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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1900-01-01 · No. 2. (1900) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
24-25 (1900-1901)
Issue
No. 2. (1900)
Date
1900-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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No. 2. - 1900. Jüdisches Jahrg. XXIV. Litteratur-Blatt. Zur Beleuchtung aller Judenthum und Juden betreffenden litterarischen Ersoheinungen auf dem Gebiete der Philo- Sophie, Geschichte, Ethnographie, Theologie, Orientalia, Exegese, Homiletik, Liturgik und Pädagogik. Verantwortlicher Redacteur: Rabbiner Dr. JI. Ra Inner in Magdeburg. Verlag* und Expedition: Siegfried Cronbach in Berlin W. 57. Bücher der einschlägigen Litteratur, deren Besprechung in diesem Blatte gewünscht wird, sowie Briefe und Manuskripte sind an die Redaction, Inserate u. Beilagen an die E x p e - d i t i o n franco einzusenden. Das ,,Jüdische Litteratur-Blatt“ erscheint monatlich im Umfange eines ganzen Bogens und kostet bei allen Buchhandlungen (oder bei direktem Bezüge durch Siegfried Cronbach in Berlin W. 57) vierteljährlich eine Mark. — Die Abonnenten der in demselben Verlage erscheinenden ״Israelitischen Wochenschrift“ (Redacteur M. A. Klausner), welche bei allen Postanstalten und Buchhandlungen vierteljährlich 2.50 M. kostet, erhalten das ,,Jüdische Litteratur-Blatt“ als Grätis-Beilage. — Inserate werden mit 30 Pfg. die viergespaltene Zeile berechnet und sind an die Expedition in Berlin zu senden. Unbefugter Nachdruck aus diesem Blatte ist nicht gestattet. Nicoiaus Lenau und seine Beziehungen zu Juden und Judenthum. Seit Tasso’s Zeiten umschwebt ein märchenhaftwehmütiger Schimmer die Dichter, die in der Nacht des Wahnsinns geendet. Wohl keiner unter ihnen ist durch sein Talent sowohl, als durch sein grauenvolles Sterben, der Welt so schmerzlich theuer geworden, als Nicolaus Lenau, ein er der edelsten Märtyrer des ringenden Gedankens. Kein Zweiter im deutschen Dichterwalde hat siel! so innig-tief mit religiösen Fragen beschäftigt, keiner sich so ernsthaft an der Lösung des uralten ewigen Welträthsels abgemüht, keiner so sehr gegen den Zweifel in der eigenen Brust angekämpft, als Lenau. ,,Der Schöpfung ihr Geheimniss abzufordern“ war das Ziel seines Lebens; an der ,,unglücklichsten, ewig hoffnungslosen, der Liebe für die Wahrheit“ verblutete er sich. Eine Tragödie des Zweifels ist dieses ganze tieftraurige Dichterdasein, denn der Beruf zur Skepsis schliesst den zum Glücke aus. Schon in frühester Jugend pflanzte seine religiösgesinnte, phantasievolle Mutter den Keim des Glaubens in seine Seele, sie lehrte den Knaben die Gebräuche der ,,alleinseligmachenden“ Kirche üben und verehren, sie wirkte tief auf des Sohnes Gemüth. Dem jungen Lenau war das Gebet ein Seelengenuss; Messelesen war sein grösstes Vergnügen. Bald erfolgte ein Umschwung. Das Studium der Medicin hatte den naiven Kindesglauben erschüttert. Lenau’s liebes Mütterlein war 1829 verreist in jenes Land, von dem es keine Rückkehr giebt; bei den Vorarbeiten, die der Dichter zu seinen, meist religiöse Stoffe behandelnden Dramen machte, musste ihm jene innere Gläubigkeit abhanden kommen, jenes milde Festhalten an der Religion, das ihm von der Kindheit auf zu eigen gewesen. Wie sein ,,Faust“ trank er ,,des Zweifels Gift in vollen Zügen“. Er verlor den Glauben, allein ohne den Verlust verwinden zu können. ״Glücklich, wen die böse Stunde, Die seines Glaubens ihn beraubt, Gleich d’ranf verscharrt im Grabesgrunde.‘■ Die kühlen Resultate des grübelnden Verstandes vermochten ihm nicht zu genügen. Fortwährend peinigte ihn ein Gefühl innerer Oede und Leerheit, das auch den Grund des störenden Elements bildet, das uns zuweilen in Lenau’s Schöpfungen entgegentritt. Weder Spinoza, den er in dem ,,Waldgespräch“ einer in seinen ,,Faust“ ein geschobenen Scene, ,,den weisen Schreiber nie vergessener Schriften“ nennt, noch David Friedrich Strauss konnten ihn auf die Dauer fesseln und beruhigen. Die Werke des Amsterdamer Weisen gaben seinem Geiste nicht den Frieden wieder, wie einst dem jungen unruhevollen Goethe. In einem Gedichte aus seiner Studienzeit bricht er in die rührende Klage aus: In der Forschung• Wälder trat, ein Thor, ich Aus jenem gottbeseelten Paradies Und all’ des Herzens fromme Lust verlor ich, Seit ich des Glaubens treue Spur verliess . . . Der Zweifel an allem Bestehenden nagte in des Dichters Brust und drohte sie zu zersprengen. Da trat i. J. 1833 Sophie Löwenthal an ihn heran, lindernd und versöhnend. Sie brachte ihm des Glaubens frohe Botschaft wieder, sie versetzte ihn in jene Stimmung, der Lenau in seinem Don Juan-Fragment und in den lieblichen ,,Waldliedern“ weihevollen Ausdruck gab. Liebevoll ging sie auf seine Eigenart ein, die geheimsten Falten seines Wesens lagen offen vor ihrem Auge.

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