Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-02-02 · 5 (2.2.1900) · p. Seite 75

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
5 (2.2.1900)
Date
1900-02-02
Page
Seite 75 (sequence 24)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9607256-9607314--7692-9607337
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr 8. Israelitische Wochenschrift. Seite 75. Genossin der Unthat gemacht. Da ließ sich in der Ferne das Schmettern einer Trompete vernehmen. „Horch!" rief Ernst begeistert aus, „sie kommen, meine Brüder und Schwestern, das Rachewerk beginnt. Gieb die Mädchen heraus, Pricsterin, sonst ist es um Euch geschehen!" -- Plötzlich unterbrach ein Lärm aus größerer Nähe die Stille; von der Klosterpforte her tönte Waffengeklirr, Geschrei und das Bellen des Hundes. Ohne der Priesterin weiter zu achten, stürmte Ernst, der den Grund des Lärmens ahnte, aus der Zelle, die Korridore entlang, dem Klosterausgange zu, und mit schnellem Blicke sah er, daß Michel und Jakob sich im Kampfe mit den drei Urhebern des Verbrechens befanden. Letztere hatten von der Pförtnerin die Ereignisse der letzten Minuten erfahren und sofort die Gefahr erkannt, aus der sie sich durch eilige Flucht befreien wollten, noch bevor Zizka mit seinen Leuten erschienen. Zu ihrem Schrecken fanden sie die Klosterpforte besetzt. Ein Kampf auf Leben und Tod war unvermeidlich. Ignatius war der Erste, der einen Dolch aus seiner Kutte zog; in wildem Sprunge stürzte er sich auf Michel, aber dieser kam dem Angriffe zuvor, sein Schwert sauste durch die Luft und traf den Arm des Priesters mit so wuchtigem Hieb, daß der Dolch seiner Hand entfiel und ein Blutstrahl aus der klaffenden Wunde spritzte. Ein Wutgeheul rang sich von den Lippen des Getroffenen, er wollte ins Kloster zurückfliehen, aber die Kräfte versagten ihm, und er brach zusammen. Als Sixtus sah, wie schlimm es seinem Genossen erging, hatte er sich umgewandt, um im Kloster Zuflucht zu finden, aber schneller als er lief, hatte ihn Jacob ereilt, dessen Spieß so tief in seinen Unterschenkel drang, daß er in jähem Falle niederstürzte. In demselben Augenblicke erschien Ernst auf dem Kampfplatze; er kam zur rechten Zeit. Kilian, der mit riesigen Körperkräften ausgestattet war, hatte sich soeben auf Jakob geworfen, ihm den Spieß entrissen und holte zum vernichtenden Stoße aus, während er mit der andern Hand Michels Hand umklammert hielt und seinen Angriff abwehrte. Da vernahm er die Schritte des in eiligem Laufe heranstürmenden Ernst; sofort warf er den Spieß zu Boden und stürmte aus der Pforte. Ernst jagte ihm nach, aber der Fliehende hatte einen zu weiten Vorsprung, er sich nur noch, wie Kilian bis zu einem an der Straßenecke stehenden Wagen lief, hinaufsprang und in rasender Eile davonjagte. Ernst kam zurück, nahm sein Waffengehänge und fesselte damit den einen der auf dem Boden liegenden Mönche, während Michel sich seines Schwertgurtes entledigte und damit die Füße des andern band. „Danken wir Gott", sagte Michel, daß „die Feinde in unsere Hand gegeben sind; aber noch ist unser Werk erst zur Hälfte gethan, noch sind die Mädchen nicht befreit". „Das soll bald geschehen sein", sagte Ernst; „mein kluges Tier wird uns auch diese Spur finden lassen. Bleibet Ihr zur Bewachung der Gefangenen und als Schutz gegen einen etwaigen Ueberfall hier; ich begebe mich ins Kloster zurück". Damit griff er nach der Leine des Hundes, den Jakob an der Klosterpforte angebunden hatte, und hielt ihm ein Kleidungsstück der Mädchen vor die Nase. Das Tier sprang in die Höhe, lief einen langen Korridor entlang, dann eine Treppe, die in die Erdgeschosse führte, hinunter und machte schließlich vor einer eisenbeschlagenen Thür Halt, an welcher er seinen klugen Kops rieb. Mit angehaltenem Atem horchte Ernst, aber nichts regte sich; er hielt sein Ohr an das Schlüsselloch und glaubte ein leises Wimmern zu hören. Nun schlug er mit voller Kraft an die Thür und rief, so laut, als es seine Stimme vermachte: „Bella! Rachel! Oeffnet! Eure Befreier sind hier!" Da schien es ihm, als höre er abermals ein Stöhnen; kurz, entschlossen griff er nach seinem Dreschflegel und schlug damit so heftig an das Schloß, daß seine Waffe in Stücke zersprang, zugleich aber die Thüre sich aufthat. Ernst trat in eine weite Halle; aber wie er auch umherspähte, seine Auge suchte vergebens nach den Mädchen. Da vernahm er von dem äußersten Ende des Raumes her lautes Stöhnen, und nun erkannte er dort eine höhlenartige Vertiefung, in welche einige Siufen hinunterführten. „Seid Ihr da?" rief Ernst, nachdem er mit wenigen Schritten an die Vertiefung herangetreten. „Gebt unverzagt Antwort; ein Freund ruft, der Euch Rettung bringt". Eine leise Stimme antwortete: „Wir sind hier . . . aber die Stricke ... mit denen unsere Peiniger uns gefesselt . . . machen jede Bewegung unmöglich". Ernst hatte genug gehört; eiligst stieg er die Stufen hinunter und tiefes Weh schnürte ihm das Herz zusammen, als er bei dem schwachen Lichtscheine, der von oben in den entsttzlichen Raum eindrang, die unglücklichen Mädchen erblickte, die, mit Stricken umwunden, in einem Winkel kauerten.- Sofort zerhieb er mit seinem Dolchmeffer die Stricke und richtete die Befreiten mit kräftigem Arme in die Höh-'. Nun erkannte Bella ihren Retter und mit leiser Stimme flüsterte sie: „Du bist es, Ernst, treuer Diener unseres Hauses! Gelobt sei Gott, der Herr, der Dich gesendet, um uns von der Schande zu retten. Wie sollen wir Dir danken?" „Kein Wort des Dankes, Herrin", wehrte Jener ab. „Kommt, stützt Euch aus meinen Arm; er wird stark genug sein, um Euch und Eure Leidensgenossin zu den Unsrigen zu führen, die in Angst und Sehnen Eurer warten". Die freudige Gewißheit der Rettung gab den von Schreck und Aufregung halb betäubten Mädchen die Kräfte wieder und, auf Ernst gestützt, stiegen sie die Treppe hinan. Noch bevor sie an die Klosterpforte gelangt waren, flogen ihnen der Vater, der wenige Minuten vorher aus dem Lager zurückgekehrt war, und der Bruder entgegen. Ein Freudenschrei rang sich von den Lippen der Mädchen, und die Tochter lag in den Armen des Vaters, die Schwester in denen des Bruders; die Wonne des Augenblicks ließ kein Wort über die Lippen kommen, die Gefühle, die ihre Herzen durchzitterten, lösten sich in einer Flut von Thränen. Vergessen schien all' das Leid, daß die letzten Stunde gebracht, in dem einen beseligenden Gedanken, daß die Gefahr vorüber, daß die verloren Geglaubten wieder gefunden seien. Rachel wand sich zuerst aus der Umarmung des Bruders; sie hatte es bemerkt, daß Michels liebender Blick Bella suchte, leise flüsterte sie ihm

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.