Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-01-19 · 3 (19.1.1900) · p. Seite 35

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
3 (19.1.1900)
Date
1900-01-19
Page
Seite 35 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9607256-9607297--7667-9607304
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 3 Israelitische Wochenschrift. Seite 35. sich, ohne noch einmal dafür bezahlen zu müssen. Die Jewish Colonisation Association hat ihre Tüchtigkeit im Ueberwinden großer Schwierigkeiten schon in Argentinien und anderwärts bewiesen. In Palästina ist die Sachlage auch etwas günstiger als in andern Ländern, mit denen die Hirschstiftung zu rechnen hat. Palästina hat einen gesunderen moralischen Boden, oder er kann durch Ausweisung weniger lästiger Elemente leicht dazu gemacht werden. Dieser Vorzug überwiegt sogar den Nachteil, daß Palästina, wie ein bekannter jüdischer Schriftsteller sagt, ein Land von Bettlern ist. Die in gewisser Beziehung unzweckmäßige Verwaltung der Rothschildkolonien ist so allgemein bekannt geworden, daß sich die Notwendigkeit einer Aenderung sogar denen aufzwingen mußte, die an den Mißständen selbst beteiligt waren. Die öffentliche Meinung in Palästina ist nach verbürgten Meldungen ganz auf Seiten der Ansiedler und der Reformer. Die neue Kommission wird an der großen lokalen Sympathie einen nicht zu unterschätzenden Rückhalt haben. Die finanzielle Rückständigkeit der Kolonien liegt wahrscheinlich nur in ihrer Beschränkung auf den Weinbau. Die Nachfrage nach Palästinawein kann nie eine so große werden, daß die Kolonien bei ausschließlicher Weinkultur sich bezahlt machen können. Außerdem bleibt abzuwarten, ob die Palästinaweine auf offenem Markt mit den billigen Preisen der italienischen, spanischen und portugiesischen Weine konkurrieren können, ganz abgesehen von dem wachsenden Wettbewerb von Seiten Amerikas und Australiens und dem anerkannten Uebergewicht Frankreichs. Aber mit der neuen Verwaltung werden neue Kultivierungsmethoden eingesührt werden, es werden die verschiedensten Früchte angebaut werden, nicht die Traube allein. Die Verwaltungskosten werden unter der Aufsicht des neuen Direktors Meyerson bedeutend verringert werden, der auf dem Gebiet der Kolonisation tüchtig und wohlerfahren ist und einen lebendigeren Sinn für Selbständigkeit und Pflichtgefühl in die Kolonien bringen wird. An den Ansiedlern selbst ist es jetzt, die Gelegenheit wahrzunehmen, die zu ihrem Heil führen kann. Sie müssen alles daran setzen, die zum Unterhalt ihrer Familien nötigen Mittel ihrem Land durch eigenen Fleiß abgewinnen; sie müssen den Vorwurf entkräften, daß Tausende von gesunden jüdischen Männern in Judäa ihre Arme ruhen und dafür von Arabern das ihnen anvertraute Land bearbeiten lassen. Sie werden Baron Edmond Rothschilds Vertrauen in sie rechtfertigen, nachdem sie diesem Vertrauen manche Enttäuschung bereitet haben. Daß die Anfänge der Colonien Mißerfolg erfahren haben, ist nur natürlich; aber die lange Dauer des Mißerfolgs ist nicht ermutigend. Darum hat Baron Rothschild jetzt ein Ende mit der alten Methode gemacht, und eine neue beginnt. Er wird hoffentlich noch lange genug leben, um den schließlichen Triumph seiner Hoffnungen zu genießen. Philosophen über die altleßamentliche leiiptt. Von Rabbiner Dr. B. Seligkowitz-Cöthen. Unter den philosophischen Beurteilungen der Religionen treten uns mehrere auch von solchen Männern entgegen, die mit entschiedener Abneigung von der altteftamentlichen Religion reden. Man ist auf den ersten Blick erstaunt, eine derartige Beurteilung bei Immanuel Kant zu finden. Denn gerade die Betonung des schlechthin geltenden Sittengesetzes und die praktische, von aller Metaphysik freie Art der alttestamentlichen Religion scheinen trefflich zu seinem System zu stimmen. Dennoch urteilt er, daß das Judentum eigentlich gar keine Religion sei, son ern ein Inbegriff rein statutarischer Gesetze, auf dem eine Staatsverfaffung begründet war. Er meint, da ohne Glauben an ein künftiges Leben gar keine Religion gedacht werden könne, so enthalte das Judentum als solches gar keinen Religionsglauben; im Judentum sei etwas Politisches, aber nicht etwas Ethisches beabsichtigt worden. Der Königsberger Weise kann sich nicht in den Gedanken finden, daß das sittlich-religiöse Menschenleben hier allerdings zunächst als Volkslebenausgefaßt wird, und urteilt so, als ob für das alte Testament das Staatliche als solches das letzte Ziel wäre. Sodann verkennt er, daß gerade die wichtigsten Teile des alten Testaments auf die Stellung des Herzens zu Gott und dem sittlichen Gut in der großartigsten Weise den Nachdruck legen. Gerade diesen Punkt, die Betonung des schlechthin geltenden Sittengesetzes und die praktische, von aller Metaphysik freie Art der altteftamentlichen Religion greift der Philosoph Lotze aus und stellt in seinem Mikrokosmos, in dem mit tiefer Sach- und Literaturkenntnis der die Geschichte beseelende menschheitliche Geist in seinem Erwachen und Aufkeimen, in seiner Entfaltung und wachsenden Entwickelung, in seinen verschiedenen Richtungen und Erscheinungen erkannt und gezeigt wird, ein ganz anderes Urteil über die alttestamentliche Religion auf. Lotze schreibt (Mikrokosmos, Band III, Seite 147): „Unter den theokratisch geordneten Völkern des Orients erscheinen uns die Hebräer wie Nüchterne unter Trunkenen; dem Altertum freilich dünkten sie die Träumer unter den Wachenden zu sein. Mit tiefsinniger Phantasie hatten die andern die Gründe der Welt, die Ursprünge ihres Werdens und Vergehens geschaut, und in ausschweifenden Kulten der Sinnlichkeit oder der Selbstpeinigung begleiteten sie, die sich als Teile des großen göttlichen Weltleibes fühlten, alle Zuckungen seines geheimnisvollen Lebens, den jährlichen Wechsel der ersterbenden und wieder auflebenden Natur, den Kampf der lichten und wohlthätigen mit den dunklen und feindseligen Gewalten. Und über diese Weisheit hinaus, die das tägliche Leben kannte, versprach die zurückhaltende Wissenschaft der Priester noch unzählige Geheimnisse. Dieses alles betrachteten die Hebräer mit äußerster Gleichgiltigkeit; der starke und eifrige Gott, der die Gerechtigkeit des Herzens will und die Sünde verfolgt um der Sünde willen, der hatte auch die Welt geschaffen und allerlei Kräuter und Tiere entstehen lassen und das große und die kleinen Himmelslichter gebildet, damit alles gut sei; aber nicht in diese Schöpfung, in der seine Herrlichkeit doch nur nebenher zum Ausdruck kommt, vertiefte sich die. Phantasie des Volkes; ihm war Gott ein geschichtlicher Gott, dem die Natur ein Fußschemel seiner Macht, aber das Leben der Menschheit, seines auserwählten Volkes, das einzige Augenmerk seiner Vorsehung ist. Den ganzen Luxus naturphilosophischer Mystik, der so nutzlos die übrigen Religionen des

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.