Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-02-02 · 5 (2.2.1900) · p. Seite 69

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
5 (2.2.1900)
Date
1900-02-02
Page
Seite 69 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9607256-9607314--7686-9607331
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 5. Israelitische Wochenschrift. Seite 69. lehrer in den Satzungen ihres neuen Glaubens unterrichten?) Nach und nach drang das Judentum auch ins Volk ein, so daß die meisten Städtebewohner Juden waren, auch einige Vasallenkönige in dem großen Gebiet, das dem Chagan unterworfen war, nahmen die Religion ihres Gebieters an. Ein Enkel Bulans auf dem Thron, der den hebräischen Namen Obadja führte, besonders fromm und gerecht war, Gesetz und Ueberlieferung befestigte, gründete Bethäuser und Lehrstätten, lud jüdische Gelehrte in sein Reich ein, ließ sich und sein Volk in Bibel und Talmud unterrichten und führte den Gottesdienst nach dem Muster der alten Gemeinden ein?) 3) Soviel Einfluß gewann das Judentum auf die Gemüter dieses unkultivierten Volksstammes, daß, während die heidnisch gebliebenen Chazaren ihre Kinder ohne Gewissensbisse zu Sklaven verkauften, die jüdischen Chazaren diese Unsitte eingestellt hatten. Nach Obadja regierte eine lange Reihe seiner Abkommen; Josef war der elfte seit Obadja, denn nach einem Staatsgrundgesetz durften nur jüdische Herrscher den Thron besteigen. Sie behandelten aber alle Andersgläubigen mit vollständiger Gleichheit. Der oberste Gerichtshof bestand aus sieben beziehentlich neun Richtern aus den verschiedenen Religionen, damit ein jeder nach den Satzungen seines Glaubens gerichtet werden könne. Jeder Unterthan des Königs genießt volle Religionsfreiheit und gleichmäßigen Schutz?) „Vom jüdischen Geist durchweht, hätte das Chazarenreich ein Muster der Duldsamkeit für Christen und Mohammedaner zu seiner Zeit und noch ein Jahrtausend später abgeben können". (Grätz V, 216). Das um 740 geschehene seltene Ereignis, der Uebertritt der Chazaren zum Judentum, nahm nach vier Jahrhunderten der Dichterfürst und Philosoph von Castilien Rabbi Jehuda Halevi (1140) zum geschichtlichen Ausgangspunkt seines berühmten Werkes Chazari (Kusari). Die Religionsphilosophie des berühmten Jehuda Halevi kommt in glänzender Dialogform in dem Religionsdisput zwischen dem Rabbi und dem Chazarenkönig in großen Zügen zum Ausdruck. Das Buch, das zu den literarischen Schätzen des Judentums zählt, ist in einem eleganten Arabisch verfaßt; kurz nach seiner Entstehung wurde es zweimal hebräisch übersetzt durch Jehuda Jbn Tibbon und durch Jehuda Kardinal?) Zur Zeit des Briefwechsels zwischen Chasdai und dem Chazarenkönig (um 960), hatte die politische Macht und Stellung der Chazaren ihren Höhepunkt bereits überschritten. Joseph war der letzte mächtige Chazarenfürst und konnte sich noch friedlicher Verhältnisse freuen. Aber schon nach wenigen Jahren änderte sich die Lage der Dinge. Die vorwärtsdringenden und zur Großmacht aufstrebenden Russen engten 0 2) 4) Grätz 213—216, tzirschfeld, Einleitung p. XXV, XIX. 3) Daß die jüdische Religion der Chazaren der rabbinischen Lehre ergeben war, bestätigt R. Abraham Jbn-Daud in seinem Geschichtswerk „Seder ha-Kabbalah" (Toledo 1161), wo er von einigen zu seiner Zeit in Toledo lebenden Abkömmlingen der Chazaren eben dieses bestätigt hörte. 5) Auch zwei deutsche Uebersetzungen hat dieses gewürdigte Werk, von Dr. David Cassel (1859 und 1869) und von Dr. Hartwig Hirschfeld (1885). das Chazarenland immer mehr ein. Swiatoslav, Großfürst von Kiew, eroberte (um 969) das Chazarenreich. Dieses Reich schrumpfte auf ein geringes Maß ein, behielt blos in der Krim seine Herrschaft, wohin die Chazaren größtenteils flüchteten. Statt der ehemaligen Großmacht der jüdischen Chazaren, beherrschten die Russen das große Gebiet, und nahmen für sich alle Vasaüenländer am Schwarzen Meer und im Kaukasus in Anspruch?) Der letzte jüdische König David war in seiner Residenz Sephard (Bosporus), wenn auch sein Gebiet einen winzigen Kleinstaat bildete, eifrig um das Judentum bemüht; und als Großfürst Wladimir in Kiew zur Erkenntnis kam, das plumpe Heidentum mit einer vernünftigen Religion zu vertauschen, waren auch die Chazaren zur Stelle, den Russen das Judentum anzubieten; der jüdisch-chazarische König David wollte sich nicht die Gelegenheit entgehen lassen, Wladimir für die Annahme des Judentums zu bestimmen?) Die Vertreter der verschiedenen Religionen bemühten sich, die Teilnahme der Russen zu gewinnen. Wladimir schickte Abgesandte nach den Nachbarstaaten, um an Ort und Stelle durch den Augenschein das beste Bekenntnis kennen zu lernen. Auch nach dem Gebiet des jüdisch-chazarischen Königs David waren sie gekommen (987). Gegen das Judentum soll Wladimir von vornherein ein Vorurteil gehabt haben, weil dessen Bekenner unter fremden Völkern weit und breit zerstreut leben. Das griechische Bekenntnis trug den Sieg über das Judentum, den Islam und den römischen Katholizismus davon, weil die Byzantiner es verstanden, ihm die Erhabenheit ihrer Religion in lebendigen Farben äußerlich darzustellen. Außerdem bot die Verbindung mit dem byzantinischen Reich der noch nicht konzentrierten russischen Macht die meisten Vorteile. Der byzantinische Geist wurde seit dieser Zeit in Rußland herrschend?) Der jüdische Staat der Chazaren, der so lange eine Zufluchtsstätte für jüdische Verfolgte bildete, ging bald völlig unter. Nicht lange sollte das Judentum einen, wenn auch beschränkten politischen Boden haben. Einer von Wladimirs Söhnen, Mretislav, führte den letzten Kampf gegen das Ueberbleibsel des Chazarenreiches. Etwa um 1016 hörte die Existenz der Chazaren völlig auf?) Nach einigen Angaben soll deren politische Selbständigkeit schon 988 durch Wladimir aufgelöst worden sein. Die jüdisch-chazarischen Prinzen sollen nach Spanien entflohen sein; ihre Nachkommen, die in Toledo wohnten, pflegten das Talmudstudium?) (Seder ha-Kabbalah des R. Abraham Jbn Daud). Auch in Kiew, der Mutterstadt Rußlands, wo die Wiege des Riesenreiches stand, wohnten Juden schon in den ältesten Zeiten; noch als die Stadt den Chazaren tributpflichtig war, siedelten sich dort die Juden an, die aus dem Orient über die Krim kamen. Man kann das mit Gewißheit aus den Beziehungen der chazarischen Juden zu den slavischen ersten Lehrern folgern. Der Philosoph Konstantin — genannt Kyrill, i) 2 3) Grätz V, 371, 412 und 550. Geschichte Rußlands (hebräisch) Mandelkern I 43. Die Historiker zitieren diesen Vorgang nach Nestor, dem ältesten russischen Annalisten, der die dabei beteiligten Juden die chazarischen (Zidowe kosaritii) nennt. 3) 4) 5) Grätz, Band V, 413.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.