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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-04-20 · 16 (20.4.1900) · p. Seite 244

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
16 (20.4.1900)
Date
1900-04-20
Page
Seite 244 (sequence 8)
Language
German
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Seite 244. Israelitische Wocheaschrift. Nr. 16. fassen. Dennoch enthält diese Literatur eine Perle, wie sie in gleicher Pracht sich sonst in keinem Schriftschatz der Welt findet. Die Furcht Gottes war ihrer Weisheit Anfang, die Nichtigkeit der gottlosen Welt ihrer Weisheit Schluß. Gott und der Mensch — das sind die Pole, um die sich die Achse der Schöpfung wie des Etnzellebens bewegt. Unerschöpflich sind deshalb die Tiefen der heiligen Schrift, weil der reale Gottesgedanke mit schöpferischer Kraft darin lebt und wirkt. Israel ist ein Volk, das wirklich seine Geschichte hat. Kein Augenblick seines Lebensganges ist leer. Freilich nicht, als ob große Thaten geschehen wären, die die Bewunderung der Nachwelt verdienten. Aber dieses Volksleben wurde von einer Idee getragen, die an sich unsterblich ist. Der Wert jedes Zeitalters wird nach einer Kraft gewogen, die der Bethätigung dieser Idee geweiht war. Die großen Epochen seiner Geschichte waren die Zeiten, wo Fürst und Volk, dieser Ausgabe eingedenk, an der Verwirklichung dieser Idee arbeiteten. Abfall davon hieß Verfall. Am Eingang der Geschichte Israels steht das Paradies mit seiner Fernsicht in ein Himmelreich; am Ausgang der goldene Morgen, wo die Volksgeschtchte sich zu einer Menschheitsgeschichte erweitert. Der Grundgedanke dieses Volkes ist: Wir leben uns nicht selber, unsere Thaten und unsere Leiden sind nicht das Ende unserer Geduld und unserer Arbeit; vielmehr sind wir nur die Vermittler einer großen Zukunft. Diesem kommenden Tag schauen wir entgegen, aus den Anbruch dieser Zeit hoffen wir. Am Peßachfeste wecken und nähren wir diese Hoffnung — „dieses Jahr noch hier, im künftigen Jahr im heiligen Land," wo die ganze Erde ein heiliges, gelobtes Land sein wird, in dem Wahrheit, Recht und Friede unter den Menschen walten werden. Von dieser Hoffnung haben die Propheten mit der ganzen Glut einer begeisterten Seele, mit ihrer ganzen, wunderbar erregten Phantasie gekündet. Dem gedankenreichen Arbeiter aus dem Gebiete der Kulturgeschichte hat die nicht abzuweisende Frage nach dem Fortschritt und der Zukunft der Menschheit immer aufs Neue zu schaffen gemacht. In unserer Zeit des Messens und Wägens, bei der Bevorzugung einer Methode, die sich daraus zu beschränken und vorwiegend, den naturwissenschaftlichen Disziplinen folgend, das Sinnfällige ins Auge zu fassen, die bunten Erscheinungen zu studieren liebt, konnte es nicht fehlen, daß auch die gelehrte Forschung aus diesen Bahnen der Lösung des Prvblems sich zu nähern versuchte. Dabei ist in der That viel an Einsicht, viel an Uebersicht des Wissens, unendlich viel an einzelnen Beobachtungen und Daten, die hauptsächlich der Urgeschichte zu gute kommen, gewonnen worden — und doch sind wir dem Ziel eigentlich nicht näher gerückt. Allein jene Stufe der Weltanschauung liegt nicht da, wo der Mensch seine Kenntnisse von sämtlichen Naturkräften vollendet, sondern da, wo er zum Bewußtsein des Gegensatzes zwischen Natur und Geist gelangt und dadurch seine Stellung und seine Aufgabe auf Erden und sein Verhältnis zur Welt und zu Gott klar zu erfassen vermag. Das Ideal für dieses Lebensbild war in seiner absoluten Wahrheit vollendet ausgestellt von Israels Propheten; es erscheint zwar eingeschlossen vom Rahmen der damaligen Zeitbegriffe; allein die fortschreitende Weltanschauung hat während jenes Abschlusses des prophetischen Zeitalters bis zu einer solchen Stufe sich erhoben, daß der subjektive Geist der Gegenwart zwischen relativer und absoluter Wahrheit zu scheiden, somit jenes Ideal in seiner ewigen Geltung auszustellen vermag. Als Träger dieses Wissens kündigt sich das Judentum an, und es behauptet dadurch in der Menschheit die Stellung, die der Geist in einem jeden einzelnen Menschen etnntmmt. Wie dieser bei dem individuellen Menschen neben der Befriedigung der körperlichen Bedürfnisse stets das Ideal des absoluten Guten bewahrt und dadurch dem Menschen stets seinen höheren Adel sichert, so bewahrt das Judentum bei allen Stürmen der Weltgeschichte stets das absolut wahre Ideal der Menschheit, stellt es die reine Gotteserkenntnts und die reine Humanität stets als Zielpunkt des menschlichen Strebens dar und umhüllt diesen edlen Kern sorgfältig mit schützenden Schalen, damit er nach beendeten Weltstürmen unversehrt der Menschheit dargeboten werden könne. Das Judentum weiß sich im Besitz der Herrschaft auf dem Gebiet des Geistes,' darum entsagt es ihr freudenvoll aus dem Gebiet der Natur. Um dieses wahre Ideal der Menschheit zu gewinnen, verläßt Abraham seines Vaters Haus, seine Freundschaft und seine Heimat; er will ein Fremdling sein mitten unter dem feindseligen Volk, wenn ihm nur die Hoffnung auf dieses Ideal erhalten bleibt. Der sterbende Moses steigt auf den Berg und blickt sehnsuchtsvoll in die Ferne. Sein brechendes Auge wird verklärt, weil es einen Strahl von der Sonne dieses Ideals ausntmmt. So fühlt sich Israel erkoren zu dem hohen Kampfe, der Menschheit die Wahrheit und die Glückseligkeit zu bewahren und zu bringen; es fühlt sich gestärkt durch die Ueberzeugung, daß der Wahrheit Träger durch diese Wahrheit selbst vor dem Untergang geschützt ist. Ei»ß »»d Ich im Aißchmpgtliiei. Von Ludwig Klausner. (Die in Köln erscheinende Zeitschrift „Das neue Jahrhundert" veröffentlicht eine Artikel-Reihe unseres Mitarbeiters Ludwig Klausner. Wir geben im Folgenden einen Ausschnitt aus dem zweiten Artikel wieder, der die gegenwärtige Lage der Juden in den kleinen Posenschen Städten behandelt. Die Redaction.) Nicht das geringste Uebel ist, daß die Deutschen dem geschlossenen „Feinde" gegenüber uneins find. Die Osfiziersfamilien halten sich von den Zivilbeamten, beide von den deutschen Bürgern, die noch untereinander gespalten sind, und alle von den Juden fern, die immer waren und noch heutigen Tages sind die besten Stützen des Deutschtums in den polnischen Distrikten. Ohne die Juden wäre noch heute in Posen beispielsweise von einem deutschen Theater oder sonst von deutscher Kunst keine Rede. Dabet sind die Juden jetzt nicht nur von Polen und Deutschen angefeindet, sondern auch

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