Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 15 (13.4.1900)
- Date
- 1900-04-13
- Page
- Seite 234 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 2C4. Israelitische Wochenschrift. 'Jtr. 15 prüfen, noch einmal überlegen, welche Rede er vor seinem Gebieter führen solle. Da stürzte atemlos seine Gattin herein und rief dem bestürzt Dastehenden die Worte entgegen: „Ein Bote vom Herzog." Der Rabbi wollte ihm schnell entgegeneilen, als sich die Thür öffnete und ein herzoglicher Diener in reichg(schmückter Tracht eintrat und sich leicht vor dem Rabbi verneigte. „Der Herzog läßt Euch bitten, sofort auf's Schloß zu kommen," sprach der Diener, der Antwort harrend. „Des Herzogs Wunsch ist mir Befehl," erwiderte der Rabbi; „ich folge Euch auf dem Fuße." Wieder verbeugte sich der Diener und verließ das Zimmer. Sinnend blickte ihm der Rabbi eine Weile nach, dann trat er an das Fenster und siehe, am Firmament erglühte der Sonnenball in feurigem Schein. Der Rabbi faltete die Hände, und zum Himmel emporschauend flüsterte er die Worte: „Ewiger Vater, welcher Sterbliche vermag Deine Wege zu ergründen? Du leitest Deine Söhne in gnadenvoller Huld, Du kennst unfern Schmerz und heilst unsere Wunden, wir hoffen zu Dir und Du erhörst unser Flehen; Herr, im Licht Deines Antlitzes wollen wir wandeln, im Schatten Deiner Fittige .'rglänzt^unser Heil." Neuntes Kapitel. Herzog Ludwig II. von Liegnitz saß in seinem Kabinet, das für geheime Audienzen bestimmt war. Das Gemack war mit vornehmer Einfachheit ausgestattet; seltene Kunstschätze des Morgenlandes fesselten das Auge, an den Wänden wechselten kostbare Gemc tbe mit alten Panzerrüstungen in bunter Reihe ad; durch die drei weit geöffneten großen Fenster flutete das Sonnenlicht in breitem Strom hinein in das Gemach. Der He og saß in einem Lehnstuhl, der reich mit Gold und Elfenbein ausgelegt war, vor ihm stand der Ritter Heintz von Zedlitz. Banges Schweigen herrschte ringsum. Sinnend, mit besorgten Mienen schaute Hcrzog Ludwig vor sich hin. Schwere Verlegenheiten lasteten auf ihm. Zu dem Herzogtum Brieg gehörten auch die Städte Kreuzburg, Pitschen und Constadt, die Herzog Ludwig an den Herzog von Oels und Kose! früher verpfändet hatte. Es war in den letzten Monaten des Jahres 1419, da hatte der Herzog den Stadtschreiber Ambrosius Bitschen zu sich aus das Schloß rufen lassen und durch ihn von den Zünften der Stadt ein Darlehen von viertausend Mark Gold erbeten; nur durch das Zugeständnis von sehr hohen Zinsen war es ihm gelungen, das Geld zu erhalten. Jetzt, wenige Jahre nach jenem Ereignis, bedrückte ihn eine andere Sorge. Anfangs Januar des folgenden Jahres sollte Kaiser Sigismund mit glänzendem Gefolge in Breslau einziehen, um dort die Huldigung seiner Großen als König von Böhmen entgegenzunehmen. Herzog Ludwig wußte von diesem Einzug seines Herrn, und es zernagte ihm schier das Herz, nicht gleichfalls mit den anderen Fürsten des Landes im stattlichen Gefolge des Kaisers einherreiten zu können. Er hatte durch die Einlösung der Städte seinen Beutel wieder geleert, und er wollte nicht ein zweites Mal nach so kurzer Frist ein Anlehen bei der Stadt machen und nicht wiederum fast unerschwingliche Zinsen sich aufbürden. Ambrosius Bitschen nahm sich mit Feuereifer der Wohlfahrt der Stadt an und wachte unermüdlich, daß ihr auch kein Titelchen ihrer Rechte verloren ginge, und offenkundig war sein zielbewußtes Streben darauf gerichtet, so viel Privilegien als möglich vom Herzog zu erkaufen und zu erschleichen, und Liegnitz zu einer freien selbständigen Reichsstadt zu machen, um dann als Erster sie zu beherrschen. Der Herzog kannte die bösen Ränke des Mannes und mied es daher sorgfältig, in irgend welche Verhandlung mit ihm zu treten. Mißmutig und trübe gestimmt ging der Herzog umher, denn seine Verlegenheit war groß und von keiner Seite schien Hilfe zu kommen. Bald hatte sein treuer Hauptmann, Ritter Heintz von Zedlitz, den Grund dieser Betrübnis erfahren; in einer traulichen Zusammenkunft beruhigte er den Herzog und suchte ihn mit den Worten zu trösten: „Ich will wiederum das Mittel ergreifen, zu dem ich schon früher einmal und mit Erfolg meine Zuflucht genommen. Der Jude Stenzei Meier wird zwar nicht eine so große Summe Geldes, wie Ew. Herzogliche Gnaden verlangen, besitzen, doch glaube ich, der Judenrabbi, der einen großen Einfluß unter seinen Glaubensgenossen genießt und sehr viel vermag, wird die zehntausend Mark Gold in der jüdischen Gemeinde auftreiben können. Zu ihm will ich mit dem Beginn des morgigen Tages schicken, vielleicht kann er uns aus der Verlegenheit erretten." Wirklich hatte der Ritter einen herzoglichen Boten zum Rabbi entsandt mit der Aufforderung, sofort auf das herzogliche Schloß zu kommen. Vor einer halben Stunde war der Bote mit der Meldung zurückgekehrt, daß der Rabbi ihm auf dem Fuße folge; und nun saß der Herzog in seinem Kabinet, der Ankunft des heißersehnten Gastes harrend und zugleich in Zweifel, ob der Rabbi seinem Verlangen Gehör schenken würde. Eben erhob sich der Herzog von seinem Sitz und schickte sich an, diesem Zweifel Worte zu leihen, als ein Lakai eintrat und die Ankunft des Rabbi meldete. „Gut, er trete sofort in dieses Gemach," antwortete der Herzog, und wenige Augenblicke später erschien die ehrfurchtgebietende Gestalt Rabbi Moschehs in der Thür. Er trat einige Schritte vor und verneigte sich tief vor dem herzoglichen Gebieter. Dieser erschien von der imposanten, zauberumflossenen Erscheinung des Rabbi etwas betroffen, doch bald faßte er sich und begrüßte ihn mit milden Worten: „Ihr seid also der Geistliche und Seelsorger der Judengemeinde von Liegnitz! Ich habe schon viel Gutes von Euch gehört, wie Ihr den Armen und Bedrückten ohne Unterschied des Glaubens helfet, wie Ihr als rettender Engel an ihrem Krankenlager erscheint und Alle mit Wohlthaten überhäufet." „Verzeihet, Ew. Gnaden," versetzte der Rabbi bescheiden, mit zur Erde gesenktem Blick, „wenn ich meinen Nebenmenschen Gutes erweise und sie nach Kräften unterstütze, so erfülle ich nur meine Pflicht. Gott, der Herr, gebietet es mir; thäte ich es nicht, ich würde schwer gegen sein heiligstes Gebot sündigen." „Ich freue mich, solche Rede aus Eurem Munde zu vernehmen, Rabbi, und ich werde Eure so wohlgefälligen Gesinnungen stets zu schätzen wissen. Doch, nun höret, ich habe Euch heute schon in der Frühe auf das Schloß befohlen, um