Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 5 (2.2.1900)
- Date
- 1900-02-02
- Page
- Seite 68 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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««ite 68 Israelitische Wochenschrift. Nr. 5 mit Sinnlichkeit und Unkeuschheit gepart war?) Durch die Araber und Griechen, die in Handelsangelegenheiten nach der Hauptstadt Balangar kamen, wurden die Chazaren eines Besseren belehrt; sie lernten Islam und Christentum kennen. Als durch die Verfolgungen des byzantinischen Kaisers (723) auch die Juden sich ansiedelten, lernten die Chazaren auch das Judentum kennen. Als Dolmetscher oder Kaufleute, als Aerzte oder Ratgeber wurden die Juden am chazarischen Hof' bekannt und beliebt und flößten dem kriegerischen König Bulan Liebe zum Judentum ein. Etwa um 740 hat die Bekehrung des Chazarenkönigs und eines großen Teils seines Volkes zum Judentum stattgefunden. Bei den damaligen Verkehrsverhältnissen ist es erklärlich, daß die auswärtigen Juden anfangs keine Ahnung hatten von der Bekehrung eines mächtigen Königreichs zum Judentum, und als erst zwei Jahrhunderte später die Kunde von dem Vorhandensein dieser seltenen Thatsache nach Spanien drang, dem damaligen Hauptsttz der Edlen jüdischer Nation, war dieses Gerücht, das aus weiter Ferne kam, entstellt glaubte man in Spanien, das Land der Chazaren sei von den Ueberbleibseln der ehemaligen Zehnstämme bevölkert. Der Reisende Eldad, der Danite, halte der unbestimmten Sage einige Glaubwürdigkeit verschafft, andererseits aber sie durch die Uebertreibung, daß die Zehnstäwme noch in ungeschwächter Kraft sortbeständen, unwahrscheinlich gemacht. Die dunkle Kunde nahm das lebhafte Interesse des ausgezeichneten jüdischen Gelehrten Chasdai Jbn Schaprut, der als Minister an der Spitze der Staatsleitung in Cordova stand?) in Anspruch. Er verwendete seinen großen Einfluß, bei den Gesandtschaften aus weiter Ferne Erkundigungen einzuziehen, und vernahm die Nachricht von Gesandten aus Charosan (östlich vom Kaspi-See), daß es allerdings einen jüdischen König im Chazarenland gebe?) Um sich Gewißheit zu verschaffen, beschloß er kurzer Hand, an dessen Beherrscher zu schreiben, um Auskunft zu erbitten?) Er sandte einen zuverlässigen Boten ^zunächst nach Byzanz, um durch Vermittelung des Kaisers das Land zu erreichen. Zu seinem Leidwesen mißlang diese Botschaft, denn der Kaiser mißtraute und fand nach längerer Dauer eine Ausrede, den Boten unverrichteter Sache zurückzusenden. Aber weit entfernt, von seinem Vorhaben sich, abschrecken zu lassen, suchte er nach passender Gelegenheit, bis er sie fand. Er verfaßte ein zweites Schreiben, in dem er die Zustände in Spanien, die historische und geographische Lage des Landes in herrlichem Hebräisch schildert, und besonders seiner frommen Sehnsucht Ausdruck giebt, zu erfahren, „ob es wirklich ein Reich gebe, wo Israel herrsche und nicht beherrscht werde"?) Dieser Brudergruß des vornehmen Vertreters der Juden im äußersten Westen Europas an den Juden auf dem Thron im fernen Nordosten, giebt in bewegten Worten seinem innigen Wunsch Ausdruck, berührt auch Messiashoffnungen und schließt 0 Grätz, Geschichte der Juden, Band V (ed. 1860) 211. 2) * 3 4) Grätz a. a. O. 364. 4) 5) Dr.H.tzirschfeld, deutsche Uebersetzung des Buches „Al- Chazari" (sä. 1885.) Einleitung XXII. mit den herzlichsten Segenswünschen?) Auf gewaltigen Umwegen, über Ungarn, Bulgarien und Rußland, trotz der Unsicherheit der Beförderung, gelangte Chasdai's Sendschreiben glücklich an seinen Bestimmungsort in die Hand Josephs, des regierenden Königs der Chazaren (etwa um 960). Diesem Sendschreiben verdanken wir die unschätzbare Urkunde, die Antwort des Königs, die in vielfacher Beziehung ein wichtiges Dokument ist. Die Angaben des Königsbriefs sind vor dem. strengsten Forum der Geschichte geprüft und längst als Wahrheiten erwiesen, die mit den Berichten der arabischen Zeitgenossen, der Geographen und Historiker Jbn Haukal, Massudi, Jbn Alathir und anderer mehr (bei Frähn) übereinstimmen. Mit diesem Antwortschreiben hat dem Volk kurz vor seinem politischen Untergang sein eigener König ein würdiges Denkmal gesetzt und sich damit zugleich den Dank der geschichts- ' forschenden Nachwelt erworben. Der König erzählt in dem Brief die Geschichte seines Volks nnd die geographische Lage seines Landes, und hauptsächlich die Bekehrung seines berühmten Vorgängers' zum Judentum vor etwa zwei Jahrhunderten, wie sie im Volk überliefert ist. König Bulan habe einen Abscheu vor dem wüsten Götzentum empfunden und es in seinem Reich verboten, ohne sich einer anderen Religionsform anzuschließen. Durch einen Traum soll er in seinem Streben nach einer würdigen Gottesverehrung bestärkt worden sein. Da kamen Abgeordnete mit reichen Geschenken von dem arabischen Khalifen und dem byzantinischen Kaiser, die dcn König bekehren sollten. Dieser ließ auch einen gelehrten Juden kommen (angeblich R. Jzchak Sangari) und forderte die Vertreter der drei Religionen auf. miteinander zu dis-, putieren. Sie konnten einander nicht überzeugen, Bulan aber' merkte, daß die Vertreter des Christentums wie des Islam, beide, sich auf das Judentum als auf den Ausgangspunkt und Grund ihres Glaubens beriefen; so habe er unter vier Augen den christlichen Mönch gefragt, ob er dem Judentum oder dem Islam den Vorzug gebe. Und als dieser das Judentum auf Kosten der Religion Mohammeds sehr hochgestellt, habe Bulan dasselbe Mittel auch mit dem mohammedanischen Kadhi angewendet, um ihm das Geständis abzulocken, daß das Judentum dem Christentum vorzuziehen sei. Darauf, da der König aus dem Mund der Gegner des Judentums das unparteiische Geständnis von dessen Vorzüglichkeit vernommen, erklärte er öffentlich, den jüdischen Glauben bereits auserwählt zu haben, dankte den beiden für die Bestätigung seiner Gesinnung und entließ sie in Gnaden mit reichen Geschenken?) Mit Bulan bekannten sich zum Judentum die Großen des Reiches, ungefähr 4000 an der Zahl, unterzogen sich den zur Ausnahme in das Judentum erforderlichen Zeremonien und ließen sich von einem jüdischen Glaubensy Grätz 366—367 und Hirschfeld, Einleitung. Die beiden Briefe hat zuerst Isaak Akrisch ausgefunden und in einem Büchlein Kol-Mebasser 1577 veröffentlicht. Seitdem sind sie öfter erschienen. Sie sind ins Lateinische, Französische und Deutsche von Buxdorf, Carmotz, Zedner (Auswahl re. 1840, Chasdais Brief), S. Cassel (Königsbrieff Magyr. Altertümer (1848) und Harkavy (1875) übersetzt worden. 2) Grätz 213—216, Hirschfeld, Einleitung p. XXV, XIX.