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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1900-01-01 · No. 2. (1900) · p. Seite 10

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
24-25 (1900-1901)
Issue
No. 2. (1900)
Date
1900-01-01
Page
Seite 10 (sequence 2)
Language
German
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10 Lenau nannte sie mit Recht seine Muse, ihr widmete er seine zartesten Lieder, ihr rief er zu: ,,Von allen, die den Dichter lieben, Die, was ich dachte, nachempfanden, Die es besprachen und beschrieben, Hat niemand mich, wie Du, verstanden!“ Sophiens Gatte war der Sohn des jüdischen Bankiers Löwenthal.*) Auf seinen vielverschlungenen Lebenspfaden kam Lenau oft mit Juden in Berührung. Mancli edlen, opferfreudigen Gefährten, manch’ mutigen Weggenossen fand er unter den Söhnen des Volkes, das er einst ein ,,geknicktes“, sein lorbeerumkränzter Freund, Anastasius Grün, ,,einen Wunderstamm“ genannt. Mit Leopold Kompert, dem Dichter der ״Gasse“ hatte er auf den Bänken des Collegs gesessen. Der Professor der Medicin, Romeo Seligmann, dem er den Stoff zu einem seiner schönsten Gedichte, wo ein armes Mädchen .Frühlingsveilchen anbietet, verdankt, der phantastische Jokel, der sich später taufen liess und katholischer Priester wurde, der gefühlvolle Componist Josef Dessauer, der klassisch gebildete Klavier virtuose Fischhof, der geistvolle Bankier Adolph von Herz und — last not least — Ludwig August Frankl, der Armenvater der Poeten, zählten zu seinen Freunden. Als dieser die tief poetische Ader Josef Emanuel Hilscher’s entdeckte, lies sich Lenau, der keinen Augenblick über das Talent des jüdischen Dichter-Korporals im Unklaren war, scherzhaft vernehmen: ,,Frankl möge bei den Regimentern nur emsig Nachfrage halten, ob nicht noch irgendwo eine Poetenseele im Drill ersterbe, die Muse würde ihm seine guten Werke schon lohnen.“ Der obenerwähnte Ritter von Herz nahm Lenau einst nach Giins mit zu seinem Geschäftsfreunde, dem Sohne eines gelehrten, ehrwürdigen Rabbiners, mit welchem sich der Dichter alsbald in ein theologisches Gespräch einliess. Wacker stritten sie miteinander über den Vorzug der jüdischen und christlichen Religion, jeder strebte mit allen Waffen der Logik und Dialektik, ,,die Kraft des Steines in seinem Ringe an den Tag za legen“, was, wie gewöhnlich, damit endete, dass Keiner den Anderen zu überzeugen vermochte, allein Lenau schied nicht ohne einen bleibenden Eindruck von dem alten Gelehrten empfangen zu haben. Er sah sich später zu der Aeusserung veranlasst: ,,Fürwahr ein merkwürdiger Greis, ich glaube der Koloss von Rliodus wäre leichter umzustürzen gewesen, als der von seinem Talmud-Piedestal. Er hat mich durchaus nicht überzeugt, wohl aber weckte dieser Weise Ehrfurcht in mir!“ In der düstersten Einsamkeit, der sich der Dichter *) Maximilian v. Löwenthal, zu dessen Gattin Sophie, einer Tochter des ösierr. Hofraths Karl Kleyle, der Dichter eine so tiefe Neigung gefasst hatte, war Concipist der österreichischen Hofkanmier. Ueber die Geschichte dieser Liebestragödie bis zu Lenau’s Erkrankung verbreiten die von L. A. Frankl herausgegebenen ,,Tagebücher und Briefe Lenau’s“ Licht. Am 14. August 1844 weilte er noch bei Sophie, am 29. September wird er von einem Schlaganfall gerührt; in der Nacht vom 12.—13. October brach Tobsucht aus. Er wurde in die Heilanstalt nach Winnenthal abgeführt. Am 15. Mai 1847 nahm ihn sein Schwager Schurz zu sich nach Wien. Am 22. August 1850 starb er daselbst. R. in Heidelberg überliess, war die Zi 111m e r n’sche Fainilie sein einziger Umgang. Er sprach gern von der Trefflichkeit und Herzlichkeit des alten Wechslers, den er nie anders als ,,Vater Zimmermann“ hiess, verkehrte häufig mit dessen Sohn Adolf und der geistreichen Gattin desselben. Zu seinen schwäbischen Freunden zählten auch Dr. Ehrenbaum und der vielgewanderte Humorist Dr. Nork (Kolm), vor allem aber Bert 11 old Auerbach, den er in Stuttgart kennen lernte. Auf einem gemeinsamen Spaziergange drehte sich das Gespräch um Spinoza, dessen Uebertragung Auerbach gerade vollendet hatte. Leicht konnten sich die gleichgesinnten Poeten verständigen, sie traten einander näher und schlossen einen Bund für’s ganze Leben. Häufig pries Lenau das günstige Geschick, das ihn mit ,,einer so treuen, unerschütterlichen Seele“ zusammen geführt. Gustav Schwab und Justinus Kerner vermittelten des Dichters Bekanntschaft mit zwei jüdischen Originalen: dem feurigen Reformer Birken thal und dem Wuiid er r ab bi Dan m a r k. Dieser war so belesen und erfreute sich eines derart vorzüglichen Gedächtnisses, das er aus allen hebräischen Büchern, selbst aus den seltensten Folianten, die man aus. der Bibliothek holen mochte, — wenn man die Blätter mittels einer Nadel durchstach — stets die fraglichen Stellen zu bezeichnen wusste. Ueber Jenen äussert sich Lenau folgendermasseii: ,,Es ist seit einiger Zeit ein Jude bei uns, ein Dr. Bernhard Birkenthal aus Brody, ein kleiner junger Mann, der den kühnen Gedanken gefasst hat, sein Volk zu reforiniren; er ist geistreich, gebildet, dabei höchst einfach und so durchdrungen von seiner schönenedlen Idee, dass er den Eindruck eines gotterfüllten Apostels macht. Er besitzt eine in der That eminente Beredsamkeit und hat ein Feuer in seinen Reden, als wäre er von prophetischem Eifer erfüllt.“ Diesem jungen Schwärmer, der ganz Deutschland in der Absicht, das Judenthum von innen heraus zu reforiniren, es sittlich und intellektuell zu heben, bereiste, liess Lenau seine wärmste Unterstützung an gedeihen; er legte sein Ansehen, seine anerkannte geistige Bedeutung in die Wagschale zu Gunsten des armen Juden ,,unter dessen schäbigem Rocke ein liebevolles, menschenfreundliches Herz schlug“. Allein Birkenthal’s unklare, halbmvstische Ideen fanden ל *j keinen Anklang unter seinen Glaubensgenossen. In den Stürmen der Revolution ging man über ihn und seine Reformpläne zur Tagesordnung über. ״Versunken und vergessen!“ Das ist des Schwärmers Fluch! . . Cliaracteristisch ist Lenau’s Stellung zu Heine. Wohl fühlte sich der keusche Sänger der Haide von manchen Cynismen des ungezogenen Lieblings der Grazien abgestossen, wohl musste den ernsten, vielgeprüften Mann, der ,.die ganze Welt zum Verzweifeln traurig“ gefunden, Heine’s Tändeln mit dem Leid, sein Kokettiren mit seinem Weltschmerz, peinlich berühren, wohl verdammte er, den Schwaben gastlich aufgenommen, Heine’s Ausfälle gegen Uhland und die Schwabendichter, dennoch blieb sein Urtheil über den

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