Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 16 (20.4.1900)
- Date
- 1900-04-20
- Page
- Seite 243 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 16. Israelitische Wochenschrift. Seite 243. jetzt weniger diskuttrten Zucker. In aller Eile wurden nun ein paar Notabilitäten zusammengetrommelt, denen man sagte — ganz unter uns, im Vertrauen — Herr v. Körber wolle sich einmal gründlich und rückhaltslos über den Antisemitismus aussprechen. Er suche eine Gelegenheit dazu, diese müsse ihm durch eine Deputation geboten werden. Es waren Leute darunter, die sich gewiß nicht hätten mitschleppen lassen, wenn sie gewußt hätten, Herr v. Körber brauche nur einen Schalltrichter, um das alte Lied von der „strikten Beobachtung der Staatsgrundgesetze" u. s. w. hinetnzusingen. Herr Auspttz freilich, dessen Zucker ebenso regierungsschutzbedürftig ist wie die Gutmann'sche Kohle, war frei von solchen Bedenken. So wie er stets der Ansicht gewesen, für Geld sei Alles zu haben, auch ein Abgeordnetenmandat, so dachte er wohl auch, für einen Minister müsse Jeder zu haben sein, auch ein Abgeordneter^ ja ein solcher ganz besonders. Und so „führte" er die Deputation zum Ministerpräsidenten und hielt an diesen die vorgeschriebene Ansprache, wie sie — vis Gutmann — vereinbart worden war. Dankbar gedachte er darin der edlen und erfolgreichen Bemühungen des Kabinets Körber, „die Interessen aller Schichten der Bevölkerung (namentlich der Bergwerksbefitzer-Schtchte), nachdrücklich zu wahren." Herr v. Körber seinerseits wollte daraus stugs von den Staatsgrundgesetzen anfangen. Aber die übrigen Mitglieder der Deputation, die die Sache ernst nahmen, mochten denn doch nicht umsonst dabei gewesen sein und schütteten ein Füllhorn von Klagen und Beschwerden, teils allgemeiner, teils sehr detaillierter Natur vor dem unangenehm überraschten Minister aus. Mit geduldiger und wohlwollender Miene hörte er Jedem zu; endlich, endlich kam aber doch an ihn die Reihe, und nun sprach er gelassen das große Wort von den Staatsgrundgesetzen, deren strikte Beobachtung sich die Regierung u. s. w. Hierauf entließ er die Deputation mit überaus liebenswürdigen Händedrücken. Als die Herren draußen vor der Thüre standen, sahen sie einander an und schlugen die Hände zusammen. Also das war die sensationelle Regierungskundgebung, die man ihnen verheißen hatte?! Alle waren darüber einig, daß man sie als unnütze Wtchtigthuer auslachen würde, wenn sie von der Audienz nichts Anderes heimbrächten, als die Mitteilung, daß Herr v. Körber die Staatsgrundgesetze Hochhalten wolle. Sie beschlossen daher, zu retten, was noch zu retten wäre, und das dürftige Ergebnis der Audienz wenigstens durch ein leidlich stilisiertes Communique zu verdecken, das in den Blättern — nein, das in der „Wiener Abendpost" erscheinen solle! Aber die halbamtliche Weihe konnte dem Communique nur mit Erlaubnis des Herrn Ministerpräsidenten gegeben werden. Einer der Herren — diesmal war es nicht der „führende" Auspitz — ging denn sofort zu Herrn v. Körber zurück und erbat dessen Zustimmung. Sie wurde ohne Weiteres erteilt, jedoch mit dem vorsichtigen Beifügen, der Wortlaut des Communiques müsse zuvor von SetnerExcellenz genehmigt werden. Eilends gtngman nunandieAbfaffungdes htstortschenDokuments. Es hieß darin zum Schluß: „Ich beklage und verurteile, fuhr der Ministerpräsident fort, mit Ihnen die Ursache, die Ihnen den Anlaß zu Ihren Beschwerden gegeben hat, und kann Ihnen nur die beruhigende Versicherung geben, daß die Regierung sich die strikteste Beobachtung der Staatsgrundgesctze" u. s. w. Das war der Text, den die Deputation Herrn v. Körber zur Genehmigung vorlegte. Herr v. Körber las aufmerksam durch, was er für die Mitwelt gesagt haben sollte, ergriff einen Bleistift und strich die beiden Worte: „— und verurteile" sachte hinweg. Bekümmert standen die Deputationsherren da: das war doch gerade die einzige Rosine in dem Kuchen! Ob die Rosine nicht bleiben könnte, fragten sie schüchtern. Aber da setzte Herr v. Körber eine Miene auf, wie Metternich, als es sich darum handelte, in die letzte, entscheidende europäische Allianz gegen Napoleon einzutreten. „Meine Herren", sagte er mit schwerem Ernst, „wenn diese Worte etngefügt werden sollten, müßte ich einen besonderen Ministerratsbeschluß darüber einholen. Auch die Unterredung, die ich mit Ihnen hatte, und die Erklärungen, die ich Ihnen abgab, sind auf Grund eines Beschlusses des Ministerrats erfolgt. Sie sehen ein, meine Herren, mir sind bestimmte Grenzen gezogen" . . . Und die Herren sahen ein und gingen. Im Pcßluhfkß >1. Bon Rabbiner Dr. B. Seligkowitz-Cöthen. Am Baum der Menschheit darf kein Blatt fehlen; auch das geringste Volk hat seine Bedeutung für das Ganze der Menschheit. Jedes Volk hat seine eigene Zeit. Wer wollte zu bestimmen wagen, welches Volk in der künftigen Geschichte die wichtigste Rolle spielen wird? Das wichtigste Studium der Kulturgeschichte lehrt uns nichts über die Zukunft der Menschheit. Sammeln, prüfen und vergleichen wir so viele Daten, wie wir wollen, wir beleuchten die Vergangenheit, wir begreifen die Gegenwart aus den sie bedingenden Faktoren besser als vorher; wir ziehen daraus Lehren für unser Verhalten — das Zukunftsbild der Menschheit aber ruht nach wie vor, von einem heiligen Schleier umgeben, in rätselhafter Verborgenheit. Jedoch find offenbar für den Kreis der Weltgeschichte, den unser Auge überschaut, drei Völker von überwiegendem Einstuß. Diese drei Völker sind der Menschheit gegeben, damit wir durch sie erzogen werden: Hellas, Israel und Rom. Wir können uns keine Kunst und Wissenschaft denken, wenn wir aus der Geschichte herausschneiden, was die Griechen geleistet haben; es gäbe keine Anbetung Gottes im Geist und in der Wahrheit, wenn Israel nicht gewesen wäre; wir wären die Sklaven von Despoten, wenn Rom nicht Gesetze, Recht und Staatskunst ausgebildet hätte. Nicht reich, nicht mannigfaltig war Israels Begabung. Kein Sophokles hat auf dem Hügel Zions gedichtet; kein Phtdias hat den Felsblöcken des Libanon Gestalt gegeben; kein Raphael hat die Wände des Heiligtums geschmückt. Wenige Namen leuchten aus der langen Reihe der Fürsten hervor. Die fremden Eroberer sind vorübergezogen und haben wie im Vorbeigehen das Würmlein Jakob zertreten. Lange Zeit ist Israel der Spott der Nationen gewesen. Vergleicht man die Literatur der klassischen Völker mit der Literatur Israels, so erscheint diese gering an Umsang; die ganze Literatur dieses Volkes läßt sich in einen Band zusammen-