Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 2 (12.1.1900)
- Date
- 1900-01-12
- Page
- Seite 24 (sequence 12)
- Language
- German
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- journal issue
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Seit? 24. Israelitische Wochenschrift. Nr. 2. bevölkerung oft einen fast proletarierhaften Anstrich verleihen."**) Manches ist ja inzwischen schon besser geworden, aber trotzdem ist es richtig, daß in Galizien die fabelhafte Zersplitterung des Kleinbesitzes es ist, die den Bauernstand zu Grunde richtet. Es fehlt hier jeglicher Mittelbesitz. Neben ungeheuren großen Gütern giebt es minimal kleine Zwergwirtschaften. Im galizischen Podolien finden sich Güter von 20 000—30 000 Joch, selbst von 50000 Joch und darüber kommen vor (das ist nach deutschem Maß ein Areal von beinahe 30 000 Hektar), daneben finden sich zahllose Wirtschaften von nur wenigen Joch. Dabei nimmt die Verkleinerung des Besitzes noch ständig und in erschreckendem Maß zu. Man betrachte folgende Zahlen: Im Jahr 1862 gehörte der bäuerliche Besitz 78 888 Besitzern, im Jahre 1893 schon 180 210! Diese teilen sich in 690467 Joch, so daß auf den einzelnen im Durchschnitt 3,83 Joch fallen! „Mehr als der vierte Teil der Bauernbesitzungen besteht aus bis zwei Joch großen Flächen, der§n Katastraleinkommen auf 10 fl. festgesetzt ist," sagt Budzynowskij in einem die galizische Landwirtschaft vorzüglich beleuchtenden Aufsatz **). Daß ein solcher kleiner Bauer von seinem Erwerb nicht bestehen kann, liegt auf der Hand, er muß einen Nebenerwerb suchen. „Für die Ehre, ein Grundbesitzer zu heißen, muß er beim Großgrundbesitzer zu einem Hungerlohn sich verdingen." Diese elende Lage zwingt denn auch viele zur Auswanderung; jährlich wenden 8 000 Galizianer ihrem lieblosen Vaterland den Rücken. Zu dieser ständigen Verkleinerung des Bodenbesitzes kommen nun noch zahlreiche andere Umstände, die eine Proletarisierung der Landbevölkerung herbeiführen. Das ist erstens die angeborene Trägheit, die durch Jahrhunderte lang ausgeübte Feudalherrschaft gezüchtete Stupidität und Schwerfälligkeit der Bevölkerung, die vielen kirchlichen Feiertage (165 im griechischen Ritus), ferner das Fehlen wertvoller Verbindungsmittel, wie Eisenbahnen und gut unterhaltene Wasserstraßen, der vollständige Mangel eines inneren Marktes, eben wieder herbeigeführt durch die allgemeine Armut Galiziens, die keine große Industrie aufkommen läßt und — last not least — der parasitisch entwickelteZwischenhandel. DiesekleineBlütenlese von kulturhindernden Momenten beweist wohl zur Genüge, wie trostlos die heutige Lage Galiziens ist. Wie diese vollständige Zerrüttung der galizischen Landwirtschaft beschleunigt und teilweise bedingt wurde durch den plötzlichen Anschluß Galiziens an einen modernen Kulturstaat wie Oesterreich, wie die urwüchsige Produktion sich der Geldwirtschaft bisher noch nicht anzupassen wußte — weder im Großbesitz, noch im *) „Die Bodenkultur Oesterreichs", x. 229. **) Siehe den schon mehrfach von mir herangezogenen Artikel '.Die Landwirtschaft in Galizien" in „Deutsche Worte", Juli- Heft 1893. Bauernstand — dies alles hat Budzynowskij meisterhaft geschildert. Er blickt zwar sehr trübe in die Zukunft und verzweifelt fast an dem Weiterbestehen eines galizischen Bauerstandes, allein inzwischen (seit 1893) ist manches geschehen, was eine Besserung der Verhältnisse erhoffen läßt. Hier ist vor allen Dingen hervorzuheben die Thätigkeit der Kolka rolnicze, der galizischen Agrarvereine. Diese Auffassung wird vielleicht in manchen jüdischen Kreisen Verwunderung erregen. Jedermann weiß, daß diese Kolka rolnicze vor allen Dingen antisemitischen Tendenzen huldigen, daß sie überall fanatisch den Judenhaß predigen und ihn hineintragen in die entferntesten Winkel des Landes, daß sie es sind, die überall den jüdischen Zwischenhändler bekämpfen und so tausenden von jüdischen Familien den letzten, ach so spärlichen Verdienst genommen haben. Und doch sage ich, muß man sie freudig begrüßen. Man darf unter ihrem häßlichen, widerwärtigen Aeußern ihre wirtschaftliche Grundlage nicht verkennen. Sie sind, mag dies vorläufig auch für die zahlreichen jüdischen Zwischenhändler vollständigen Ruin bedeuten, dennoch zum Segen der galizischen Bauernschaft, dadurch des galizischen Landes und in letzter Hinsicht auch wieder der Juden. Sie verschaffen den Bauern billiges und gutes Saatkorn, geben ihnen landwirtschaftliche Maschinen, senden ihnen Wanderlehrer, die sie intensivere Bebauung des Bodens lehren, regeln den Absatz der Produkte und beschränken damit den jede gesunde Entwicklung der Landwirtschaft unterbindenden Zwischenhandel. Man muß hier scharf unterscheiden zwischen der wirtschaftlichen und politischen Thätigkeit dieser Vereine. Sie sind wirtschaftlich ebenso segensreich, wie sie politisch verwerflich sind. Für die galizischen Juden sind sie ein — zwar sehr rauhes — Mittel, sie aus ihrem Schlaf zu wecken, sie auf die Unmöglichkeit hinzuweisen, weiter den Zwischenhandel zu betreiben. Man sollte doch von jüdischer Seite anfhören, immer wieder gegen diese Kolka rolnicze zu wettern und sie als die Ausgeburt antisemitischer Niedertracht zu denunzieren; statt dessen sollte man lieber von ihnen zu lernen versuchen. Sie weisen die Richtung, in der man vorgehen muß, wenn man Galizien wirklich thatkräftig unterstützen will, das ist: den Bauern schützen vor der vollständigen Vernichtung. Für kein Land Europas ist es vielleicht von so fundamentaler Wichtigkeit, einen gesunden Bauernstand zu schaffen, wie für Galizien. Budzynowskij hat die Dringlichkeit dieser Sache so überzeugend und eindringlich nachgewiesen, daß ich die ganze Stelle hierhersetzen will: „Die inländische Landwirtschaft wird in den heutigen Fabrikstaaten nimmermehr ausreichen*). Erst dann wenn unser (der galizische) Großgrundbesitzer keinen *) Man erinnere sich dessen, was ich über die Bedeutung des Jnnen-Marktes für die modernen Kulturstaaten im vorigen Artikel ausgeführt habe.