Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 7 (16.2.1900)
- Date
- 1900-02-16
- Page
- Seite 97 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 7. Israelitische Wochenschrift. Seite 97. Tradition behielt unverminderte Macht, so lange sie die Vorstellungen des Gewissens und die Lebensweise mit umfaßte; sobald diese sich änderten, wurde die Tradition aus einer Sache des religiösen Pflichtbewußtseins zu einer Sache pietätvoller Erinnerung, und diese kann ihre Wärme nicht behalten, kann überhaupt nicht weiter vermittelt und übertragen werden. Niemand ist eben imstande, sich mit dem Gedächtnis eines Anderen zu erinnern. Gedenkt das erste Geschlecht ehrfürchtig und mit herzlicher Anteilnahme der religiösen elterlichen Lebensführung, so weiß das zweite Geschlecht aus eigener Anschauung nur noch von der elterlichen Pietät. Jetzt ist die Zeit gekommen, in der nur noch ein Rest unter uns vorhanden ist, der aus eigenem Wissen das Alte kennt und übt, nicht in religiöser, sondern in gemeindlicher Beziehung. Tarum ist jetzt auch die Zeit gekommen, wo uns aus der mangelhaften und wirren Organisationsgesetzgebung schwerer Schaden droht, wo uns zum Fallstrick wird, was bisher durch eine bessere Praxis ohne üble Folgen blieb: die gcmeindestatutarische Regelung der zahlreichen vom Gesetz nicht direkt geordneten Verhältnisse. Diese Gemeindestatuten sind der Regel nach Dilettantenwerk, und wo Juristen die Hebammen gewesen, da sind sie kläglich. Gleichwohl haben sie alle die behördliche Genehmigung, deren sie bedürfen, auch gefunden — ein deutlicher Beweis für das Gefühl „absoluter Wurstigkeit", das die Aufsichtsbehörden beseelt, sobald jüdische Dinge in Frage stehen. In Berlin beispielsweise hat ein „revidiertes Statut", dem man seine Entstehung in der Hauptstadt des Vaterlandes der allgemeinen Schulpflicht nie anmerken würde, die Unterschrift des Oberpräsidenten erhalten. Eine der übelsten Seiten dieser Statuten bildet die Wahlordnung für die Gemeindekörperschasten. Fürst Bismarck hat einmal das preußische Landtagswahlsystcm das schlechteste aller Wahlsysteme genannt. Hätte er unsere jüdischen Gemeinde-Wahlordnungen gekannt, so hätte er den Superlativ seines absprechenden Urteils für diese aufgespart. Gemeinden von tausend und selbst von sünsundzwanzigtausend wahlberechtigten Mitgliedern bilden einen einzigen Wahlkörper und sollen in öffentlicher Stimmabgabe alle zu wählenden Repräsentanten in einem Votum benennen. In Berlin hat man sich wenigstens entschlossen, geheime Wahl einzusühren. Doch anderwärts sträubt man sich noch dagegen. Sogar in Königsberg i. Pr. scheint der Beschluß der Einführung geheimer Wahl nicht unbedingt gesichert, obwohl man dort eben gesehen hat, was die skrupellose Ausnützung eines wirtschaftlichen oder sonstigen Abhängigkeitsverhältnisses vermag. Liberale Männer würden ihre ganze Denkungsart verleugnen, wollten sie die Einführung der geheimen Wahl verzögern, und konservative Männer müssen vor allem Wert darauf legen, daß in religiösen Fragen das Gewissen allein entscheiden könne, frei von allen Bedenken und Rücksichten. Es ist deshalb zu hoffen, daß in Königsberg i. Pr. die gemerndepolitische Redlichkeit den Sieg davontragen wird und schon die nächsten, im März statlsindenden Repräsentantenwahlen wenigstens eine der Garantien haben werden, die dem Wahlsieg erst Wert verleihen, indem sie ihn zum Ausdruck der wirklichen Stimmung der Wähler machen. Freilich ist die zweite Garantie gleichfalls unentbehrlich, die darin besteht, daß der Wahlkörper in übersichtlichen Grenzen sich halte. Würde es sich um die Wahl nur eines Mannes handeln, so schadete die größere Ausdehnung nichts. Wo aber eine ganze Liste zur Wahl steht, da wird die Wahl im großen Kreis zur Komödie, weil kaum ein Wähler soviel geeignete Männer kennt, als er zu wählen hat, und weil dann sofort die „Wahlmacher" in Aktion treten. Es ist ganz unausbleiblich, daß in solchem Fall den Wählern, denen charaktervo l le Männer als Vertreter bitter nötig sind, in erster Reihe charakterisierte Männer aufgeschwatzt werden, in zweiter Reihe die Mitläufer, die selbst für gebildet zu gelten hoffen, sobald sie den Gebildeten Chorus machen helfen. Geheime Wahl und Einteilung in Wahlbezirke, die nicht die ganze Liste der Repräsentanten zu wählen haben — das sind die Aenderungen in den Statuten der meisten Gemeinden, die ohne Schaden nicht länger gemißt werden können. Die ehrlichen Leute werden damit einverstanden sein. Ich würde empfehlen, für diese Besserung alle gesetzlichen Mittel einzusetzen, aus die Gefahr hin, daß das Hildesheimersche Organ wieder von „Maulwurfs - Minierarbeit" und von einer „uuterirdisch wühlenden Persönlichkeit" — vorsichtigerweise nur zitierend — spricht. Mir sind die Maulwürfe nicht sympathisch, aber die Schleicher noch weniger, und die Erbschleicher am wenigsten. Wenn ich deren Kreise und Arbeiten stören kann, so lasse ich mir den Vorwurf der „Maulwurfs-Minierarbeit" und den Namen einer unterirdisch „wühlenden Persönlichkeit" von Seiten der Gestörten gefallen. Die alle Geschichte der russischen und polnischen Inden. Vortrag, gehalten am 2 1. Dezember 1899 im Verein für jüdische Geschichte und Literatur zu Memel. Von Leon Scheinhaus-Memel. (Fortsetzung.) II. Jedes Volk wird in die Geschichte zuerst durch Sagen eingeführt. Von der Wahrheit lebt in jedem Volk die Dichtung, die historische Fama. In Polen lebte schon im sagenhaften Zeitalter und vor Beginn der eigentlichen Geschichte im Volksmund folgende Königssage, die einen jüdischen Namen hat: Das Dynasten-Geschlccht der Popiels — der sagenhaften Geschichte angehörend — war erloschen. Man mußte einen neuen Fürsten wählen. Tie Aeltesten traten zum Wahlakt in Kruszwica zusauuuen. Docb die Wahl war schwer, denn jedes Einzelnen Bevorzugung würde von allen Anderen als Verletzung empfunden werden. Lange berieten die Wahlherren, und endlich beschlossen sie. die Sache der Fügung Gottes anheimzustellen. „Wer morgen zuerst mit Tages- I anbruch die Stadt betritt, der soll über uns herrschen". Es traf sich, daß ein Jude Namens Abraham Pulverhändler . (Prochownik) als erster in die Stadt kam. „Hoch unser ' Fürst!" begrüßte ihn mit Jubel die Menge. Doch Abraham