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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-01-12 · 2 (12.1.1900) · p. Seite 23

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
2 (12.1.1900)
Date
1900-01-12
Page
Seite 23 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 2. Israelitische Wochenschrift. Seite 23 dieser Weg der Selbsthilfe sicher zum Zweck führt, wenn er nur mit Ernst beschritten wird. Wir haben bei dem Bestreben, die Lehrerschaft zu einer erhöhten Leistungswilligkeit in Sachen ihrer Versicherungszwecke anzueifern, vergleichsweise gezeigt, was andere Berufskreise darin fertig bringen, und dabei besonders auf die Buchdrucker hingewiesen, die bis neun Prozent ihres Einkommens für Versorgungszwecke auswenden. Nun meint Herr Bähr, der Vergleich stimmt nicht, die Lehrer wären keine Buchdrucker, sie hätten andere, höhere standesmäßige Verpflichtungen als diese, die ihre Leistungsfähigkeit im ganzen zu sehr belegten, daß sie speziell für die Versorgung nicht so viel übrig haben können, wie die Buchdrucker. Die Lehrer haben aber doch für Erziehungszwecke, für gesellschaftliche Pflichten und so weiter oder, wie mein Freund zusammenfassend sagt, zur Wahrung des Dekorums mehr übrig, als die Buchdrucker, warum gerade für die Versicherungszwecke nicht? Oder gehört die Sicherung der Familie für Zeiten der Not nicht auch zum Dekorum des jüdischen Beamten? Ist es eine größere Schande, wenn er seine Kinder nicht in die hohen Schulen schicken, nicht alle gesellschaftlichen Pflichten mitmachen kann, als wenn er bei plötzlich hereinbrechender Krankheit oder beim Tod des Ernährers seine Familie der öffentlichen Wohlthätigkeit überantworten muß? Jchhab's noch immer umgekehrt richtig gefunden oder besser so, wenn eins das andere nicht ausschließt; wenn für alle notwendigen Zwecke etwas übrig bleibt. Das ist mir der rechte Mann, der von den Bedürfnissen des Tages sich so viel abzudarben weiß, daß er mit einiger Beruhigung an die Zukunst seiner Familie denken kann. Und weil wir jüdischest Lehrer von rechtswegen sittlich höher stehen sollten, als die Buchdruckergehilfen, darum sollte uns das größere Opfer für Frau und Kind auch leichter werden als ihnen — um des Dekorums willen, lieber Freund. Wären wir nur erst darin einig, daß die jüdische Lehrerschaft viel, viel mehr zu leisten verpflichtet ist in Rücksicht aus ihre Versorgungsbestrebung, als sie thatsächlich leistet, wir würden uns über den Modus im Einzelnen dabei gewiß leicht verständigen. Gebt mir recht viel, so viel ihr könnt, gezwungen und ungezwungen, und laßt das Herz dabei auch mitbestimmen, es wird sicher genug sein. Wenn ihr aber bei Eurer eigenen Sache feilscht und handelt, wenn jeder nur den Nutzen für sich selbst dabei abzählt, dann wird alles zu viel gefordert sein — selbst das, was mein Freund Bähr für das Richtige hält. Und dann noch Eins: Denkt.bei allen Euren Strebungen zunächst immer an das Ganze, und bei all' Euren Maßnahmen laßt Euch von dem Nutzen für die Gesamtheit leiten — dann werdet Ihr immer das Rechte treffen. Ad. P eri tz - Königsberg i. Pr. Galißen. Von Dr. Ernst Tuch, Hamburg. II. Wir haben im vorigen Artikel gesehen, daß in den modernen Kulturstaaten die soziale Frage scharf zugespitzt ist durch die Gegensätzlichkeit der Landwirtschaft und Industrie zu einander. Es wurde dargethan, daß durch Rückleitung größerer Bevölkerungskreise zur Urproduktion die großen Städte von den unerträglich zusammengeballten Proletariermassen entlastet würden, die Landwirtschaft aber durch intensiveren Betrieb vielen Tausenden sicheren und genügenden Erwerb bieten würde. Es ergab sich also, daß die Lösung der sozialen Frage nur vom Land aus, das seit dem überstürzten Emporwachsen der Industrie arg vernachlässigt war,'geschehen könnte. Ganz anders liegen die Verhältnisse in Galizien. Hier kann von einer Großindustrie im Sinn der westeuropäischen oder der amerikanischen nicht die Rede sein, auch nicht von einem beängstigenden Anschwellen der großen Städte. Rur 20 Prozent der Bevölkerung widmen sich der Industrie und den Gewerben, während mehr als 75 Prozent Landwirtschaft betreiben.*) Das Hauptelend findet sich hier in den kleinen Landstädten und Dörfern. In Galizien ist es nicht so wie in den Kulturstaaten, daß der Boden seine Bebauer nicht genügend ernährt, weil ihm infolge der Vorherrschaft der Industrie nicht genügend Kräfte gewidmet werden, sondern obwohl sich hier dreiviertel der Bevölkerung der Kultur des Bodens widmen, läßt dieser die Bauern elend verkommen! Die Gründe hierfür sind zahlreich. Galizien ist eben auch heute noch ein überaus rückständiges Land, noch heute trifft fast unverändert zu, was der k. k. Sektionsrat Dr. Josef R. Lorenz vor bald dreißig Jahren sagte: „Das in den weniger kultivierten Osten hineinreichende Galizien weist noch eine sehr primitive Bodenkultur auf und ist kaum über die ersten Anfänge dessen hinaus, was man eben Kultur heißen kann."**) Die Hauptursache des Darniederliegens der galizischen Landwirtschaft schildert Lorenz mit folgenden Worten: „Im Ganzen kann man sagen, daß sowohl die Bodenzersplitterung, die eine Folge der hier seit jeher bestehenden Freiteilbarkeit ist, als auch die Bedürfnislosigkeit (den Branntweingenuß etwa ausgenommen), die niedere Kulturstufe der Bevölkerung bei geringer wirtschaftlicher Anlage, welche sie bei dem mangelnden Kredite und fehlenden Grundbuche oft fabelhaftem Wucher überantwortet oder in eine permanente Verschuldung gegenüber ihren Arbeitgebern bringt, — der Landet Vergleiche hierzu: Dr. Cornelius v. Laygert: „Die soziale und wirtschaftliche Lage der galizischen Schuhmacher." **) „Die Bodenkultur Oesterreichs" p. 63. Vergleiche auch hierzu meinen Artikel „Innere Kolonisation in Galizien", Israelitische Wochenschrift 10. November 1899.

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