Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 24-25 (1900-1901)
- Issue
- No. 2. (1900)
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 7)
- Language
- German
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15 א jetzt nicht aufgefunden worden. Nun verweist allerdings Ibn Falaquera in seinen Excerpten aus der ,,Lebensquelle“ auf die ,,fünf Substanzen“ — oder wie sonst das Buch betitelt war — des Empedokles, denen Gabirol die Grundläge seines Systems entnommen haben soll. Allein bei der Unauffindbarkeit des verschollenen Buches blieb man trotzdem hinsichtlich der Quellen der Philosophie Gabirols im Dunkeln. Kaufmann ist nun dieser Spur des Falaquera gefolgt, und zwar waren es zwei Momente, welche ihm für die massgebende Bedeutung dieses Hinweises wesentlieh waren: erstens hätte Falaquera mehr Veranlassung gehabt, auf die damals in arabischer Sprache weit verbreitete sogenannte ,,Theologie des xUristoteles“ als Quelle der Philosophie Gabirols hinzuweisen, die ihm ja so geläufig war, dass er daraus ganze Blätter in seine Schriften aufnahm, wenn sie ihm einigermassen als Quelle erschienen wäre; dass Falaquera es unterlässt, Gabirol für Aristoteles in Anspruch zu nehmen und ihn von dem veralteten Philosophen ableitet, spricht deutlich, dass ihm die Aehnlichkeit mit den ,,fünf Substanzen“ des Empedokles viel wahrscheinlicher erschien. Sodann weist Verfasser an der Hand eines lehrreichen Materials nach, dass Empedokles — allerdings unter dem Namen ,,Ben Daklis“*) — bei den Juden in Spanien seit dem Anfang des 11. Jahrhunderts so sehr in Aufnahme gekommen war, dass Moses ibn Esra, Josef ibn Zaddik den Empedokles — ohne jedoch den Titel der benutzten Schriften anzugeben — als eine der geläufigen Quellen der Philosophie im 12. Jahrhundert benutzen. Verfasser führt noch zahlreiche andere schlagende Argumentationen an. Allein die Schrift selbst war für uns verschwunden; selbst der angegebene Titel: ,,Die fünf Substanzen“ schien irreführend. Da man nämlich mit den fünf Substanzen gewöhnlich die fünf philosophischen Grundbegriffe der aristotelischen Physik: Stoff, Form, Raum, Bewegung und Zeit bezeichnete, so mag sich manche Schrift auf diesem Titel aufgebaut haben; Empedokles aber kann doch unmöglich ein Buch über einen Begriff geschrieben haben, den er garnicht gekannt hatte. Nun ist es sehr wahrscheinlich, wie Verfasser mit Recht meint, dass unter der Flagge des so populär gewordenen Philosophen manche Schriften ausgingen, um auf ein gläubiges Entgegenkommen rechnen zu dürfen. Um so wichtiger war für den Verfasser, wenigstens ein Fragment dieser verschollenen pseudo-empedokleischen Schrift von den ,,fünf Substanzen“ entdeckt zu haben, aus welchem sogar hervorgeht, dass diese Schrift in der jüdischen Litteratur weit hinab bis auf die Kabbalisten wirksam war. In zwei von dem Verfasser entdeckten Handschriften haben sich die Fragmente dieser Schrift erhalten. Die eine Handschrift bildet Cod. 607 der Baron Glinzbourg’sehen Bibliothek in Petersburg, in welcher das ,,Jesod olam“ betitelte kabbalistische Werk des bisher unbekannten Elchanan b. Abraham, der nach Verfassers Ansicht aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts stammen dürfte, erhalten ist. In dieser Schrift bedient sich Elchanan der Theosophie des Empedokles, um den Philosophen in der eigenen Mitte die Uebereinstimmung der alten Urweisheit mit der Lehre Israels zu zeigen. Die zweite Handschrift, in der uns diese Fragmente der ,,fünf Substanzen“ begegnen, ist Cod. 849 der Pariser National-Bibliothek. In dieser Handschrift finden sich Auszüge aus kabbalistischen und philosophischen Schriften, unter denen auch eine Reihe den ,,fünf Substanzen“ entnommener empedokleischer Fragmente erscheint. — Allerdings vermisst man in diesen Fragmenten, welche *) בן דקלים auch אבן דקלים und בנדקליס. — (Sollten vielleicht unter dem noch immer nicht genügend erklärten ספרי בן ת ג ל א (Midr. r. Koheletli c. 12) auch ״die Schriften des Empedokles“ gemeint sein? Red.) uns der Verfasser in besonderem Abdruck bietet, einen Anhaltspunkt für die eigentliche Grundlage des philosophischen Systems Gabirols, nämlich für die Lehre von der durchgängigen Zusammensetzung alles Geschaffenen, dem Vorhandensein von Materie und Form in allem Geistigen, so gut wie in allem Körperlichen, und Falaquera bleibt nns noch immer den eigentlichen Beweis schuldig für die Abhängigkeit Gabirols von den ,,fünf Substanzen“ des Empedokles. Allein dieser Umstand ist, wie Verfasser meint, nur ein Zeichen dafür, dass diese Fragmente vielleicht nur den zwanzigsten Theil des Buches ausmachen; das Buch selbst muss, wie Falaquera selbst bezeichnet, wohl darauf aufgebaut sein, dass alle geistigen Substanzen eine geistige Materie besitzen. Auf jeden Fall geht aus vielen hervorstechenden Aehnlichkeiten und gleichen Be- Zeichnungen für bestimmte philosophische Termimi die Abhängigkeit Gabirols von den fünf Substanzen deutlich hervor. — Hinsichtlich der Frage, von wem das Buch der ,,fünf Substanzen“ ins Hebräische übersetzt worden ist, vermuthet Verfasser aus der Aelinlichkeit der Sprache in Falaquera’s Excerpten aus der ,,Lebensquelle“ und in den Fragmenten der ,,fünf Substanzen“, dass Falaquera selbst der Uebersetzer des Buches der ,,fünf Substanzen“ gewesen sein muss. In der zweiten Studie sucht K. nachzuweisen, dass Gabirol einen philosophisch-allegorischen Bibeleommentar verfasst haben muss, in welchem er auf dem Wege der Allegorese das Bibelwort seiner Philosophie anzopassen versucht haben wird. Zwei Gesichtspunkte sind dem Verfasser für seine Annahme maassgebend. Das Hauptwerk, in welchem Gabirol den ganzen Inhalt seines Denkens darzulegen bemüht war, weist nicht die entfernteste Spur auf, dass dasselbe in Berührung getreten ist mit den Ueberzeugungen des Judenthums, keinen Versuch, seine Angaben mit Stellen aus der Bibel zu belegen. Und dazu lag sicherlich Veranlassung genug vor. Denn in Gabirols System hat die Vorstellung von der Schöpfung als einer erst zu einer bestimmten Zeit eingetretenen freien That Gottes keinen Raum, die Welt ist ein ewiger Ausfluss aus Gott, wie sie noch immer in ihm ruht. Zwar sucht Schmiedel (Studien über jüdische Religionsphilosophie) mühsam nachzuweisen, dass Gabirols Philosophie wohl im Einklang mit der biblischen Schöpfungstheorie stehe, allein die ganze Auseinandersetzung bei Schmiedel scheint gezwungen und was lässt sich nicht schliesslich in ein System wie Gabirols, wo statt der nüchternen Reflexion die Einbildungskraft in den höchsten Regionen sich bewegt, hineindeuten! Und wie verhält es sich nun aber erst mit den Wundern? wie mit der Offenbarung und Prophetengabe? wie mit der Verpflichtung zu den nicht der Vernunft entfliessenden biblischen Vorschriften? Aus Gabirols Philosophie ist ein Uebergang zu diesen und ähnlichen Annahmen nicht gegeben. Und dennoch bürgt uns die Harmonie, die uns aus seinen religiösen Dichtungen entgegentönt, dafür, dass sein gläubiges Herz von keinem Hauche der Abtrünnigkeit oder Selbstzerfallenheit auch nur berührt gewesen ist. Dieser Widerspruch zwischen dem Denker und dem Dichter Gabirol ist nur durch die Annahme zu lösen, dass Gabirol seine Zuflucht genommen haben werde zur Anpassung des Bibelwortes auf dem Wege der philosophischen Allegorie. In dieser wohlberechtigten Vermuthung wird Verfasser noch bestärkt durch ein direktes literarisches Zeugniss. Es ist dies der fragmentarische Commentar Abraham ibn Esra’s zum 1. Buch Moses (edirt von Dukes), in welchem er uns die philosophische Auslegung der Schöpfung und des Gartens Eden von Ibn Gabirol übermittelt, und in welchen Auslegungen man auf den ersten Blick das philosophische System Gabirols erkennt.