Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 2 (12.1.1900)
- Date
- 1900-01-12
- Page
- Seite 21 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 2. Israelitische Wochenschrift. , Seite 21. bedauern, nichts für die Befriedigung ihrer berechtigten Wünsche gethan zu haben. Man wolle doch bedenken, daß die Bedeutung unserer Vereinigung nicht sowohl in der Bedeutung des durch sie vertretenen Lehrerstandes liegt, im weitern Sinn des Wortes, als vielmehr in dem Umstand, daß die gesamte jüdische Beamtenschaft einer Proviyz beziehentlich eines Landes sich in ihnen der Oeffentlichkeit gegenüber verkörpert. Denn als Standesvertretung vermögen wir schon lange nicht mehr absolutistisch uns zu gebehrden, die Rabbiner haben sich da vielfach bereits von uns losgemacht, und die Kultusbeamten wachsen gleichfalls immer mehr zu einer der unsrigen ebenbürtigen Stellung aus. Was kann dem gegenüber noch ein reiner Lehrer-Standesverein bedeuten? Nur in der Verbindung aller Beamteninteressen einer Provinz und eines' Landes liegt unsere Macht und unsere Bedeutung auch für die Zukunft. Jede Teilung ist schon der Anfang des tnnern Verfalls und der gegenseitigen Befehdung. Wir weisen dabet nur auf die Vorgänge in Oberschlesien und Bayern hin, wo die Rabbiner uud die Lehrer sich bereits öffentlich um das Stückchen Brot und um die äußeren Ehren reißen. Das wäre nicht möglich, wenn die Lehrer und die Rabbiner dort noch eine gemeinsame Verbindung hätten, wie anderwärts in den lokalen Lehrervereinen. Man würde zunächst persönlich Rücksicht auf einander nehmen und dann auch um des gemeinsamen Ansehens willen sich untereinander verständigen, statt öffentlich gegeneinander Stellung zu nehlnen. Für solche gemeinsamen Zwecke bilden die sachlichen Beratungen über Fragen des Religionsunterrichts die natürliche Unterlage. Wir, die Lehrer, die Kultusbeamten und die Rabbiner, sind ja alle Religionslehrer, der eine im Hauptamt, der andere im Nebenamt, und da giebt's des gemeinsamen Schaffens die Fülle, und die Gelegenheiten „zum persönlichen Befreunden" bieten sich dabei mannigfach. Nur darf man nicht meinen, daß damit für alle nun genug geschehen sei. Wir haben ja neben den gemeinsamen auch mannigfache Sonderinteressen, sachliche, berufliche sowohl, wie persönliche und standesmäßige. Diese verlangen auch Berücksichtigung und Befriedigung und lassen sich auf die Dauer nicht unterdrücken. Die Vereine sollten auch diesen Sonderinteressen so weit wie möglich gerecht zu werden suchen und — wo dies nicht mehr in genügendem Maße möglich ist — aus eigener Initiative die Bildung von Sondergruppen als Unterabteilungen, Sektionen der größeren allgemeinen Verbindung fördern und begünstigen. Was schadet's dem Allgemeinen, wenn sich daneben und innerhalb der großen Verbindung noch kleinere Gruppen bilden zur Beratung und Förderung ihrer Sonderwünsche? Sonderintercssen brauchen noch nicht notwendig feindliche Interessen zu sein; sie werden es gewiß nicht werden, wenn sie mit Geschick und ruhig sachlichem Sinn geleitet werden, und auf allen Seiten der Geist des Friedens vorherrscht, geweckt und gepflegt durch die gemeinsamen Bestrebungen. ' Und selbst wenn sich bei einer befreundeten Gruppe, wie zum Beispiel bet den Rabbinern, die Sonderinteresien derart häufen und eine solche Bedeutung gewinnen, daß sie neben den gemeinsamen Beratimgen über Fragen der jüdischen^ Schule und des religiösen Lebens in den jüdischen Gemeinden noch einen besonderen allgemeinen Verband ihrer Standes- Mitglieder notwendig machen, — die provinzielle Gemeinschaft sollte doch möglichst überall und bei allen aufrecht erhalten werden durch sorgsame Pflege des kollegialen Geistes zwischen allen Teilen, eventuell auch durch direkte Begünstigung der Bildung von Rabbinersektionen im Anschluß an die provinziellen Lehrervereine. Im engen Raum stoßen sich die gegenteiligen Interessen zu leicht, als daß man sie frei und ungehindert walten lassen dürfte. Was wir als allgemeinen Bund der Rabbiner für berechtigt und von deren Standpunkte aus für notwendig halten, das erscheint uns weder notwendig, noch nützlich in der Gestalt provinzieller Rabbinervereine ohne Beziehung zu den Lehrervereinen. Nursollen auchdieseden abweichenden Interessen bei sich Raum geben und ihre Aufgabe gegenüber der Oeffentlichkeit nicht ohne Grund verkleinern, vielmehr allezeit zu bleiben suchen die Vertretung der gesamten Beamtenschaft einer Provinz. Was bei den Rabbinern vielfach schon versäumt worden, versäumt es nicht auch bei den Kultusbeamten, die heute noch geschlossen zu Euch halten! Kommt ihren Wünschen und Bedürfnissen freundschaftlich entgegen, helft ihnen, daß sie auch in ihren Sonderbestrebungen bei Euch die rechte Unterstützung und Förderung finden können, seid ihnen selbstlose Berater und Förderer in ihren Eigenwünschen. Wenn Ihr die Tagesordnung für Eure gemeinsamen Versammlungen ausstellt, achtet daraus, daß auch der Kultusbeamte etwas dabei findet! Wir in Ostpreußen Habens schon lange gethan. Ein jedes Programm enthält bei uns irgend eine Nummer, die speziell für die Kultusbeamten berechnet ist, (wir haben in diesem Jahr sogar Uebungen im praktischen Chasonus eingeführt), wie wir immer auch die Rabbiner unserer Provinz für unsere gemeinsamen Bestrebungen zu interessieren suchen. Unsere Vortragslisten zu den Jahreskonferenzen sind stets sorgsam zusammengestellt und die gewünschten Themen so verteilt, daß jeder bei uns von dem giebt, was ihm am nächsten liegt. Die großen, allgemein-religiösen Vorträge werden vorzugsweise von den Rabbinern, die praktischpädagogischen Darbietungen zumeist von den Lehrern und Kultusbeamten gehalten, und wenn wir für den Kantor etwas brauchen, so gehen wir zu unfern immer hilfsbereiten Birnbaum, der nie versagt. So findet nicht nur jedes Interesse bei uns seine Berücksichtigung, sondern wir sind auch mit intereffantem Material immer reich auf dem Platz, und jeder freut sich, von seiner Stelle aus etwas zum Gedeihen des Ganzen beitragen zu können. Und der weitere Erfolg? Bet uns giebt's keinen einzigen Beamten, der nicht zum Verein gehört, das versteht sich hier ganz von selbst. Auch Versammlungen sind meist von neun Zehnteln aller Mitglieder besucht, und eine Harmonie herrscht in dem Ganzen zwischen Lehrern, Rabbinern und Kultusbeamten, daß es eine Freude ist. Unser Verhältnis