Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-01-19 · 3 (19.1.1900) · p. Seite 32

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
3 (19.1.1900)
Date
1900-01-19
Page
Seite 32 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9607256-9607297--7664-9607301
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 32. Israelitische Wochenschrift. Nr. 3. wollen, die seiner Ansicht nach die Juden schwer belasteten; sei jedoch vom Vorsitzenden durch beständige Unterbrechung und durch Abschneiden des Wortes daran verhindert worden. Dadurch sei nach seiner Ansicht die Rechtsprechung zu Gunsten der Juden beeinflußt worden. Herr Klamroth, trotzdem er nicht zur antisemitischen Partei gehört, sondern dieselbe gelegentlich sogar (bei den Wahlen 1893) bekämpft hat, würde es gern sehen, wenn ihm Gelegenheit gegeben würde, diese Aeußerungen vor Gericht zu thun. Ich selbst habe diese Aeußerungen des Herrn Klamroth übrigens auch wiederholt in öffentlichen Versammlungen zur Sprache gebracht, so unter anderm am 21. Mai 1898 in Joachimsthal (Uckermark), und stets nicht verfehlt, die überwachenden Beamten ausdrücklich zu ersuchen, von meinen Mitteilungen recht genau Kenntnis zu nehmen." Diese Bekundung, die so mutig thut und selbstverständlich in der Sache — Beeinflussung der Rechtsprechung zu Gunsten der Juden dadurch, daß der Schwurgerichtspräsident einem Zeugen das Wort abgeschnitten und ihn verhindert habe, belastende Aussagen zu machen — wahrheitswidrig ist, wendet sich an eine falsche Adresse. Der Herr Pfarrer Heinrich Klamroth, auf den sich Herr Böckler beruft, brauchte nur rechtzeitig an gehöriger Stelle über den Schwurgerichts- Präsidenten Beschwerde zu führen. So lange nicht erhärtet ist, daß und mit welchem Ausgang dies geschehen, hat die ganze Klamrothsche Bekundung — ihre richtige Wiedergabe vorausgesetzt — nur den Wen einer haltlosen und tendenziösen Unterstellung. * * * (Die Mordslügner.) In der böhmischen Stadt Nachod war vor mehr als Jahresfrist ein bei einem jüdischen Kaufmann Cohn bedienstetes Mädchen Cervinka spurlos verschwunden. Die bekannten antisemitischen Mordslügner nahmen die Polnaer Affaire zum Anlaß, auch hier das Märchen vom Rttualmord zu verbreiten. Die Nachsuchungen nach dem Verbleib der Verschwundenen wurden von den Verleumdern zur Unterstützung der Hetze benutzt. Man verbreitete, daß Anhaltspunkte gewonnen seien, die den Dtenstgeber der Verschollenen verdächtigten. Als gar dieser Dienstgeber bei einer Vernehmung durch den Untersuchungsrichter sich zu beleidigenden Aeußerungen gegen diesen hinreißen ließ, was recht begreiflich ist, und deshalb verhaftet wurde, galt den Hetzern und ihren Verführten der „Ritualmord" als erwiesen, und tzie jüdische Bevölkerung bedurfte starken polizeilichen Schutzes. Ob dieser auf die Dauer wirksam gewesen wäre, ist fraglich. Da wurde im Mettaufluß die Leiche der Gesuchten gesunden, und es wurde sestgestellt, daß der Leichnam nicht die geringste Verletzung zeigte. Damit war die Ruhe hergestellt. Der Kaufmann Cohn wurde aus der Hast entlassen, sein verleumderischer Denunziant, ein bereits mehrfach abgestrafter Antisemit, wurde festgenommen. Ob auch in diesem Fall Antisemiten an dem Tod der „Verschwundenen" Schuld tragen, oder ob sie blos das Verschwinden srukttfizierten bedarf noch der Untersuchung. * * * (Antisemitismus in Bulgarien.) Die österreichischen Antisemiten, die in Böhmen und in Wien unangenehme Erfahrungen zu machen beginnen, sehen sich nach einem anderen Wirkungskreis um. Dieses internationale arnachistische Gesindel hat in Bulgarien eine Zweigniederlassung gegründet und einen Verschleiß seiner ins Bulgarische übersetzten Hetzschriften eröffnet. Der Wiener Bürgernleister Lueger hat dem Unternehmen seine „moralische" Unterstützung geliehen, indem er eine Deputation bulgarischer Studenten empfing und ihr seine Befriedigung über das Anwachsen des Antisemitismus in Bulgarien aussprach. Die Berliner „Staatsbürgerzeitung" renommiert bereits mit einer „glänzenden Wirkung" der Bewegung: aus Sofia seien mehrere reiche Judenfamilien voller Angst fortgezogen. Diese Meldung ist zwar falsch, aber charakteristisch. Die modernen Schismatiker. Von M. A. Klausner. II. Wäre der Königsberger Fall vereinzelt, so dürste man der Königsberger Gemeinde überlassen, damit fertig zu werden. Wenn unter 1292 steuerzahlenden Mitgliedern 25 bis 30 sich absondern, so ist der Verlust nach der materiellen Seite erträglich und nach der moralischen Seite eine quantite negligeable. Selbst darin läge kein allzu schweres Bedenken, daß diese Sondergemeinden in finanzieller Hinsicht ein parasitisches Dasein führen und eben aus den Gemeinden schnorrend und unter Umständen auch noch auf andere Weise ihren Unterhalt ziehen, von denen sie sich „aus Gewissensbedenken" getrennt haben. Ich habe in dem vorigen Artikel bereits erwähnt, daß die Leitung der Adaß-Jisroöl-Vereintgung in Berlin ihren Beamten bei Strafe der Entlassung untersagt hat, auch nur den Gottesdienst in der Heidereutergassen- Synagoge zu besuchen, der nach altem Ritus abgehalten wird. Das hindert den Profan-Vertreter dieser Vereinigung nicht, seine Füße tolerant unter jeden Tisch zu stecken, vorurteilslos aus jeder Tasche Gaben zu heischen, und mit nie versagendem Pathos die Gemeinsamkeit der jüdischen Interessen aus demselben Mund zu betonen, der eben den „Cherem" gegen das gemeinsame Gebet — allerdings in verschwiegener Heimlichkeit — ausgesprochen. Das Alles könnte noch hingehen, denn die Fehlleitung, milder Gaben ist kein übergroßes Unglück, und die Spender sind gegen Verführung von dieser Seite gefeit. Doch was anfänglich nur ein zufälliges Thun war, durch gewisse ökonomische Notwendigkeiten teilweise entschuldigt, das hat sich allmählich zum gemeingefährlichen Prinzip ausgewachsen, gefährlich für unsere Gemeinschaft und Gemeinsamkeit. Dazu kommt, daß die ungewöhnliche Geschäftigkeit, die zunächst dem „Geschäft" im engsten Sinn galt, den falschen Schein intra und extra erweckte, als liege die Vertretung der Judenheit bei einem Absprengsel, das den Boden der Judenheit so weit verlassen hat, als die Rücksicht auf die Nahrungsentnahme aus diesem Boden irgend zuließ. Es war vielleicht Zufall, daß der Rabbiner dieses Absprengsels, das in Berlin noch nicht vier Tausendstel der Gemeinde ausmacht, sich aus eigener Machtvollkommenheit den Titel „Oberrabbiner" zulegte; aber jedenfalls ist nichts geschehen, den Irrtum zu vermeiden oder aufzuklären, der sich weit verbreitete, als sei dieser vierzehntelprozentige Rabbiner in Berlin der Oberrabbiner

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.