Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 3 (19.1.1900)
- Date
- 1900-01-19
- Page
- Seite 44 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 44. Israelitische Wochenschrift. Nr. 3. mit dem Rufe: „Bella, er ist da", stürmte sie aus dem Gemache, die Treppe hinunter und flog in die Arme ihres Bruders. Wenige Minuten später erschien auch Jeiteles und seine Gattin, um den Ankommenden zu begrüßen. Auf Rachels hastige Frage berichtete Michel, daß er gute Nachrichten bringe, und stieg dann mit der Schwester und seinen Wirten nach dem Wohnzimmer hinauf, wo Bella dem Eintretenden entgegenkam und ihn willkommen hieß. Mit einem Blicke hatte Rachel erkannt, wie ihr Binder errötete, als er seine Hand in die der Begrüßenden legte, wie er kaum ein Wort der Erwiderung auf ihren Gruß fand — sie hatte genug gesehen und bedurfte keiner Antwort mehr aus die Frage, die sie vorhin an Bella gerichtet. Man setzte fich zu Tische, und nun erzählte Michel, wie Reb Koppel Herz, an den man ihn empfohlen hatte, sich lange Zeit vergebens bemühte, Nachrichten über den Ohm und die Muhme zu erhalten, bis es endlich gelang, den Schreiber des Herzogs durch klingenden Lohn zum Reden zu bringen. Dieser erzählte nun, daß der Herzog den Gefangenen noch immer gewogen sei und nicht eher in die Folterung willigen werde, bis mehr Beweise der Schuld vorhanden seien. „Dies ist alles, was ich zu erkunden vermochte", schloß Michel seinen Bericht. „Reb Koppel versprach mir, durch zuverlässige Boten Alles, was er ferner über das Schicksal unserer Theueren erfahren wird, uns mitzuteilen. Beruhigen wir uns bei dem Gedanken, daß zunächst die unmittelbare Gefahr, die Folter, beseitigt ist. Ich war erstaunt", wandte sich der Redende an den Herrn des Hauses, „vor den Thoren und in der Stadt ein auffallend geschäftiges Treiben, ein buntes Gewimmel von Bewaffneten aller Art zu beobachten. Es sind Hussiten, das erkannte ich sofort; aber was bedeutet denn die Ansammlung solcher Heeresmassen?" „Die Hussiten beabsichtigen einen großen Schlag", erwiderte Jeiteles. „Es gährt schon lange in ihrer Mitte, schon seit der grausamen Ermordung Johann Krasas, der in Breslau von Pferden geschleift und dann verbrannt wurde, weil er die Beschlüsse der Constanzer Kirchenversammlung nicht anerkennen wollte. Als nun gar Kaiser Sigismund die Abgesandten der Hussiten sehr ungnädig empfing und mit Drohungen entließ, da haben die hiesigen Behörden dem Kaiser den Gehorsam gekündigt- und gleichzeitig den ganzen hussitischen Heerbann hierher entboten, um einen anderen König von Böhmen aus ihrer Mitte zu wählen. Gestern nun ist eine große Menge von Taboriten, Männer und Frauen, unter Anführung Johann Zizkas. hier eingetroffen. Die Männer wurden auf der großen Insel am Poritzer Thor und die Weiber im Kloster bei St. Ambrosius in der Neustadt untergebracht. Für uns Juden ist es ein Glück, wenn die Kelchner*) die Oberhand behalten. Die Hussiten betrachten den Katholizismus als Heidentum und sehen sich selbst als die Israeliten an, welche gegen die Philister, Moabiter, Ammo- *) Die Hussiten werden so genannt, weil sie das Abendmahl in zweierlei Gestalt gebrauchen, daß auch die Laien sich bedienen können, während die Katholiken nur die Priester in zweierlei Gestalt, nämlich mit Brot und Wein, kommuniziren, den Laien aber blos das Brot reichen. niter einen heiligen Krieg zu führen hätten, während die königlich gesinnten Katholiken uns Juden beschuldigen, daß wir die Hussiten mit Geld und Waffen unterstützen. Allerdings nicht mit Unrecht. Ich gestehe, daß ich dem Johann Zizka selbst eine bedeutende Summe Geldes geschenkt, und daß meine Freunde eine Menge Waffen angekauft und nach Tabor geschickt haben, um die Krieger damit auszurüsten. Ziska hat mir dafür aufrichtig gedankt und die Versicherung gegeben, daß er mit seiner ganzen Macht mir zu Gebote stände, wenn ich seiner bedürfte. Auch ist das Ghetto, seitdem die Hussiten Herrn der Stadt sind, nicht mehr geschlossen, und die Judengasse, wie jede andere. Tag und Nacht geöffnet. Doch liebe Kinder", schloß Jeiteles, indem er sich erhob, „es ist spät; laßt uns zur Ruhe gehen, deren Michel, nach den Anstrengungen der Fahrt, doppelt bedarf!"-— Mitternacht mochte vorüber sein; in fahlem Scheine warf der Mond, von einem dünnen Wolkenschleter verhüllt, sein gedämpftes Licht in die enge Judengasse und beleuchtete drei Männer, welche, dicht in Mäntel gehüllt, an den Mauern der Häuser entlang schlichen. Aengstlich spähten sie umher; bei dem leisesten Geräusch zuckten sie zusammen und hemmten ihre Schritte, um durch schleunige Flucht der Entdeckung zu entgehen. Endlich schienen sie am Ziele. „Hier ist Jeiteles Haus", flüsterte der Eine. „Durch dieses Pförtchen gelangen wir in den Hof; mein Dietrich, den ich vorsorglich mitgebracht, wird uns öffnen. Neben dem Schuppen steht eine Leiter, diese bringen wir an's Fenster, riegeln dasselbe auf und steigen in das Zimmer, in welchem die beiden Mädchen schlafen". „Sehr gut, Kilian", wisperte einer der Begleiter: „aber wir können doch unsere süße Beute nicht durch das Fenster auf der Leiter hinunterschleppen?" (Fortsetzung folgt.) Brief- und Lragekaften. Herrn A. L. in F. Besten Dank. — Herrn L. S. in M. Dankend erhalten. Brief später. — Herrn L. N. in P. Für einen Gruß ist immer Raum. — Herrn S. B, in B. Söll gern geschehen. Die Vormeldung ist klug und rücksichtsvoll. Schönsten Dank dafür. Gekannte Kaffees In Pretelaflen von Mk. 1,20. 1,40, 1,50, 1,60, 1,70, 1,80, 1,90, 2,00 per V2 Ko Allen Freunden eines guten Getränkes als vorzügliche Marke empfohlen. Verantwortlich für den redaktionellen Teil: M. A. Klausner, für den Inseratenteil: Erik Pfeffer in Berlin. Verlag Siegfried Cronbach, Berlin W. 67. — Druck: Arthur Scholem, Berlin 0., Roßstr. 3.