Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-02-16 · 7 (16.2.1900) · p. Seite 98

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
7 (16.2.1900)
Date
1900-02-16
Page
Seite 98 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9607256-9607339--7700-9607345
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 98. Israelitische Wochenschrift. Nr. 7. lehnte die ihm erwiesene Ehre ab. Das Volk wollte von der Ablehnung nichts wissen und geleitete ihn feierlich in die fürstliche Wohnung. „Wohlan", sagte Abraham, „ich kann vorläufig noch nichts entscheiden, vor allem muß ich im Gebet mit meinem Gott beraten, einen Tag und eine Nacht fastend und betend zubringen; untersteht euch aber nicht, meine Andacht und Einsamkeit zu stören, bevor ich nicht aus eigenem Antrieb bei euch erscheine". Ein Tag verging, zwei, drei Tage verstrichen, und Abraham erschien nicht; das Volk wurde ungeduldig, wagte aber nicht, etwas zu unternehmen. Da erhob Jemand aus der Menge seine Stimme: „Brüder, so kann es nicht bleiben, wir warten schon drei Tage, und das Land ist immer noch ohne Regenten; ich werde der Sache ein Ende machen!" Und mit einem Beil in der Hand erbrach der junge Bursche die Wohnung des Fürsten; nach wenigen Minuten erschien Abraham, an der Hand den kühnen Burschen führend. „Wohlan", rief Abraham feierlich, „ein Fürst muß der Klügste und Kühnste seines Volkes sein. Dieser Mensch — hierbei auf den jugendlichen Polen zeigend — genügt diesen Anforderungen. Er ist klug, denn er allein erkannte die Gefahr, der ein Land ohne Regenten ausgesetzt ist; er war auch kühn, denn im Interesse seines Vaterlands hat er sich meinem Befehle widersetzt und mit Gewalt mich vor Euch geführt. Darum ist er wert, euer Fürst zu sein, wählt ihn, den Landmann Piast, und ihr werdet Gott dafür preisen und auch mir danken"?) Und Piast wurde zum König ausgerufen (um 842). Nach dieser historischen Legende hatte die glorreiche Dynastie der Piasten, die ein halbes Jahrtausend über Polen herrschte, ihre Erhebung der Uneigennützigkeit eines Juden zu verdanken. Die aus einer späteren Zeit gefundenen Münzen, deren Echtheit unzweifelhaft ist, sind zur Erinnerung an diese Volkssage geprägt. Die Numismatiker erkannten folgende Bracteaten: In einem geperlten Kreis ein sitzender Fürst, der die Hände wie im Gebet gen Himmel richtet und in der linken Hand ein sichelähnliches Instrument hält; die Umschrift um dieses Bild lautet in althebräischen Zeichen: Abram Dux. Auf einer Münze gleicher Art, lautet die hebräische Umschrift: Sacrifidum et Abram (das Opfer und Abraham)?) Die günstige Ausnahme und die Rechte, die die Juden unter den Piasten in hohem Maße genossen haben, ist eine historische Betätigung der Dankespflicht gegen den „Dukes" Abraham Prochownik, und wie immer dürste auch unter der Schale der Dichtung ein Körnchen Wahrheit vorhanden sein. Historisch wird die Gründung des polnischen Reichs erst mit Beginn der Piastischen Dynastie angenommen, und eben diese Zeit wird von den Historikern auch als die Zeit der Anfiedlung der ersten Juden in Polen angegeben. Vereinzelt werden wohl Juden auch vor Gründung des polnischen Staates ins Land eingewandert sein, namentlich aus Südrußland, wo ihre Ansässigkeit aus ganz alten Zeiten nachgewiesen ist. Das Gros aber der jüdischen Bevölkerung in *) Sternberg a. a. O. p. 4. Kohut, Geschichte der deutschen Juden (1889) p. 286. 2) Sternberg a. a. O. 6, Kohut a. a. O. Polen kam aus dem Westen, aus Deutschland und den anderen europäischen Ländern, wo die Juden hart bedrängt wurden und von wo sie nach dem gastfreundlichen Polenland zogen. Die verfolgten Juden aus Deutschland haben sich nicht etwa in Polen eingeschlichen, vielmehr fand ihre Einwanderung unter vollkommener Beobachtung völkerrechtlichen Brauches statt. Sie sandten vorher im Jahre 893 eine Deputation an Leszek, den zweiten Herzog aus dem Piasten- Stamme, um bei diesem für eine Anzahl in Deutschland bedrängter Juden Aufnahme nachzusuchen. Die Gesandschaft bestand aus Rabbi Chiskia Sefardi, R. Akiba Estremaduri, dem Mathematiker R. Immanuel Ascaloni, dem Rhetoriker R. Levi Baccari und R. Natanel Barceloni. Dem König vorgeführt, hielt Rabbi Levi eine lateinische Ansprache, in dem er das Elend seiner Glaubensgenossen in Deutschland schilderte und um huldreiche Aufnahme im polnischen Land flehentlich bat. Leszek verhörte die Abgeordneten über das Wesen und die Gesetze der jüdischen Religion. Die Antworten waren sehr durchdacht, so daß der König den besten Eindruck gewann. Nach dreitägiger Ueberlegung erklärte er der Deputation, daß er mit Vergnügen die Juden in sein Reich aufnehme, er könne blos aus gewissen Gründen ihnen keine abgesonderten Ländereien einräumen, es sei ihnen aber gestattet, überall, wo sie sich niederlassen wollen, den Acker zu bebauen, Viehzucht zu treiben und ihre Künste und Gewerbe auszuüben. Ein Jahr darauf, also 894, zog eine große Schar deutscher Juden in Polen ein?) Ein Jahrzehnt später, 905, wurde ihnen schon ein Privilegium erteilt, das ihnen freie Ansiedlung, freie Kultusübung, eine eigene Gerichtsbarkeit, unumschränkten Genuß des Verkehrs und der Erwerbszweige, Unabhängigkeit von den Magnaten und kräftiger Schutz gegen feindliche Anfälle zusicherte?) Diese Urkunde soll zur Zeit eines Krieges im Jahre 1049 verloren gegangen sein. Später wurden den Juden weitergehende Privilegien zu teil, die der Juden günstige Stellung noch befestigten. In keinem Land Europas sind die Rechte der Juden so klar und deutlich verbrieft worden, wie in Polen. Die Urquelle der den Juden später verliehenen Privilegien war zwar in Deutschland das Statut des Bischofs von Speier aus dem Jahre 1084, das durch andere deutsche Fürsten Modifikationen erfuhr, und namentlich war es Erzherzog Friedrich I. von Oesterreich, der den Welthandel zwischen dem Morgenland und Europa durch sein Land zu leiten bestrebt war, der den Wert der Juden als Förderer des Wohlstandes erkannte und ihnen daher ein zu seiner Zeit merkwürdiges Rechtsstatut (am 1. Juli 1244) erteilte, das von Gerechtigkeitsliebe und Menschlichkeit eingegeben und Muster für solche Fürsten wurde, die ihre Juden vor Unbilden und Mißhandlungen schützen wollten?) Jedoch in allen Ländern blieben die Konzessionen größtenteils ein toter Buchstabe, oder ihre Giltigkeit war nur von kurzer Dauer. In Polen i) * 2) Sternberg (nach Lelewel) a. a. O. p. 7.-8., Geschichte Rußlands (hebr. Mandelkern) p. 161—162. 3) Grätz, Geschichte der Juden. Band VII (ed. 1863) p. 106.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.