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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-01-12 · 2 (12.1.1900) · p. Seite 22

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
2 (12.1.1900)
Date
1900-01-12
Page
Seite 22 (sequence 10)
Language
German
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Seite 22. Israelitische Wochenschrift. Nr. 2. zu dem ostpreußischen Gemeindebund ist ja bekannt. Wir arbeiten auch hier einer für den andern und gedeihen dadurch be^de. Was wir bisher hier mit Bezug auf die Einzelvereine ausgeführt haben, das gilt in noch viel höherem Maße für unfern Verband. Auch er soll stets bedacht sein, nur das Ganze, das allen Gemeinsame zu vertreten; den Sonderinteressen der einzelnen Kategorien seiner Mitglieder aber seine Unterstützung in der Art bieten, daß er sie zu großen Gruppen vereinigt, die selbständig auch ihren besonderen Bestrebungen nachgehen können. Nicht ein Kultusbeamtenbund fehlt uns, wohl aber eine allgemeine Verbindung der Kultusbeamten Deutschlands als Unterabteilung des Verbandes und, natürlich in gleicher Weise, eine Vereinigung der reinen Lehrer für ihre Sonderzwecke. Sobald für jeden Teil die Gelegenheit geboten ist, sich außer über allgemeine Fragen und Interessen des Ganzen im engeren Kreis über die Sonderfragen und Sonderinteressen seiner Gruppe zu beraten und zu verständigen, ist die Gefahr einer eventuell gewaltsamen Trennung der Parteien beseitigt und auch gleichzeitig d i e Gefahr abgelenkt, daß der Verband von einer einzelnen Gruppe je zu selbstischen Zwecken mißbraucht werden könnte. Man schrecke vor allem vor Neu- und Umbildungen nicht zurück, weil sie das Alte, das Gewohnte verändern. Ewig unverändert bleibt nur der Tod; das Leben aber ist Wechsel, ist Entwicklung. Darum, wo es Euch entgegentrttt in verheißungsvollen Formen und mit fester Begründung, nehmt's als gutes Zeichen, als Zeichen selbstthätigen Lebens, das sich den veränderten Verhältnissen anzupassen sucht und achtet gern auf die Zeichen der Zeit. Ich kann meinen Artikel nicht schließen, ohne auch auf die sachlichen Einwendungen meines Freundes Bähr gegen meinen Standpunkt in der Beitragssrage zu antworten. Herr Bähr wendet sich dabei einmal gegen meine Behauptung, daß die jüdischen Beamten nicht genug für ihre und ihrer Familie Versorgung leisten, daß andere Kreise, selbst die einfachen Buchdruckergehilfen, sie darin bedeutend überbieten, weil die jüdischen Lehrer und Kultusbeamten seiner Meinung nach durch die mannigfaltigen ihnen obliegenden Verpflichtungen zur Wahrung ihres Dekorums in der Gemeinde bereits anderweitig so sehr überlastet sind, daß sie für die Versorgung ihrer Familie nichts oder nur noch sehr wenig übrig haben. Er hält auch den von mir zur Bewertung unserer Kassenleistungen aufgestellten Vergleich mit den Leistungen der öffentlichen Rentenkassen nicht für zutreffend, weil er meint, jeder Wert bemißt sich nicht sowohl an dem andern, sondern an den Personen, die ihn begehren. Er findet drittens den von mir empfohlenen prozentualen Besteuerungsmodus für ungeeignet und ungerecht, weil es auch Verhältnisse giebt, bei denen dasselbe Einkommen einen verschiedenen Vermögensstand darstelle. Und endlich bestreitet er die Solidarität der jüdischen Lehrer untereinander und will eine solche gemeinschaftliche Verpflichtung nur bei den Gemeinden ihren Beamten gegenüber anerkennen. Darum gefallen ihm auch die bestehenden, von Lehrern begründeten und noch zu gründenden Kassen nicht, und er erhofft das Heil nur von Pensionskassen, die von der Sozietät der Gemeinden geschaffen und unterhalten werden. Um gleich mit dem Letzten zu beginnen, so will ich Herrn Bähr meinerseits zugeben, daß ich kein fanatischer Verehrer der „Lehrer"-Hilfskaffen bin, daß ich vielmehr gern auch jede andere Art der Kassengründung als gut anerkennen will, wenn sie mir nur zur praktischen Verwendung gereicht wird. Doch darauf allein kann es meiner Meinung nach hierbei ankommen, daß wir es praktisch erreichen können, und nicht, daß es theoretisch besser scheint. Wer hat schon gegen die Westfälische Kassengründung ein Wort gesprochen, die doch nach dem Bährschen Prinzip erfolgt ist? Niemand. Aber wenn's anderwärts leichter anders geht, warum denn nicht auch anders? Im allgemeinen darf man wohl sagen, daß es leichter sein wird, die L e h r e r für ihre eigene Versicherung tiefgehend zu interessieren, als die Gemeinden für die Versicherung ihrer Beamten, und diese gewiß leichter als Mitbeteiligte, denn als alleinige Träger des Werkes, und gewiß in höherem Maße, wenn wir Lehrer selber größeren Eifer dabei zeigen. Selbstverständlich, wer bei den Lehrern und Kultusbeamten das Solidaritätsgefühl verneint, vernichtet auch die Grundlage dieser Berechnung, denn ohne dieses Gefühl der gegenseitigen moralischen und teilweise auch materiellen Verpflichtung ist unter den Lehrern selbst nichts Rechtes zu beginnen, ist überhaugt nirgends etwas Großes zu schaffen, ist nicht einmal ein Standesverein zusammen zu bringen (auch der Kultusbeamtenbund nicht), sind wir thatsächlich in der Gegenwart und in aller Zukunft hilflos und verlassen. Aber es ist wohl nicht wahr, daß die Kultusbeamten und die Lehrer keine Ansprüche an einander haben, daß keine Solidarität zwischen ihnen besteht. Das ist eine Behauptung, die durch ein untrügliches natürliches Gefühl im Innern eines jeden rechten Lehrerherzens widerlegt wird, und die auch bei meinem Freund Bähr nichts weiter denn eine Entgleisung seiner Feder, nimmermehr aber eine Ueberzeugung ist. Wir kennen uns zu lange und zu gut, als daß ich solches nicht von ihm sollte behaupten dürfen. Gerade das Solidaritätsgefühl ist der L e b e n s q u e l l, von dem wir in unseren Vereinen zehren und von dem wir unsere Kraft bei allen gemeinsamen Unternehmungen herleiten. Wäre dies Gefühl nur entwickelter und allgemeiner in der jüdischen Lehrerschaft, wir vermöchten alles, und wären viel weiter als heute in unseren Standesverhältnissen wie in unseren Berussverhältnissen und ebenso auch in unseren Versorgungsverhältniss en. Ohne Geld ist's dabei nicht zu machen, und wenn wir die höheren Beiträge empfehlen, so geschieht es eben, um den Kassen zu einer erhöhten Leistungsfähigkeit zu verhelfen, die wir doch alle dringlichst wünschen, mit dem Unterschied nur, daß der Eine dabei zunächst nach Kräften in seine eigene Tasche greift, und der andere vor allem auf fremde Hilfe hofft. Doch das Hoffen und Harren hat uns leider schon viel I zu lange zum Narren gemacht, darum sei's endlich einmal genug damit, und frisch selber ans Werk! Im Zeitalter der Arbeiterkoalitionen sollte niemand mehr daran zweifeln, daß

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