Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 15 (13.4.1900)
- Date
- 1900-04-13
- Page
- Seite 235 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr 15. Israelitische Wochenschrift. Seite 235 eine Frage an Euch zu richten. Könnet Ihr mir aus ein halbes Jahr zehntausend Mark Gold leihen, und unter welchen Bedingungen wollet Ihr es thun?" „Erlauchter Herr und Gebieter," hob jetzt der Rabbi an, „meine unterthänigste Bitte richte ich an Euch, daß Ihr die gewünschte Summe Geldes von mir und meinen Glaubensgenossen gnädigst anzunehmen geruhen möget." „Sprichst Du wahrhafte und ernste Worte, Mann," rief der Herzog, indem er den Rabbi überrascht anblickte, „es ist nicht möglich. Jede Mark Geldes, die mir die Stadt Liegnitz oder die Klöster leihen, muß ich mit schweren Zinsen bezahlen, und Du und Deine Glaubensgenossen, Ihr wolltet mir ein Geschenk machen, wofür man fast ein Fürstentum erkaufen kann? Mein Lieber, die Zeit ist zu ernst für dergleichen Scherze; saget, unter welchen Bedingungen wollet Ihr mir das Geld leihen?" .„Mein Herr und Gebieter," erwiderte der Rabbi, „welch tolles Unterfangen wäre es von mir, wollte ich meine Worte nicht durch die That besiegeln! Weiß ich nicht, vor wem ich stehe? Ist es nicht die irdische Majestät, von der Leben und Tod, von der das Wohl tausender Unterthanen abhängt? Mein einmal ausgesprochenes Wort gleicht einem Eid; bestimmet die Zeit, wann Ihr die Summe Geldes in Empfang nehmen wollet!" „Habet Dank für Eure großmütige Gabe," ries der Herzog gerührt, indem er dem Rabbi seine Hand entgegenstreckte. „Verzeihet, edler Mann, daß ich im ersten Augenblick Eurem Wort nicht glauben mochte! Wie sollte ich es thun, bevor ich Euer Inneres erkannte? Rings umgeben mich gewinnsüchtige Menschen, die nur nach eigenem Vorteil haschen und meine Not auszubeuten suchen. Großen und edlen Seelen begegnet man selten; ich bin beglückt, Euch, wackerer Rabbi, gefunden zu haben. Nochmals empfanget meinen innigsten Dank, seid meiner treuen Freundschaft sicher, und wenn Ihr einmal irgend eine Bitte für Euch oder Eure Gemeinde mir vorzutragen habet, Ihr sollet stets Erhörung finden.", „Herr und Gebieter," versetzte der Rabbi zagend, „schon heute wage ich es, eine heiße, innige Bitte an Euch zu richten. .... Nicht mich, nicht meine Gemeinde betrifft sie, nein, für drei in Lebensgefahr schwebende Unschuldige flehe ich um Euer Erbarmen." „Wie?" warf der Herzog erschrocken ein, „wer ist es, der Unschuldige mit dem Tod bedroht? Sagt es mir, und nicht blos um Euretwillen, sondern auch um der Wahrheit und Gerechtigkeit willen, will ich Eure Bitte gewähren, wenn es in meiner Macht liegt." „Verwandte eines Freundes aus Prag," versetzte der Rabbi, „schmachten gefesselt im kaiserlichen Lager unter dem falschen Verdacht, die Ermordung zweier Patres veranlaßt zu haben. Allen Qualen der Folter preisgegeben, sehen sie einem noch schrecklicheren Los entgegen, wenn dieses sie nicht schon ereilt hat. Ew. Gnaden! Leget Euer fürstliches Wort beim Kaiser ein, damit die schuldlos Bedrängten dem Licht der Freiheit wiedergegeben werden!" „Auch ich hörte," entgegnete jetzt der Herzog, „von der grausen Ermordung zweier Patres durch die Hussiten, und allgemein hieß es, daß Eure Glaubensgenossen sie verschuldet. Kaiser Sigismund war bitter ergrimmt, und in seinem Zorne schwur er, blutige Rache an den Urhebern der That zu nehmen. Rabbi, vielleicht mögen sie auch nicht so schuldlos sein; man wird Euch Falsches berichtet haben, und ich fürchte, meine Fürsprache wird wenig Helsen, die Erbitterung, der Grimm des Kaisers ist zu groß." Der Herzog ließ sich auf seinen Sessel niedersinken. Glutröte flammte über das Antlitz des Rabbi, und mit bebender Stimme antwortete er: „Durchlauchtigster Herzog, nimmer würde ich es wagen, vor Eurem Antlitz zu erscheinen, um für Mörder Gnade zu erflehen; nein, für Wehrlose und Verlassene sollet Ihr eintreten, deren Unschuld aus dem Dunkel der Verleumdungen hell hervorstrahlt wie das goldene Sonnenlicht, das durch dieses Fenster sich ergießt. O, lasset es kurz Euch erzählen das schändliche Verbrechen von Sinnenlust und Frevel, ersonnen, um Schuldlose zu vernichten. Der Pater Ignatius, dieser fromme Mann, und der Genosse seiner Sünden, Pater Sixtus, suchten die Töchter meiner Freunde zu entführen, um ihr wollüstiges Begehren zu befriedigen; mit teuflischer Entschlossenheit verfolgten sie ihr verbrecherisches Ziel, mit einem Mord bahnten sie sich den Weg; das Bubenstück gelang, die Mädchen wurden in ein Kloster geschleppt und dort verborgen gehalten. Ein treuer Diener meines Freundes entdeckte das Versteck und forderte die Freigebung der Unglücklichen. Vergebens! Zizka, der vor der Stadt lagerte, erfuhr von der Frevelthat und rückte vor das Kloster. Da erkannte Zizkas Schwester Eleonore in jenem Pater Sixtus den Verführer, den Mörder ihrer Ehre, dem sie Tod und Verderben geschworen und an dem sie nun gräßliche Rache nahm. Vergebens bat mein Freund um Milderung der fürchterlichen Strafe, die Patres wurden grausam getötet, einer ihrer Genossen entfloh, das Kloster ging in Flammen auf. Die Mädchen wurden gerettet, aber mein Freund glaubte sie in Prag nicht sicher genug und schickte sie unter gutem Schutz zu mir, damit sie in meinem stillen Hause Sicherheit fänden gegen des Feindes Tücke. Ahnungslos ging ich zum Stadtschreiber Anbrosius Bitschen, meldete ihre Ankunft und bat um die Erlaubnis, daß sie hier weilen dürfen. Doch dieser Bitschen, nicht minder Euer Widersacher als ein Todfeind meiner Glaubensgenossen, glaubte die Gelegenheit gekommen, um die „Judenbrut", wie er uns nennt, zu verderben. Indem er mich mit tückischer List vertröstete, sandte er schnell in das kaiserliche Lager die Meldung, daß die „Mörder" der Patres unterwegs wären und abgefangen werden könnten. Das teuflische Werk gelang, die Unglücklichen wurden gefangen und in das Lager gebracht. Der Diener, der sie geleitete, entfloh in der Nacht und brachte mir gestern spät am Abend die schreckliche Kunde. Ich beschloß, sofort zu Euch zu eilen und Eure Hilfe anzuflehen, ehe es zu spät ist. Herr und Gebieter! finsterer Haß und ränkevolle Bosheit wollen die von Schmerz Gebeugten dem Tod entgegenführen, in Eurer Hand allein liegt die Rettung, erhöret mich, erhöret mich!" Der Herzog war, während der Rabbi sprach, von seinem Sessel aufgesprungen; mit immer deutlicheren Zeichen der Ungeduld und Empörung folgte er den Worten des Erzählenden,