Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 5 (2.2.1900)
- Date
- 1900-02-02
- Page
- Seite 67 (sequence 7)
- Language
- German
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- Anapa 2× ep/1701653
- Vilnius 1× ep/1000947
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Nr. 5. Israelitische Wochenschrift. Seite 67. siedlern auf der bosporanischen Halbinsel finden wir die Spuren beider Parteien. Von jenen blieben ihre Grabschriften zurück, auf denen ihre hebräischen Namen zum ewigen Andenken eingezeichnet sind. Diese Inschriften, hebräisch in Quadratschrift geschrieben, liefern uns den Beweis, daß die Stifter dieser Grabsteine die Bibel in der Urschrift kannten, an Gesetz und Herkommen treu hielten, an Unsterblichkeit der Seele und an Gottes gerechte Bestrafung und Belohnung glaubten, ihre Gelehrten schätzten und deren Andenken auch nach dem Tod nach alter jüdischer frommer Sitte bewahrten. Diese Grabschriften — die Glaube und Pietät bekunden — befinden sich in Tschufut-Cale (drei Meilen bei Bachtschisarai), und ist die älteste vom Jahr sechs nach Christus (702 seit dem samaritanischen Exil)?) Von anderer Art sind die Denksteine mit griechischer Inschrift, die von den hellenistischen Juden herstammen. Im Ganzen sind bis jetzt fünf entdeckt, in Anapa, Pantikapäum (jetzt Kertsch) und Olbia, den Städten, wo die Griechen sich angesiedelt hatten. Die Namen der Juden, auch die Jahreszählung auf diesen Denksteinen sind griechisch nach Muster der Griechen; auch der Inhalt ist dem Griechentum entnommen: Freibriefe an Sklaven, von Juden ausgestellt, denn das Sklaventum im griechischen Sinn war keine jüdische Einrichtung. Wenn aber die hellenistischen Juden auch Sklaven hielten und somit eine weniger gute Eigenschaft der Griechen angenommen hatten, so ist doch anzuerkennen, daß die Juden in dieser Hinsicht auch das Gute von ihrer Umgebung annahmen: die Erteilung von Freibriefen. So spärlich auch diese Dokumente sind, so darf es mts doch mit einem gewissen Stolz erfüllen, daß diese unsere Monumente aus uralter Zeit uns Beweise hochherziger Milde und Freigebigkeit bieten, ebenso wie andere Denksteine aus damaliger Zeit, aus Smyrna und Syrakus, uns fromme Thaten für die innere Einrichtung der Synagogen kundthun. Die älteste Freilassungsurkunde in der Krim ist die aus Anapa, im Jahr 42, im Bethause ausgestellt; von derselben Stadt besitzen wir noch ein ähnliches Dokument; die anderen gleichen Sinnes aus der Zeit der Wende des zweiten und dritten Jahrhunderts sind aus Pantikapäum und Olbia?) Wir gewinnen daraus die Ueberzeugung, daß das südliche Rußland schon vor etwa neunzehn Jahrhunderten in den genannten Städten jüdische Gemeinden aufzuweisen hatte; und ebenso fehlt es nicht an Zeugnissen, daß auch in anderen Orten jüdische Gemeinden in ein hohes Alter zurückreichen. Die Denkmäler beider Art, einerseits Glaube und Pietät und andererseits eine der Umgebung entlehnte Sitte und Sprache 9 Diese Grabschriften wurden zuerst von dem Karäer- Chacham Firkovitsch und von Dr. Stern entdeckt; von Professor Chwolsohn wurden sie erläutert und erklärt. Selbstverständlich beziehen sich die ältesten Grabschriften auf rabbinische Juden als älteste Autochthonen auf russischem Boden, denn die Karäer existierten damals überhaupt noch nicht. — 3) Professor M. A. Levy, Epigraphische Beiträge zur Geschichte der Juden im Jahrbuch für Geschichte rc. 1861. p. 273 bis 274, 298—302 Dr. Harkavy a. a. O. p. 77—97 (ausführlicher auch nach russischen Quellen). bekundend, — sind Thatsachen, bedeutsam genug für die erste Morgenröte der jüdischen Geschichte in Rußland. Diese ersten jüdischen Ansiedler scheinen dem Blick der Geschichte für einige Jahrhunderte entrückt; das geistige Leben pulsierte damals in Babylonien, und die jüdischen Kolonisten am Schwarzen Meer führten wahrscheinlich ein stilles, einförmiges Leben, fern von jeder geistigen Kulturbewegung, wie uns denn von diesem Land überhaupt keine weitere Kunde zugegangen ist. Erst um dar achte Jahrhundert muß die Bevölkerung zugenommen haben, so daß die Völkerschaften begannen, sich zu staatlichen Ordnungen zu gruppieren. Da blieben auch die Juden als die ältesten Autochthonen des Landes nicht im Hintergrund. Ein weiterer Zuzug von Juden hat gleichfalls aus dem Orient stattgefunden; schon gegen 690, als die Perser von den Türken besiegt wurden, ergriffen viele Juden die Flucht und kamen nach Südrußland?) In größeren Scharen aber zogen sie ein (723), verfolgt von dem byzantischen Kaiser Leo, der einen Taufzwang anordnete. Um seinem Bekehrungseifer zu entgehen, verließen die Juden das Land, wo ihre Vorfahren sich angesiedelt hatten, und wählten zur neuen Heimat die nahe Halbinsel, die Krim, wo zwar unzivilisierte Völker mit götzendienerischem Kultus, Alanen, Bulgaren, Chazaren mit einem Rest von Gothen hausten, die aber nicht eifersüchtig waren, wenn Menschen anderer Nationalität und anderen Glaubens sich in ihrer Nachbarschaft niederließen. Sie fanden da eine sichere Zufluchtstätte, und es entstanden jüdische Gemeinden an dem Küstensaum des Schwarzen Meers und der Meerenge von Theodosta (Kaffa) in Bosporus (Kertsch), das von den Inden Sephard genannt wurde?) Von der Krim aus verbreiteten sich die griechischen Juden nach dem Kaukasus und dem gastfreundlichen Chazarenreich, das damals eine Großmacht am Westrand des Kaspisee und an der Mündung der Wolga (Atel) war?) Mit ihrer Einwanderung belebten sie manche Einöde, förderten Handel und Wandel, durch ihre Thättgkeit, Geschicklichkeit und Einsicht gewannen sie bald Einfluß unter den barbarischen Völkern und bereiteten ein klangvolles geschichtliches Ereignis vor?) Das Reich des Chazaren — eines westtürkischen Stammes — war seit dem siebenten Jahrhundert eine Großmacht geworden, reichte von dem Stammsitz an der Wolga bis zum Dnipr. Siegreich verbreiteten sich die Chazaren weiter über die Krim-Halbinsel und südlich in die Gebiete des Kaukasus. Das byzantinische Reich zitterte vor der andrängenden Macht der Chazaren und war ihnen tributpflichtig, die Bulgaren und andere Völkerschaften waren ihre Vasallen, und auch die Kiewer am Dniepr mußten dem Chazarenkönig (Chagan) jährlich ein Schwert und von jedem Rauchfang ein feines Pelzwerk liefern. Die Chazaren wie ihre Nachbarn, die slavischen Stämme, huldigten einem groben Götzendienst, der 9 Nach pfip p- 9 bei Straschun int Anhang zu Funs Geschichte der jüdischen Gemeinde Wilna (Hebräisch 1860) p. 300. 2) 9 9 Grätz, Geschichte der Juden, Band V (ed. 1860) 189 und Note 23.