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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-01-19 · 3 (19.1.1900) · p. Seite 42

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
3 (19.1.1900)
Date
1900-01-19
Page
Seite 42 (sequence 14)
Language
German
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Seite 42 Israelitische Wochenschrift. Nr 3 „Fhr seid aber Beide in flagranti dabei ertappt worden, l als Ihr der Meßnerin Geld gabt, und das Kästchen mit den Hostien ist auf Eurem Tische gefunden worden". Mühsam rang Israel nach Ruhe; der lang unterdrückte Haß gegen Den, dessen teuflische Bosheit all' dies Unheil über ihn und sein Haus gebracht und nun als sein Richter sich aufspielte, drohte in einem Wutschrei sich Bahn zu brechen. Doch mit dem ganzen Aufwande seiner Kraft bezwang sich Israel, aber schon zitterte ein leiser Groll durch seine Stimme, als er erwiderte: „Die Meßnerin bat, wie sie es oft that, flehentlich um ein Almosen, da sie sonst Hungers sterben müsse; während sie sprach, stellte sie jenes Kästchen auf den Tisch, ohne daß wir es beachteten". „Sei auf Deiner Hut, Jude. Es werden Zeugen auftreten, die des Klägers Wort vollauf bestätigen, dann . . ." „Sie mögen kommen; ich fürchte sie nicht", unterbrach Israel den Redenden, und immer lauter schwoll seine Stimme an. „Wenn sie des Klägers Wort bestätigen, dann lügen sie". „Ihr habt des Juden Rede vernommen", wandte sich Ignatius an den Notar, der das Verhör zu Protokoll, nahm. „Er vermißt sich, ehrliche Christenmenschen als Lügner zu bezeichnen. Zeugen tretet vor und erzählet, was Ihr gesehen und vernommen". Zwei von den Aufgerufenen erhoben sich und legten ihr Zeugnis ab, das fast bis auf's Wort mit dem übereinstimmte, was Sixtus gesprochen. „Könnt Ihr solches beschwören?" fragte Ignatius. „Wir können", lautete die Antwort. „So schwöret". Nachdem der Eid geleistet war, wandte sich Ignatius wieder an die Gefangenen. „Was habt Ihr hierauf zu erwidern?" „Daß die Zeugen lügen, daß sie falsch geschworen, Pater Ignatius, Ihr habt sie gedungen, um unser Haus zu verderben, um Rache zu nehmen für die Zurückweisung . . „Halt ein, Jude", unterbrach ihn Ignatius, dessen sich iine fieberhafte Erregung bemächtigte, „achtet nicht auf seine Worte, Herr Notarius; ... er spricht im Wahnsinn . . . ich habe den Juden kaum gekannt, . . . was er von einer Zurückweisung sagt, ist eitel Faselei . . . nicht wahr, Sixtus?" Aber noch ehe der Gefragte hatte antworten können, war Israel emporgesprungen, so weit es seine Ketten gestatteten, an den Tisch herangetreten und ries mit einer Stimme, die wie Donnergetöse durch den Raum tönte: „Ihr habt das Glück meines Hauses vernichtet, und ich weiß, keine Gewalt der Erde kann mich retten, da Ihr meinen Tod gewollt. Wir werden ruhig sterben, ich und mein unglücklich' Weib, aber bis zum letzten Atemzuge werden wir Dir fluchen, Ignatius, Dir, unserem Mörder, und den Genossen deiner Unthat, Deinen Helfershelfern. . . . Schau her, Priester, weide Dich an unserem Elend, unser Leib ist siech, unsere Lebenskraft gebrochen. Du magst triumphieren. Aber so wahr ein Gott im Himmel lebt, zu dem unser unschuldig vergossenes Blut aufschreit, auch Deine Stunde wird kommen, die strafende Gerechtigkeit wird Dich treffen, und von dem Fluche D^iucr Op er ererlt, wirst Du eines elenden Toves sterben, verachtet selbst von d.neu, die Du heute als willige Schergen an Deiner Seite siehst. Und wenn Dein lüsternes Auge brechen wird, mit dessen Blick schon Du meine keusche Nichte Rachel besudeltest, dann werden wir vor Deine Seele treten und wir werden Dich hingeleiten zum Throne des ewigen Richters." . . . Wie von einer Natter gestochen, war Ignatius bei Nennung des Namens Rachel in die Höhe gefahren und hatte den Schleier zurückgerissen, der sein wutverzerrtes Antlitz verhüllt hatte. Verzehrende Glut loderte aus seinen Augen, welche aus ihren Höhlen zu treten schienen; keuchend hob sich seine Brust, er rang nach Atem und wollte reden, aber der Schrecken hatte seine Zunge gelähmt, nur ein wildes Wutgeheul drang von seinen bebenden Lippen, dann sank er wieder auf den Sessel zurück, in dem er wie gebrochen lag. Sein Antlitz war aschfahl geworden und hilfeflehend suchte sein Auge das des Notars. Seine Unthat war entdeckt. Wenn der Notar dem Prior davon Mitteilung machte! Dann war Alles verloren, und in wenigen Stunden konnte er an der Seite seines Genossen Sixtus in diesem feuchten Kerkerloch sitzen, um es nie wieder zu verlassen. Hier galt es schleuniges Handeln, um dem Unheil zuvorzukommen. Aber wie? Die angstvolle Frage zermarterte sein Hirn, er fühlte das Verlangen, die Notwendigkeit, ein Wort der Erwiderung gegen jene furchtbare Anklage vorzubringen, aber noch immer wollte kein Laut über seine Lippen. Dumpfes Schweigen brütete über dem Raume, das nur hin und wieder durch das Stöhnen Ignatius' und durch das leise Schluchzen der Gefangenen unterbrochen wurde. Endlich erhob sich der Notar und die Schriftstücke zusammennehmend, sprach er in ruhigem Tone: „Das Verhör ist beendet, die Gefangenen werden das Weitere über ihr Schicksal vernehmen, wenn das heilige Offizium*) sein Urteil gesprochen. Meines Amtes ist es nur noch, dem hochwürdigen Herrn Prior von dem Ergebnisse dieses Verhörs Mitteilung zu machen. Und nun, Patres", — wandte sich der Redende an die um den Tisch Versammelten — „lassen wir die Gefangenen allein!" Die Vier leisteten der Aufforderung Folge, am schnellsten Ignatius, dem der Boden unter den Füßen zu brennen schien. Vor Allem wollte er Gewißheit haben, ob der Notar sich sofort zum Prior begebe, oder ob ihm, Ignatius, eine Frist blieb, um mit Sixtus zu überlegen, wie etwa einem Verrate zuvorzukommen sei. Erleichtert atmete Ignatius auf, als er durch einen Ordensdiener vernahm, daß der Prior vor wenigen Minuten sich zum Herzog begeben habe und wohl erst in später Abendstunde heimkehren werde. So war doch zunächst die Gefahr gebannt, bis zum Abende ließ sich wohl Rat schaffen.Aber wenn nicht, was dann? . . . Immer wieder stiegen bange Gedanken in dem Priester auf, und kaum war er mit Sixtus in die Zelle getreten, in der sie sich unbelauscht wußten, da löste sich der schwer verhaltene Ingrimm in einer Flut von Verwünschungen und Selbstanklagen. „Was soll das Toben, Ignatius", wandte sich Sixtus an den wie rasend durch das Gemach Stürmenden. „Damit *) Das Jnquisitionsgericht.

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