Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 15 (13.4.1900)
- Date
- 1900-04-13
- Page
- Seite 227 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 15 Israelitische Wochenschrift. Seite 227. Die Kraut des Hohenliedes. Zum Passahse st. Von Rabbiner Dr. B. Seligkowitz-Cöthen. Die Gesamtheit Israels wird sehr oft personifiziert, der Gottheit bald als männliche, bald als weibliche Gestalt gegenübergestellt und vielfach apostrophiert.' Es bedeutet aber diest Gesamtheit nicht nur die gleichzeitig im Raume nebeneinander befindlichen, sondern auch die in der Zeit hintereinander folgenden Zweige des israelitischen Stammes. In solchem Sinn heißt es: „Die Gesamtheit Israels wird einer Taube verglichen," mit welchem Ausspruch alle jene Stellen in der heiligen Schrift zufammengefaßt und dem Sinne nach angedeutet werden, wo mehr die passive Seite des jüdischen Volkslebens, die Friedensliebe, die DuldunK, die Teilnahme an fremden Leiden, das ewige Hoffen und Harren auf die göttlich verheißene Zukunft ins Auge gefaßt wird. Die Taube ist dafür das geeignetste Sinnbild. Sie ist das Bild der Friedlichkeit, der Sanftmut und des stillen, zufriedenen Lebens, das sie gleichmäßig bis in ein hohes Alter fortführt. Alle Gewaltigen der Tierwelt sind ihre Feinde, und sie ist so gut wie ohne alle Verteidigungswaffen von der Natur geschaffen; und doch ist ihr Flug ein sehr hoher. Ihr Geschlecht ist über den ganzen Erdboden verbreitet; und obwohl sie selbst so eingerichtet ist, daß sie überall leben kann, weiß sie doch in ihrem weiten Flug ihr fernliegendes Heimatland — d. h. ihre Mission — stets herauszufinden, und dem heimatlichen Boden mit Liebe anhängend und ihrem Herrn dankbar treu, dient sie ihm als sichere Botin in entfernten Gegenden. Eine viel gebrauchte Personifikation in weiblicher Gestalt ist ferner Zion, die Burg Davids. Sie ist das Sinnbild des in seiner Vollkommenheit gedachten, nicht des faktisch vorhanden gewesenen jüdischen Staates der Theokratie, und wird unter dem Bild einer edlen, nie alternden Jungfrau vorgestellt und als solche weiblich angeredet. Das Weib ist mutvoll und scheut nicht Schmerz noch Tod, wenn es von einem Affekt beherrscht wird. Aus Liebe für Gatten und Kind ist es der höchsten Heldenthat fähig; in diesem Affekt zeigt es sich oft mutiger als der Mann. Auch das Judentum kennt zwar weder das Heldentum der früheren Zeit, noch das Söldnertum der neueren Zeit, wie es sich bei den anderen Völkern findet, Der Krieg als eine Kunst, als ein Zweck an sich ist ihm fremd; es wird daher auch oft furchtsam genannt. Dagegen ist es sehr tapfer im Affekt; es muß etwas Subjektives dabei sein, durch das es erregt wird. Für Gott, für seinen Glauben scheut es keine Gefahr, duldet es die grausamsten Martern. So wenig es des Weibes Berus ist, einen Staat zu gründen oder zu verwalten, Gesetze zu geben und anzuwenden, so wenig ist dies auch Sache des hebräischen Volkes. Das Weib vermag nur Eines, nicht Vieles; aber diesem Einen giebt es sich mit ganzem Wesen, mit voller Selbstaufopferung hin; das ist die eheliche Liebe zum Manne, So hat das hebräische Volk nur Eins: die Religion, das ist die Liebe zu Gott; aber dieser hat es sich ganz und vollständig hingegeben; für sie hat es sich aufgeopfert. Israel war nicht eine nationale, sondern eine religiöse Aufgabe zu teil geworden; nicht als Nation, sondern als religiöse Gemeinschaft sollte es fördernd eingreifen in die geistige Entwicklung der Menschheit. Die nationale Selbständigkeit, die Israel durch seinen Auszug aus Aegypten errang, war nur Mittel, nicht Zweck; sie sollte ihm helfen, ungestört und unbehindert von fremder Zuthat, in seine eigene Religion sich hineinzuleben. Kaum war das vollbracht, so fiel das Staatsleben wie eine Hülle ab, und statt Israel hineinzuziehen in seinen Untergang, begann für Israel der eigentliche, wenn auch schwierigere Teil seiner Bestimmung. Durch die Reiche der Erde sollte es ziehen mit dem göttlichen Auftrag: „Ihr seid meine Zeugen und ich bin Gott." Nicht umsonst werden uns am Passahfest die Schilderungen des Propheten vorgelesen, die uns das Bild einer idealen Zukunft der Menschheit entwerfen, die uns auf eine Zeit Hinweisen, wo Sünde und Leidenschaft, Haß und Bosheit schwinden, und wie das Wasser die Meere, also die wahre Gotteserkenntnis die Menschen erfüllen werde. An diesem Gedanken müssen wir stels sesthalten. Das Judentum ist für uns nicht die Quelle der nationalen Ueberhebung, sondern die Quelle der Religion, der Sittlichkeit und der sittlichen Erziehung, nicht nur für uns, sondern für alle die, die in dem Glauben an einen wahren, einzigen Gott Heil, Trost und Beruhigung finden. Stellen wir das israelitische Volk gegenüber den andern klassischen Völkern, so können sich diese freilich vieler Vorzüge rühmen, die jenem fehlen. Sie können sich auf den Schmuck und die Schätze berufen, die sie sich durch ihre Weltherrschaft erworben haben; sie können den Reichtum ihrer Phantasie in allen bildenden Künsten anpreisen und tiefe Erkenntnis und Weisheit in allen Dingen dieser Welt für sich in Anspruch nehmen. Das alles fehlt dem Volke der Hebräer. Dennoch hat es Eins, was den andern Völkern fehlt: das ist ein Herz voll unauslöschlicher Sehnsucht nach dem Gott seiner Seele, nach dem Schöpfer seines Lebens. Eins hat das schmucklose Volk: das ist der demütige Glaube, der an sich nichts sein will, sondern alles nur im andern hat. Es gilt von dem Volk Israel, was die Braut des Hohenliedes von sich sagt: „Braun bin ich, doch reizgebildet Von Gesicht und Hand, Töchter ihr Jeruschalajims, Braun bin ich genannt; Wie Kedaren-Gastgezelte In der Wüste Sand, Wie die Teppiche des Königs An Palastes Wand. Blickt so groß nicht auf mich nieder — Braun ist keine Schande Hat mich doch der Sonne Glühen Nur so braun gebrannt." Wie herrlich ist dagegen jene Jungfrau geschmückt! Wie glänzt sie in den bunten Farben des Lebens! Was Himmel und Erde an Schönheit haben, das hat die Kunst um sie gelegt; der Gürtel der Anmut umschließt ihren Leib, und die