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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-01-19 · 3 (19.1.1900) · p. Seite 43

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
3 (19.1.1900)
Date
1900-01-19
Page
Seite 43 (sequence 15)
Language
German
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Nr 3. Israelitische Wochenschrift. Seile 43 kommen wir nicht über die mißliche Loge hinweg. . . . Unterbrich mich nicht und höre meinen Rat. . . . Deine unvernünftige Leidenschaft hat uns mehr verraten als die Worte des Juden. Hättest Du Dich mehr bezwungen. . . . Aber was soll uns das jetzt, wo die Minuten kostbar sind. Ignatius, hier ist unseres Bleibens nicht länger, wir müssen fort, und das gleich!" „Aber wohin?" „Wohin?! Ei nun nach Prag zum Liebchen!" „Sixtus, laß den Scherz, wo der Ernst so verteufelt Not thut!" „Ich scherze nicht. Im Benediktinerkloster zu Prag finden wir die nächsten Monate Schutz, und wenn es schlimm kommt, wenn der Notar schwatzen sollte und der Prior et.vas von der Geschichte erfährt, so werden zwei Kerle wie wir schon Rat schaffen. Oder willst Du hier abwarten, bis der Prior uns in Eisen legen läßt?" „Nimmermehr", rief Jgratius, dem bei dem bloßen Gedanken ein Schauder überlief. „Wir wollen uns davon machen. Ein Klosterdiener soll dem Prior mitteilen, daß dringende Ordensgeschäfte uns nach dem Kloster in Enns zurückgerufen haben und daß wir seine Rückkehr nicht abwarten konnten". Hastig schnürten die Mönche ihre Bündel, und wenige Minuten später verließen sie die Zelle und das Haus. Viertes Kapitel. Ein milder Frühlingsabend breitete sich über die Judengasse in Prag. Der Mai mit seinen Freuden und Wonnen war eingezogen, es keimte und sproßte draußen in der Natur, die, vom Winterschlafe erwacht, in üppigem Werden sich neu verjüngte. Aber von all dem holden Zauber, der auf Wald und Flur sich entfaltete, drang nur wenig in das enge, dumpfe Quartier, in welches brutale Glaubensknechtung die Juden gebannt; des Tages Last und Sorgen ruhten zu schwer auf den Unglücklichen, als daß ihr Gemüt für die Reize der Natur hätte empfänglich sein können. Ja, es waren ernste, trübe Zeiten, die das fröhliche Lachen von den Lippen scheuchten und das Verlangen nach heiterer Lust gewaltsam ertöteten. Wohl hatten die Juden in der Moldaustadt nicht für ihr eigenes Leben und für ihre persönliche Sicherheit zu fürchten — die starke Hand der Hussitensührer schützte sie vor roher Gewalt, — aber um so trauriger war die Lage der Glaubensbrüder im benachbarten Oesterreich, über deren Häuptern» wie ein Damoklesschwert jene gräßliche Anklage schwebte, als deren Opfer der allgemein verehrte Israel und sein Weib im Kerker der Inquisition schmachteten. Und wo konnte die bange Sorge schwerer empfunden werden, als in dem Hause, in welchem Rachel und ihr Bruder Aufnahme gefunden hatten? Wohl bemühten sich Jeiteles und sein Weib, vor allem ihre Tochter Bella, das junge Mädchen aufzuheitern, es über das Schicksal der Pstegeeltern zu trösten und die Aussicht auf eine frohere Zukunft zu eröffnen; aber all ihr liebendes Mühen war vergebens. Nur selten stahl sich ein Lächeln auf Rachels Lippen, das zarte, jugendfrische Rot war von ihren Wangen gewichen und hatte einer Bläffe Platz gemacht, hinter der sich die thränengeröteten Augen um so düsterer abhoben. Als ihr Bruder von seiner Fahrt nach Ltegnitz zurückgekehrt war und von der Zusage des Herzogs erzählte, da schien das neue Hoffen dem jungen Mädchen neues Leben zu geben, schon glaubte sie die Gefahr gebannt; aber als dann die Tage dahinschwanden im ewigen Einerleis ohne daß einer die Erfüllung des sehnsüchtigen Höffens bringen wollte, da begann die quälende Sorge von Neuem, und die gräßliche Ungewißheit, das Fehlen jeglicher Nachricht über das Ergehen der geliebten Angehörigen steigerte die Unruhe, die an Rachels Herzen fraß. Mit schwerem Kummer blickte die Umgebung und vor allem ihr Bruder auf die Veränderung, welche mit dem lebensfrohen Mädchen sich vollzog, und als alle Mittel der Beredsamkeit erfolglos geblieben, da entschloß sich Michel nach Wien zu reisen, um dort Kunde über das Los der Eingekerkerten zu erhalten. Wohl zweifelte er an dem Erfolge seines Bemühens, aber die Schwester hatte wieder und immer wieder den Wunsch geäußert und Michel gab endlich dem Drängen nach, weil er hoffte, hierdurch die Lebensgeister der in banger Sorge sich Verzehrenden neu anzuregen. Mit Empfehlungen an angesehene Glaubensgenossen in Wien ausgerüstet, war er in den letzten Tagen des April abgereist; er wollte zum Schewuothseste wieder in Prag sein, und da dasselbe mit dem morgigen Abende begann, hoffte man allstündlich auf seine Rückkehr. Was Wunder, daß Rachel mit sehnsüchtiger Ungeduld auf die Straße hinauslauschte, ob sie nicht das Rasseln des sich nähernden Wagens vernehme! Sie war mit Bella allein in dem traulichen Wohnzimmer. Eine Munterkeit, wie sie lange an ihr vermißt wurde, bemächtigte sich Rachels, und mit jugendlicher Vertrauensseligkeit hoffte sie sicher, frohe Kunde durch ihren Bruder zu erhalten. Und sie sprach nur von ihrem Bruder; in allen Tonarten geschwisterlicher Begeisterung pries sie seine Herzensgüte, seine Klugheit, seine Gelehrsamkeit. „Findest Du nicht auch, Bella", wandte sie sich an die Freundin, „daß mein Bruder ein vortrefflicher Mensch ist?" Ein glühendes Rot flammte über die Wangen der Angeredeten; aber so schnell wie sie sich umwandte, um das verräterische Zeichen dessen, was ihr Herz bewegte, dem beobachtenden Blicke der Freundin zu entziehen, so schnell hatte diese auch die flammende Röte, die auf Bellas Wangen glühte, bemerkt. Ein glückliches Lächeln spielte um Rachels Lippen, als sie sanft den Kopf der Freundin sich wieder zuwandte und der noch tiefer Erglühenden verständnisinnig in die Augen schaute. „Ei, ei," begann sie von Neuem und schüttelte, wie in leisem Vorwurf, das Haupt. „Geheimnisse vor der Freundin! Ich sollte Dir zürnen, wenn ich könnte .... Und Thränen, Thränen in den Augen meiner allezeit heiteren Bella? . . . . Sieh da, mein Bruder ist zum Schäfer im Hohenliede Salomonis geworden, der seine Sulamith über rosige Hügel und würzige Höhen weit in die Ferne führt. Darf man fragen, ob Deine Liebe Erwiderung gefunden?" Noch ehe Bella antworten konnte, drang von der Straße heraus das Geräusch eines schnell heranfahrenden Wagens. Mit Blitzeseile war Rachel am Fenster, blickte hinaus, und

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