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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-01-19 · 3 (19.1.1900) · p. Seite 36

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
3 (19.1.1900)
Date
1900-01-19
Page
Seite 36 (sequence 8)
Language
German
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Seite 36. Israelitische Wochenschrift. Nr. 3. Altertums Schwert, hatten die Hebräer hinweggeworfen, um dem eine^ Rätsel der innern Welt, dem der Sünde und der Gerechtigkeit vor Gott, nachzuhängen; sie fühlten sich nicht in den ^Taumel eines ewigen Naturkreislaufes, sondern in den Fortschritt einer Geschichte verflochten; sie kümmerten sich ' nicht um Geheimnisse, die nur vergangene Thatsachen bedeuten, aber um so mehr um die, welche die Aufgaben der Zukunft betreffen, und nicht geheim sollten diese bleiben, sondern die göttliche Eingebung trieb die Propheten, die späte Vollendung eines Himmelsretchs zum Trost, und die Gebote Gottes zur Buße allen zu verkünden. Seit den Zeiten der Erzväter, mit denen Gott seinen Bund geschlossen, hatte die Lebensweise des Volks viele Wandlungen erfahren. Die patriarchalischen Hirten der Vorzeit waren nach dem egyptischen Druck zu einem kriegerischen Wanderstamm geworden; sie hatten dann sich seßhaft niedergelassen und bebauten das Land; endlich hatte sie der Handelsgeist der semitischen Nachbarn ergriffen, und gleich den Phönieiern waren sie durch die ganze damals bekannte Welt verbreitet; jenen Grundgedanken ihrer Volkstümlichkeit aber, den Bund mit Gott, das Bewußtsein einer weltgeschichtlichen Bestimmung und die Hoffnung auf ihre Erfüllung hatten sie nicht vergessen, sondern nach manchen anfänglichen Schwankungen mehr und mehr in sich befestigt. Die antike Bildung, der zu ihrer sinnigen Mythologie und zu den Gottesbegriffen ihrer Philosophie nichts als der unmittelbare Glaube an deren Realität fehlte, begann auf ein Bolk aufmerksam zu werden, das die lebendige Ueberzeugung, die ihr selbst abging, in so hohem Maß besaß, und dem seine Vorstellungen von Gott und seinem Reich nicht als poetische Randverzierungen einer völlig weltlichen Lebensansicht, sondern als der tiefste Ernst der Wirklichkeit gelten. In dem allmählich sinkenden römischen Reich gewann der jüdische Glaube Achtung und Anhang, obwohl seine nationale Färbung ihm hinderlich war." In dieser mit tiefer Sach- und Literaturkenntnis ausgeführten Auseinandersetzung über das alte Israel haben wir den Kern der Antwort auf die altbekannte und vielfach ventilierte Frage, welche Absichten die Gottheit vermocht haben konnten, gerade das geknechtete Volk der Hebräer zum Gegenstand so wunderbarer Schicksale zu machen. Wie konnte zur Führerin aller Völker der Erde eine Nation ausersehen werden, die selbst die Freiheit und Unabhängigkeit, die erste Lebensbedtngung einer Nation, schmählich von sich wies? Wäre es nicht natürlicher gewesen, dieses Führeramt einem Volk zu überweisen, das bereits eine hohe, gebietende Stellung unter den Nationen einnahm? Es giebt nur eine Antwort hierauf: Wenn die Schrift beim ersten Patriarchen hervorhebt, daß sein Glaube ihm als das höchste Verdienst war angerechnet worden, so finden wir auch hier, daß dem ganzen Volk, seinen Nachkommen, dasselbe Zeugnis ausgestellt wird: „und sie glaubten an Gott und an Mose, seinen Knecht." Dieser Glaube war es, wenn er immerhin nur das Ergebnis einer Reihe von Wunderthaten gewesen war, der sie zu der hohen, von Gott ihnen zuerteilten Aufgabe berief. Die Erinnerung an die Vorahnen, die diesen Geistesglauben bereits gehabt, schlummerte als lebensvoller Keim in der Tiefe ihres Gemüts, und es bedurfte nur des erwärmenden und leuchtenden Sonnenstrahls, um ihn anschwellen und nach und nach sich entwickelnzu machen. Diesen Lebensstrahl senkte Moseindenerstarrt scheinenden Busen Israels. Dieser Glaube aber ist es allein, der einem Volk die nötige Kraft verleihen kann, sei es, um seine materielle Wohlfahrt zu begründen, sei es, um es zu geistiger Höhe zu führen. Es hat Jeder nur die Kraft, die er sich selbst zutraut, als sein ihm von Gott beschiedenes Anteil. Darüber kann und darf er nicht hinaus; dahinter darf und soll er auch nicht Zurückbleiben. Im Glauben konzentriert sich die Geisteskraft eines Menschen, er hält Leib und Seele zusammen. Namentlich im Volks- und Völkerleben hat jedes sein Geschick, wie es seine Geschichte hat, jedes seine vorgezeichnete Bahn und Bestimmung, davon bringt es keiner ab — aber er muß selbst daran glauben. Der Glaube Israels ist aber kein wundersüchtiger, blinder, schwärmerischer, abergläubischer, der sich ins Nebelhafte, Phantastische verirrt und allerlei dunkle und geheime Geister und Kräfte in seine Berechnung zieht, der Glaube Israels ist auch nicht ein einseitiger, der mit einem Wort und Bekenntnis, mit Lippenwerk alles abthut und seine Rechnung mit Gott schließt. Der Glaube Israels ist der frische Lebensgeist, wie er aus dem Born des Lebens quillt, die reine Offenbarung des allwaltenden Weltengeistes in der Weltgeschichte. Eine Folge dieses Geistesglaubens ist es auch, daß wir Glauben haben an die Männer, die wir von diesem Gottesgeist erfüllt sehen. Und diesen Glauben hatte Israel; denn die Kinder Israel glaubten auch an Mose, seinen Knecht. Und auch dieses Glaubens kann ein Volk unmöglich entraten, ohne sich überall in seinen Bestrebungen gehemmt zu sehen. Diesen Glauben und dieses Vertrauen auf die Menschen fordern alle unseren staatlichen und sozialen Verhältnisse. Dieser Glaube wird unfern Staatslenkern gegenüber gefordert, nicht minder gegen die Richter, die Lehrer, die Männer der Wissenschaft und der Kunst. Ein Volk könnte nicht in Frieden und Sicherheit leben, wenn es nicht Glauben und Vertrauen seiner Regierung zollte. Ohne diesen Glauben könnte kein Volk, vielleicht auch keine Gemeinde, ja sogar auch keine Familie bestehen, geschweige denn imstande sein, sich bei andern Völkern in Ehren zu erhalten und auf sie einen wohlthuenden Einfluß zu üben. Gott wählte also das arme, gedrückte Völkchen, nur weil es dem Geistesglauben zugänglich war, und weil zu erwarten stand, daß dieser Glaube es von allen den Gebrechen, mit denen es zu jener Zeit noch behaftet war, heilen und es mit den höchsten Tugenden allmählich erfüllen werde. Literarisches. I. Lachmann, Awaudas Jisroeil. Der israelitische Vorbeterdienst. Traditionelle Synagogen-Gesänge des süddeutschen Ritus. 1. Teil, Wochentags-Gottesdienst. Selbstverlag des Verfassers Kantor Lachmann in Hürben bei Augsburg. Es gehört viel Selbstverleugnung dazu, wenn ein tüchtiger Musiker es sich versagt, eigene Schöpfungen und Erfindungen zu veröffentlichen, und sich zur Lebensaufgabe macht, Vorgefundenes, in weiten Kreisen Bekanntes nieder-

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