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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-04-20 · 16 (20.4.1900) · p. Seite 242

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
16 (20.4.1900)
Date
1900-04-20
Page
Seite 242 (sequence 6)
Language
German
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Seite 242. Israelitische Wochenschrift. Nr. 16. Pflicht mache". Das war ein merkwürdiges Zusammentreffen ministerieller Liebesgaben: hier etwas für die Antisemiten, hier etwas für die Juden. Beide Geschenke kamen mit derselben Abendpost. Skeptische Seelen, die an derlei wunderbare Zufälle nicht glauben wollen, merkten eine Abficht und wurden verstimmt. Wie mag wohl, fragten sie sich und andere, diese plötzlich vom Himmel herabgeschneite Judendeputation zustande gekommen sein? Sie war von dem Reichsratsabgeordneten Rudolf Auspitz „geführt". Nun nimmt aber Herr Auspitz weder in den konfessionellen noch in den politischen Organisationen der Wiener Judenschaft eine Stellung ein, die ihn berechtigen würde, als deren Repräsentant aufzutreten. Dasselbe gilt von den übrigen Herren, die mitgingen. Es find angesehene Advokaten, Professoren, Kausleute, aber keiner von ihnen besitzt einen offiziellen Rechtstitel, im Namen seiner Glaubensgenossen das Wort zu führen. Es war auch keine Versammlung vorangegangen, die den Herren ein solches Mandat erteilt hätte. Woher kam also die Deputation? Es können doch nicht sechs Leute, von einer gleichzeitigen, gemeinsamen Eingebung ersaßt, sechs Seelen und ein Gedanke, eines schönen Tages im Vorzimmer eines Ministers zufällig zusammentreffen und eine Stegreif-Audienz nehmen. Audienzen müssen angemeldet, Deputationen müssen zusammengestellt, Ansprachen und Antworten müssen vorbereitet werden. Wer hat also die ganze Sache arrangiert? Niemand anderer als Herr v. Körber selbst, sagten die bösen Zungen. Die bösen Zungen haben bekanntlich in Oesterreich niemals Recht, aber diesmal hatten sie es ausnahmsweise. Herr v. Körber war in der That nicht nur der Empfänger, sondern auch der Besteller der Deputation. Wie er diesen Scherz eingeleitet und ausgeführt hat, das ist ein so charakteristisches Stückchen österreichischer Regierungskunst, daß wir es mit allen Details, die wir darüber erkundet haben, erzählen wollen. Herr v. Körber liebt es im allgemeinen mehr, zu sprechen, als zu handeln. Worte lassen sich immer so setzen, daß Niemand, weder links noch rechts, daran Anstoß nehmen kann; in Handlungen aber liegt immer jenes abscheuliche, allen österreichischen Staatsmännern tief verhaßte, positive Moment, an dem sich nichts drehen und deuteln läßt. Herr v. Körber thut daher überhaupt nicht gerne etwas; wenn er aber schon etwas gethan hat, hält er es wenigstens so lange als möglich geheim; und wenn es zuletzt doch durchaus an den Tag kommen muß, so giebt er sich alle erdenkliche Mühe, es als die unschädlichste und harmloseste Sache von der Welt darzustellen. Das ist haarklein der Verlaus der Wiener Wahlreform. Als diese aus dem geheimen in das offizielle Stadium getreten war, da begann Herr v. Körber im Schweiß seines Angesichtes zu beschwichtigen. Unter den Parteien, die von der Lueger'schen Wahlreform hart getroffen waren, gab es zwei, an die sich ein österreichischer Amtsstubendiplomat nun einmal nicht heranmachen kann: die Deutschradikalen und die Sozialdemokraten. Blieben also nur zwei beschwichtigungssähige Faktoren übrig: die Liberalen und die Juden. Herr v. Körber ging mit Eifer an die Arbeit. Er beries Herrn Dr. Ludwig Vogler zu sich, den Führer der gemeinderätlichen Opposition, und Herrn Dr. Alfred Stern, den Vizepräsidenten der Wiener israelitischen Kultusgemetnde. Jener ließ gefällig mit sich reden, dieser aber war widerhaarig und wollte sich zu der Rolle, die ihm der Ministerpräsident angewiesen hatte, nicht brauchen lassen. Er betrat das Audienzzimmer mit den Worten: „Excellenz, ich erscheine hier nicht als Jude, sondern als Mitglied der liberalen Opposition im Gemeinderat." Das verdarb Herrn v. Körber das Konzept. Was die Herren sonst noch miteinander konversiert haben, ist aus den Tagesblättern bekannt. Herr von Körber wurde nicht müde, alle kritischen Punkte der Wiener Wahlreform mit Schönheitspflästerchen zu bekleben. Aber in eine arge Verlegenheit hatte ihn dieser bockbeinige Dr. Stern doch gebracht: wo sollte er nun geschwind einen „offiziellen" Juden hernehmen, um seine menschenfreundlichen Anschauungen über Gleichberechtigung, Staatsgrundsätze u. s. w. an den Mann und unter die Leute zu bringen? Er hatte zwar seinen Geheimvertrag mit Dr. Lueger in der Tasche, die Unterstützung dieser wichtigen und einflußreichen Hof- und Volkspartei war ihm für alle Fälle gesichert, allein es dünkte ihm keineswegs ratsam, diese Allianz allzu offenkundig werden zu lassen. Ein bischen Judenfreundlichkett war daher für den Augenblick unbedingt geboten, am besten wohl in der hergebrachten unverfänglichen Form: „strikte Beobachtung der Staatsgrundgesetze" u. s. w. So haben es noch alle Minister gemacht, die mit Herrn Dr. Lueger auf gutem Fuß standen, und Herr Dr. Lueger hat es noch allen freundlich gestattet. Er wird es auch Herrn v. Körber nicht verübeln — mein Gott, man kennt sich ja. Die sanktionierte Wahlresorm durfte also nicht heraus, ehe es nicht die Juden schwarz auf weiß hatten, daß Herr v. Körber die Staatsgrundgesetze strikte u. s. w. Nur ein passendes Medium fehlte ihm noch, aber ein richtiger Staatsmann weiß sich immer zu Helsen. Herr v. Körber sandte einen seiner Beamten — selbst derlei Agentengeschäfte werden in Oesterreich in bureaukratischer Form abgewickelt — zu seinem guten Freund David R. v. Gutmann, Ehrenbürger von Mährisch-Ostrau und Präsidenten der „Israelitischen Allianz". Natürlich war es die letztere Eigenschaft, auf die Herr v. Körber es abgesehen hatte; an Ostrau dachte er nicht im Entferntesten. Um so lebhafter aber dachte Herr v. Gutmann an Ostrau. Es war in den jüngst vergangenen Tagen viel geschehen, was ihn daran erinnert hatte, und so sehr es ihn unter anderen Umständen gefreut hätte, dem Herrn Ministerpräsidenten dienen zu können — gerade jetzt fand er es nicht geraten, in die Sonne zu gehen. Wenn man einige Tage zuvor so und so viele arme, altgediente Kohlenhauer, zur Strafe dafür, daß sie nach besseren Existenzbedingungen zu streben wagten, hart und grausam entlassen und ins Elend gejagt hat, so stände es Einem schlecht an, dann als Fürsprecher bürgerlicher Gleichberechtigung vor einen Minister zu treten. Herr v. Gutmann fühlte das wohl nicht selbst, aber er fürchtete vermutlich, daß andere es fühlen und aussprechen könnten. Er lehnte mit einer höflichen Entschuldigung ab, ließ jedoch Herrn v. Körber sagen, er werde für Ersatz sorgen, er verstehe genau, was Se. Exzellenz wünsche, und er werde raschestens eine zweckdienliche, schöne und verläßliche Judendeputatton auf die Beine bringen. So ging das Ehrenamt des ministeriellen Hausjuden von Gutmann auf Auspitz über, von der arg verrufenen Kohle aus den eben

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