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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-02-16 · 7 (16.2.1900) · p. Seite 96

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
7 (16.2.1900)
Date
1900-02-16
Page
Seite 96 (sequence 4)
Language
German
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Teile 96. Israelitische Wochenschrift. 5h\ 7 Glaubensgenossen hinzuweisen, die gelegentlich des Xantener \ Knabenmordprozesses zu Abwehrzwecken einen Fonds von zwei! Millionen Mark aufgebracht haben, während wir in Oesterreich nur mit vieler Mühe die Kosten einer auf das allernotwendigste Maß beschränkten Aktion bestreiten können. Im Voraus herzlich dankend, mit dem Ausdrucke vorzüglicher Hochachtung Rechtsschutz- und Abwehr-Bureau der Oesterreichisch-israelitischen Union Wien IX/1, Berggasse Nr. 20. Dieser Brief spricht eine zu deutliche Sprache, als daß wir es für notwendig fänden, denselben zu kommentieren. Wir richten für heute nur zwei Fragen an die Vereinsleitung der „Oesterreichisch-israelitischen Union": 1. Für welche Zwecke wurden im dcantmex Knabenmordprozesse, bei dem der angeklagt gewesene jüdische Schächter Buschoff freigesprochen wurde, die zwei Millionen verausgabt? 2. Für welche Zwecke sammelt die „Oesterreichisch-israelitische Union" in Oesterreich „angesichts der bevorstehenden Revision des Polnaer Prozesses" (wie es in dem oben angeführten Schreiben heißt) Gelder, nachdem laut Mitteilungen des amtlichen Prager Abendblattes Hülsner den Mord gestanden hat?" Der Vorstand der „Oesterreichisch-israelitischen Union" antwortet auf diese Fragen in der bündigsten Weise, indem er nachstehende Warnung verbreitet: „Das „Deutsche Volksblatt" veröffentlicht in seiner heutigen Sonntagsnummer unter der Ueberschrift: „Millionen für — Hülsner" einen Aufruf zu Geldsammlungen, der angeblich von der „Oesterreichisch-israelitischen Union" an hervorragende Juden versendet wird. Ein solcher Ausruf ist von uns niemals beschlossen, an Niemand versendet, noch sonstwie zu Geldsammlungen benutzt worden. — Da es sich hier um einen mit dem Namen der „Oesterreichisch-israelitischen Union" getriebenen plumpen Mißbrauch handelt, warnen wir unsere Glaubensgenossen hiermit ausdrücklich, sich auf Grund dieses Schriftstückes Geld herauslocken zu lassen, und bitten dringendst. Jedermann, der mit einem solchen Ansinnen an sie herantreten sollte, sofort polizeilich festnehmen zu lassen. Wien, am 4. Februar 1900. Der Vorstand der „Oesterreichisch-israelitischen Union." Wir sind der Meinung, daß die „Oesterreichisch-israelitische Union" im Irrtum ist, wenn sie voraussetzt, ihr Name sei von anderer als antisemitischer Seite und zu einem anderen als zu einem verleumderischen Zweck gemißbraucht worden. Die Fruktifizierung schon, die die Fälschung bei den antisemitischen Blättern, auch außerhalb Wiens, gefunden hat, weist auf den Urheber. Ein antisemitisches Organ, das sich den Anschein giebt, an das 2-Miüionen-Märchen ebenso zu glauben wie an das Blutmordmärchen, spricht bereits davon, daß „unsere Töchter, unsere Söhne vogelsrei für jüdische Blutmörder" wären, verlangt eine Untersuchung über die zu Gunsten Buschoffs gesammelten Gelder, behauptet kühn, daß in Tißa-Eßlar die fälschlich beschuldigten Juden nur aus Furcht vor einer allgemeinen Judenverfolgung freigesprochen worden, und schließt mit folgenden Sätzen: „Das Blut des ermordeten Knaben schreit gen Himmel! Wir erinnern nur an diese Worte, mit denen der Präsident des Schwurgerichtshofs die denkwürdige Klever Verhandlung gegen Buschoff schloß! Soll es immer ungesühnt bleiben, rvie das Blut des Knaben Cybulla in Skurz, wie das Blut so vieler anderer Ermordeten, deren Mörder man aus „Humanität" — gegen das Judentum frei ausgehen lassen zu müssen glaubt? Wir verlangen aus Humanität gegen die Opfer Sühne und volle Sühne, und wenn die Juden statt 2 Millionen auch 20 zusammenbringen sollten. Wir verlangen die Sühne im Namen des deutschen Rechts!" Hier haben wir die nackre Behauptung, daß man nicht blos in Ungarn, sondern auch in Preußen Mörder aus Humanität gegen das Judentum frei hat ausgehen lassen. Wir erwarten nicht, daß die Staatsanwaltschaft hiergegen einschreitet, möchten aber Niemandem raten, auf dieses Beispiel sich zu stützen und ähnliche Redewendungen ohne antisemitische Färbung zu gebrauchen. Uns sind derartige antisemitische Aeußerungen recht willkommen, denn sie kennzeichnen die Antisemiten auch für die wohlwollendsten Gemüter. Innerhalb des Antisemitismus aber giebt es keinen Unterschied. So wie die, die solche Sprache führen, sind sie Alle, Alle ohne Ausnahme. * * * (Der Antisemitismus in Bulgarien). Wie seinerzeit von uns gemeldet worden, haben jüdische Einwohner von Sofia und Burgas in einer Audienz beim Minister des Innern Radoslawow Beschwerde über antisemitische Agitation geführt und vom Minister die Zusicherung erhalten, daß er mit aller Strenge gegen diese Agitation Vorgehen würde. Das Zirkular, das Herr Radoslawow in dieser Angelegenheit an seine Präfekten gerichtet hat, liegt jetzt vor und hat folgenden Wortlaut: „Es ist zu unserer Kenntnis gekommen, daß vor einiger Zeit in der Presse ein antisemitischer Feldzug begonnen und daß er in verschiedenen Städten unseres Fürstentums günstigen Boden gefunden hat. An einigen Orten sind Aufrufe und Schmähschriften verbreitet worden, die heftige Drohungen gegen die Juden enthalten. Nachdem wir diese Thatsachen ermittelt und die Aufmerksamkeit aller Verwaltungsbehörden auf die gefährlichen Folgen dieser Judenhetze gelenkt haben, ersuche ich Sie hierdurch ausdrücklich, ernste Maßregeln zu ergreifen und keinerlei Propaganda gegen religiöse Toleranz zu gestatten. Ich mache Sie persönlich für alle Folgen verantwortlich, die daraus entstehen könnten, daß Sie nicht rechtzeitig Maßregeln gegen diese Agitation eingeleitet haben." Gemeindestatuteil. Von M. A. Klausner. Die deutschen Juden haben in ihren fünfundzwanzig engeren Vaterländern divergierende Organisationsgesetze, in Preußen haben sie sogar zwölf verschiedene. Sie sind nicht alle gut, durchaus nicht alle, und es ist erstaunlich genug, daß bei der Minderwertigkeit der Mehrzahl von ihnen die Dinge sich nicht noch viel schlimmer gestaltet haben, als thalsächlich der Fall ist. Die Kraft der Tradition hat sich eben bewährt. Es wäre jedoch irrig, hielte man diese Kraft für dauernd. Das ist sie nur so lange, als die Tradition nicht blos gegenständlich, sondern auch in der Auffassung des Gegenständlicher keine Veränderung erfährt. Solche Veränderung aber hat sich bei uns so schnell vollzogen, daß man schon von einem Umschwung eher, als von einer Abweichung sprechen kann. Die

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