Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 5 (2.2.1900)
- Date
- 1900-02-02
- Page
- Seite 66 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 66. Israelitische Wochenschrift. Nr. 5. Worin aber hat denn die „gemeinsame Thätigkeit" bestanden? Einzig darin, daß die Abgesprengten in toleranter Friedlichkeit für ihre Zwecke bei uns schnorrten und sich zu Schatzmeistern unserer Wohlthätigkeit aufwarfen, wobei ihre Interessen nicht zu kurz kamen. Bei der Abwehr gegen den Antisemitismus verschmähten sie es sogar nicht, nach bewilligter reicher Dotierung solche Unternehmungen zu organisieren, die sie nach ihrer Orthodoxie nicht in der Weise, wie geschehen, hätten durchführen dürfen. Die „gemeinsame einträchtige Arbeit" besteht darin, daß jene Absprengsel gegen jeden Beutel, der sich ihnen aufthun wollte, duldsam waren, der Besitzer mochte noch so weit links stehen, und dabei in aller Stille darauf wirkten, immer neue Absprengsel zu schaffen, und eben die Laskersche Zuversicht in den Zusammenhalt der Gemeinden zu Nichte zu machen. (Fortsetzung folgt.) Die alte Geschichte der russischen und polnischen Inden. Vortrag, gehalten am 2 1. Dezember 1899 im Verein für jüdische Geschichte und Literatur zuMemel. Von Leon Scheinhaus-Memel. Als Rußland im Jahr 1862 das Millenium seit Begründung d s Reichs durch Rurik feierte, und von allen Enden des weiten Reichs und von aller Welt dem hochsinnigen Kaiser Alexander II. Glückwünsche zugingen, überbrachten auch die Juden ihre Huldigungsschrift, in der sie ein Wort zur rechten Zeit aussprachen, das Wort: „Wir Juden haben uns in Rußland angestedelt, ehe es noch entstanden war." 9 Daß dieses Wort auf historisch verbürgten Thatsachen beruht, soll zunächst im Folgenden dargelegt werden. Auch die weiteren historischen und kulturhistorischen Wandlungen der Juden auf dem Boden des heutigen Rußlands, bis das russische Reich im Verlauf seiner politischen Machtentwickelung eine zahlreiche jüdische Bevölkerung in den eroberten Gebieten gefunden, sollen vorgeführt werden. Die zahlreiche Bevölkerung, namentlich des polnisch-littauischen Gebiets, die etwa ein Jahrtausend hindurch im polnischen Reich heimisch war, ist erst durch die Teilungen Polens im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts zum größten Teil dem russischen Reich einverleibt worden; Rußland hat also auch hier die Juden als älteste Bürger des Landes vorgefunden. Die alte Geschichte der Juden in Rußland rechne ich in dieser Abhandlung bis zum Zeitpunkt der letzten Teilung Polens im letzten Dezenium des 18. Jahrhunderts. Von dieser Zeit erst und das ganze 19. Jahrhundert ausfüüend, datiert die jüdische Geschichte — vielmehr „die jüdische Frage" — in Rußland. * * * 9 Geschichte Rußlands (hebräisch, von Dr. Mandelkern; ed. Warschau 1875) Band 1, p.. 22. I. Eine Ueberlieferung sagt, daß die jüdischen Gemeinden in der Krim und im Kaukasus in die Tage weit vor Beginn der bürgerlichen Zeitrechnung zurückreichen. EineBestätigung dieser Ueberlieferung ist darin zu finden, daß jene Gemeinden sich für Abkömmlinge der zehn Stämme Haltens und daß mehrere in der Krim aufgefundene Grabinschriften neben der Jahreszahl nach Schöpfung der Welt auch die Jahreszahl des samaritanischen Exils aufweisen?) Hieronymus (um die Wende des 3. und 4. Jahrhunderts), der viel von Juden gelernt hat, bemerkt in seinem Kommentar zu Zacharia: „Die Hebräer erzählen, daß die Assyrer und Chaldäer die Juden nicht nur nach Persien und Medien, sondern auch nach Bosporus und dem nordischen Reich als Gefangene fortführten". Nach dieser Bemerkung eines der griechischen Kirchenväter scheint bei den Juden seiner Zeit die erwähnte Ueberlieferung unbestritten gewesen zu sein. Bosporus oder Pantieapäum in der Nähe des jetzigen Kertsch nannten die Juden später auch Sphard. Eine Anspielung darauf ist ferner, nach Hieronymus, selbst in der Bibel zu finden. Obadia, Vers 20: „Und die Verbannung Jerusalems, die in Sphard re." Sphard wäre Bosporus. Hieronymus stützt sich dabei aus drei namhafte frühere griechische Uebersetzer, die ebenso übersetzten?) Nichts destoweniger ist das Ganze nicht mehr als eine Ueberlieferung?) Mehr tatsächlich und historisch nachgewiesen ist es, daß bei Beginn der gewöhnlichen Zeitrechnung die Juden zuerst auf dem Boden des heutigen Rußlands erschienen. Schow vor Untergang des jüdischen Staates mußten viele Juden? durch verschiedene Verhältnisse gedrängt, das Weite suchen Sie ließen sich in Massen in Egypten unter griechischen Herrschern nieder, die dort und in Kyrene jüdische Kolonien?inrtchteten. Von dort aus wunderten später Viele nach dem Nordosten Europas und nahmen an den Ufern des Schwarzen Meeres, wie am Kaspisee und Kaukasus, hauptsächlich aber auf der Halbinsel Krim Wohnsitze. Von dieser Zeit stammen die am meisten anerkannten und glaubwürdigen Zeugnisse für das erste Erscheinen der Juden auf dem Boden des heutigen Rußlands. Asstdäer (Chaßidäer) und Hellenisten waren zwei entgegengesetzte Strömungen im jüdischen Volk zur Zeit der letzten großen Glanzperiode — der makkabäischen — vor Untergang des jüdischen Staates. Jene, aus den Frommen und Gelehrten bestehend, bildeten eine ganz im Judentum wurzelnde Partei; diese aus den Reichen und Vornehmsten sich zusammensetzend, wollten das Schaugepränge der asiatischen Griechen in das Judentum einführen. Unter den ersten An- 9 Ad. Neubauer, Aus der Petersburger Bibliothek re. (Leipzig 1866) p. 29. 9 Diese Grabinschriften im Original hebräisch bei Neubauer im Anhang. 9 Dr. Harkavy, Die Juden und die slavischen Sprachen. (Wilna 1867). p. 109, 111 ff. (Hebräisch). 9 Grätz, Geschichte der Juden, Band 2 a 443, bemerkt zum biblischen Wort Sphard: „Dieser Name kann weder Spanien sein, nach dem Targum, noch Bosporus, nach Hieronymus, sondern muß in Phönizien gesucht werden.