite 245. wirtschaftlich ins Gedränge gekommen. Die Kaufhäuser, die Geschäfte mit der jetzt so viele Verkäufer vertretenden Ansiedelungskommtsston, die im Submtsstonswege abgeschlossen werden und die Tendenz haben, in die Hände einiger weniger mehr oder minder geschickt operierender und per las er nfefas zum Ziele gelangender Firmen überzugehen, und nicht minder die allgemeine Entwickelung des Geschäftslebens, sowie die Konkurrenz der polnischen Firmen erschweren den kleinen jüdischen Handelsleuten die Existenz. Ganze Gemeinden haben sich ausgelöst oder sind der Auflösung nahe. Die Aermeren ziehen in die größeren Städte, die Wohlhabenden nach Berlin und anderen Großstädten, wo sie wenigstens etwas Genuß von ihrem Vermögen sich verschaffen, wenn nicht gar es noch vermehren können, während sie an dem Orte ihrer bisherigen Thätigkeit weder Genuß, noch Ansehen, noch Gewinn erhoffen können. In unserem Städtchen beispielsweise ist die Zahl der Juden auf die Hälfte zurückgegangen. Kinder und junge Paare giebt es dort überhaupt nicht mehr. Einen „Reltgionslehrer" können fie nicht mehr besolden, selbst zur Anstellung eines „Schächters" reicht die Gemeinde nicht mehr aus, die nur noch einem alten Mann einen Zuschuß gewährt dafür, daß er gelegentlich Geflügel schächtet. Denn zum Schächten größeren Schlachtviehs reichen die ritual vorgeschriebenen physischen Kräfte des alten Mannes nicht aus. Die Folgen dieses Zustandes möchte ich dem Abg. Dr. Oertel zur gefälligen Kenntnisnahme empfehlen. Die Juden, die hier noch fromm, wenn auch viel toleranter geworden sind, essen darum nicht Fleisch von ungeschächtetem Vieh, find auch keine Vegetarier geworden, sondern kaufen das .Fletsch in den Nachbarstädten. Und genau so machen es die strenggläubigen Dresdener und andere sächsische Juden, die fich Fleisch aus, — Berlin schicken lassen. Daß Herr Dr. Oertel als „heller" Sachse an eine solche Möglichkeit nicht gedacht hat, sondern qlaubt, die frommen Juden hätten sich in Sachsen dem Schächiverbot gefügt, macht seiner Naivetät alle Ehre. Einige Juden genießen fast das ganze Jahr, weil fie anderes Fleisch nicht erhalten können, nur Geflügel, das in unserem Städtchen der eine und der andere billig kaust, heranzteht und dann schächten läßt. Doch zurück zur „Polensrage". Man wird sagen, die Regierung war zu ihrem Vorgehen genötigt durch die politische Propaganda der Polen. Ob eine solche politische Propaganda, d. h. eine Propaganda, die die ehemals polnischen Landestetle von Deutschland loszureißen bezweckt, existiert hat oder noch existiert, weiß ich nicht. Versichert wurde mir von verschiedenen Polen in verschiedenen Orten, daß dies nicht der Fall sei. Aber natürlich braucht man solchen Versicherungen nicht zu glauben. Ich glaube aber so viel wissen zu können, daß heute kein seiner Sinne halbwegs mächtiger Pole auch nur entfernt es für möglich hält, die polnischen Landesteile gewaltsam loszureißen. Heutzutage, da große Reiche einen Krieg für unmöglich halten, können selbst noch so leichtfertige Polen nicht an eine Erhebung denken. Gewiß denken fie, ja hoffen sie vielfach auf die Wiederherstellung eines polnischen Reichs. Ja sie glauben, daß das Glück und die Zukunft Europavon dieser Wiederherstellung Polens abhängen, das allein Europa von der Rufstfizierung retten könne. Freilich verlangen gewisse deutsche Politiker, die Polen sollen solche Träume aufgeben. Aber mögen diese Politiker erst doch einmal zeigen, wie man Träume aufgiebt. Wie reimt fich aber diese Hoffnung auf Unabhängigkeit bet den Polen mit der Loyalität gegen das Deutsche Reich zusammen. Ich glaube wohl, daß eS Deutschen und auch noch Anderen schwer fällt, das zu verstehen. Einen solchen „Zwiespalt der Natur" können ganz vielleicht nur Juden und Polen begreifen, allenfalls wer Beide intimer kennt, oder wer versteht, wie Jbsensche Charaktere aus das „Wunderbare" hoffen. Die Juden sprechen mit wirklicher Andacht und gutgläubig jedes Jahr, ich weiß nicht, wie oft, den Wunsch aus, „im nächsten Jahre in ihrem palästinensischen Reiche und in ihrer ehemaligen Hauptstadt Jerusalem zu sein". In Wirklichkeit denkt unter hunderttausend Juden kaum einer an eine solche Verpflanzung, wie beispielsweise das Auftreten gerade der Rabbiner, die selbst solche Gebete, wie gesagt im besten Glauben, sprechen, gegen den Zionismus beweist. Es bedurfte des ganzen Blödsinns der antisemitischen Bewegung dazu, die ebenso thörichte wenn auch harmlosere und erklärliche zionistische Bewegung gerade unter den gebildeteren Juden ins Leben zu rufen, und es bedurfte ferner der ganzen Brutalität gewisser Regierungen den Juden gegenüber, um der Bewegung bei den ungebildeten Elementen beispielsweise in Rußland, Galizien rc. Anklang zu verschaffen. Die frommen Juden hoffen aus eine Rückkehr nach Jerusalem, wie fromme Christen auf das tausendjährige Reich, wie man aus die Zeit des ewigen Friedens und andere schöne und wunderbare Dinge hofft. Man frage nur einen wirklich frommen Juden, ob er nicht glaubt oder hofft, daß Israel nach Palästina komme? Er wird die Frage unbedingt bejahen. Man zeige ihm die irdische Möglichkeit dazu, und er wird lachen. An eine andere als — unpraktische, wunderbare Erfüllung seines Wunsches zu denken fällt ihm nicht ein. SprecHsaat. JLuftnf btt „Amine indischer Studenten". An Euch, Ihr jüdischen Kommilitonen, die Ihr jetzt daS Gymnasium verlaßt, treten wir, eine jüdische Korporation, heran und rufen Euch ein Wort zu, das Vielen von Euch ganz unerwartet kommen wird, wie ein Ruf aus längst entschwundenen Zeiten: Vergesset nicht, daß Ihr Juden seid! Schließt Euch als Juden, als jüdische Studenten zusammen! Manchem von Euch wird dieser Mahnruf als ein Angriff auf seine Ideale von der Gleichheit und Brüderlichkeit aller Menschen erscheinen; ein Anderer wieder wird ängstlich fragen.