Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 1 (5.1.1900)
- Date
- 1900-01-05
- Page
- Seite 9 (sequence 20)
- Language
- German
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Nr. 1. Israelitische Wochenschrift. Seite 9. höheren Lehranstalten werden von den Behörden nicht mehr wöche tliche Stunden eingeräumt, als für den evangelischen und katholischen Religionsunterricht, das heißt für VI 3, für die übrigen Klassen je zwei Stunden. Trotz dieser geringen Stundenzahl ist die gesamte Religionslehre einschließlich des Hebräischen durchzunehmen. Es empfiehlt sich nicht, das Hebräische in die Religionsschule zu verweisen. Der Unterricht im Hebräischen muß allerdings auf die wichtigsten und geläufigsten Gebete beschränkt werden. Er kann nur in VI und Unter- III eingehender betrieben werden. In allen übrigen Klassen stehen ihm höchstens 15 Minuten jeder Stunde zur Verfügung; bei besonderen Anlässen, zum Beispiel vor den Festtagen, sind ihm beide wöchentliche Stunden einzuräumen. — Da in der Unter- II ein Abschluß stattfindet, so hat sich in den Klassen VI bis Unter-II der Unterricht auf sämtliche Gebiete der Religionslehre zu erstrecken; es sind nie zwei Gebiete gleichzeitig nebeneinander durchzunehmen (das Hebräische ausgenommen), sondern immer ein Gebiet nach dem andern. — Das wichtigste Unterrichtsfach ist das Lesen in der Heiligen Schrift in deutscher Sprache (Bibellesen). Redner begründet eingehend die Forderung, daß dies sich nicht aus Darbietung von Proben im Anschluß an die biblische Geschichte beschränken dürfe, sondern um seiner selbst willen im Zusammenhang zu betreiben sei und sich auf alle Teile der Heiligen Schrift erstrecken müsse. Er gelangt zu folgender Stoffverteilung: VI—V biblische Geschichte; IV — Ober- HI Bibellcsen; Unter-II systematische Religionslehre und jüdische Geschichte. Diese Stoffverteilung, nicht aber die Zahl der jüdischen Schüler, muß für die Vereinigung von Schülern verschiedener Klassen zu einem Kursus maßgebend sein. Erstrebenswert ist die Vereinigung der jüdischen Schüler mehrerer höherer Schulen eines Orts im Religionsunterricht. — Sodann geht Redner auf die Behandlung des Unterrichtsstoffs ein, am ausführlichsten auf das Bibellesen und die jüdische Geschichte. — In der an den Vortrag sich anschließenden Generaldiskussion wurde von verschiedenen Seiten daraus hingewiesen, daß es wünschenswert gewesen wäre, wenn der Redner sich auch über den hebräischen Unterricht noch ausführlicher ausgesprochen hätte, damit man zu übersehen imstande sei, inwieweit in der zu Gebote stehenden, sehr knapp bemessenen Zeit etwas Ersprießliches geleistet werden könne. Auch war man allgemein der Ansicht, daß dem Unterricht in der jüdischen Geschichte mehr Spielraum gewährt werden müsse, damit gerade durch diesen Unterricht das Interesse für das Judentum gefördert werden könne; denn dieses Interesse sei in besonderer Weise geeignet, den Jndifferentismus zu beseitigen, der sich noch in weiten Kreisen unserer Glaubensgemeinschaft zeige. Ferner wurde die Meinung zum Ausdruck gebracht, daß bei den eigenartigen Verhältnissen, wie sie an den Berliner höheren Schulen herrschen, sich der von dem Vortragenden empfohlene Lehrplan als schwer durchführbar erweisen werde. Ganz allgemein aber war man dem Vortragenden dankbar für die zahlreichen Anregungen, die er durch seinen Vortrag allen Teilnehmern der Versammlung gegeben. — Zum Schluß gelangte folgende, von den Herren Dr. Adler und Hanff eingebrachte Resolution einstimmig zur Annahme: Die „Wffenschaftliche Vereinigung jüdischer Schulmänner zu Berlin" nimmt mit aufrichtigem Dank von den Thesen, die Herr Professor Dr. Tachau im Anschluß an seinen Vortrag ausgestellt hat, Kenntnis und beschließt, diese noch weiterhin zum Gegenstand der Beratung zu machen. Berlin, 31. Dezember. (Generalversammlung des jüdischen Literaturvereins.) In voriger Woche hat die Generalversammlung des Berliner Vereins für jüdische Geschichte und Literatur stattgefunden. Von über 600 Mitgliedern hatten sich neben 4 Vorstandsmitgliedern und 2 unentbehrlichen Revisoren allmählig 12 Mann angefunden, die den Bericht entgegennahmen und in weniger als zehn Minuten alle geschäftlichen Angelegenheiten erledigten. Dazu gehörte auch die Vorstandswahl. Selbstverständlich wählten die 12 den Vorstand, den sie meist gar nicht kannten, durch Akklamation wieder. An Stelle des verstorbenen Kommerzienrats Julius Isaak wurde, gleichfalls durch Zuruf, Herr Heinrich Fränkel in den Vorstand gewählt. Der schüchterne Einwand des Herrn Fränkel, ob nicht die Wahl eines akademisch gebildeten Mannes vorzuziehen sei, begegnete bei den Herren Karpeles, Benas Levi und Katz entschiedenem und aufrichtigem Widerspruch. Danach gab es eine vergnügte Auferstehung. Vor zwei Jahren war auf Anregung des Herrn Dr. Kaftan beschlossen worden, ein Preisausschreiben für eine populäre Geschichte des Judentums zu veranstalten. Der Vorstand hatte diesen Antrag abgelehnt, weil es geeignete Historiker nicht gäbe, auch die finanziellen Mittel fehlten. Herr Dr. Kastan erneuerte seinen Antrag mit der Maßgabe, daß er an den Verbandstag gebracht werden solle. Der Antrag wurde angenommen. Ebenso ein weiterer Antrag Kastan, der dem Verein die jährliche Abhaltung einer Chanukafest-Veranstaltung zur Pflicht macht. Berlin, 29. Dezember. (Lehrer-Pensionskasse.) Das Kuratorium der Pensions-Witwen- und Waisenkasse des Verbands der jüdischen Lehrervereine im deutschen Reiche hielt am 24. Dezember im Bureau des deutsch-israelitischen Gemeindebundes eine Sitzung ab, die von dem Vorsitzenden Herrn Rektor Dr. Adler geleitet wurde. Herr Dr. Adler machte zunächst davon Mitteilung, daß nach erfolgter Allerhöchster Genehmigung zur Annahme der der Kasse gemachten Zuwendungen der Vorstand sich mit der Bille um Entscheidung an den Herrn Finanzminister gewandt habe, ob die Kasse den Charakter einer Wohlthätigkeitsanstalt trage und demgemäß von der Stempelsteuer zu befreien sei. Das an den Herrn Finanzminister gerichtete Gesuch sei von diesem dem königlichen Stempel- und Erbschaftssteueramt zur weiteren Behandlung überwiesen worden. Alsdann wurde in die Beratung der Vorschläge der Kommission eingetreten, die die Abänderungsanträge zu den Paragraphen 7, 2 und 3 und die Anträge Peritz geprüft hatte, lieber die zu Paragraph 7 gemachten Vorschläge entspann sich eine längere Debatte, da namentlich die Frage, ob prozentuale oder fixierte Beiträge angemessen seien, nochmals nach allen Richtungen eingehend . erörtert wurde. Herr Steinhardt-Magdeburg trat auch diesmal wieder für fixierte Beiträge ein und suchte die Vorzüge dieses Besteuerungsmodus aus praktischen Gründen zu rechtfertigen, während Herr Professor Dr. Philippson die Ansicht vertrat, daß die prozentuale Besteuerung vorzuzieheu sei, tue ngllvch