Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 1 (5.1.1900)
- Date
- 1900-01-05
- Page
- Seite 7 (sequence 18)
- Language
- German
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Nr. 1. Israelitische Wochenschrift. Seite 7. Verhältnis in der Behandlung der Urproduktion und der der Industrie. Höchst interessant ist es, zu sehen, wie fast alle Länder,^selbst England, das freihändlerische Land per exzellence, neuerdings dazu übergehen, die heimische Landwirtschaft zu unterstützen. England hat durch den Small Holding Act vom 27. Juni 1892, dann durch den Parish Council Act und mehrere andere Gesetze energisch begonnen, einen gesunden Bauernstand herzustellen durch Vernichtung oder wenigstens Einschränkung der gewaltigen Latifundien, die sich jtn den Händen '.der Adligen befinden. Noch einschneidender sind die Veränderungen zu Gunsten der Klein- und Mittelbesitzer in Irland, wo ein gewaltiger Staatskredit bewilligt wurde. Rußland hat sich gezwungen gesehen, ein Gesetz zu erlassen, welches verbietet, während Hungersnöten Getreide zu ixportieren. Preußen versucht seit 1886 durch die Gesetze über R.ntengüter,church die Zollgesetzgebung, Aenderung dcs^Erbrechts und verschiedenes andere die Landwirtschaft zu stärken. Alle diese Maßregeln in den verschiedenen Ländern sind ergriffen worden aus der Erkenntnis, daß „keine Nation unabhängig sein kann, wenn sie die Landwirtschaft als Basis und Rückhalt entbehrt", oder, um einen andern'.Autor zu zitieren, daß, „der innere Markt der^Hauptabnehmer der heimischen Erzeugnisse sein muß, und der Auslandshandel nur den Austausch solcher Güter bewirken darf, die jedem Lande eigentümlich sind und anderwärts nicht hergestellt werden können". Es ist meiner Ansicht nach von allerhöchster Bedeutung, daß diese Erkenntnis selbst Innerhalb der „internationalen" Sozialdemokratie um sich greift. In einem nach verschiedenen Hinsichten überausZnteressanten Artikel*) in den „Sozialistischen Monatsheften" vom.Dezember^l899 findet sich folgender Satz: „Der Sozialismus^bedeutet die in sich organisierte, geschlossene Volkswirtschaft, die alle ihre^wesentlichen Konsumartikel in sich und für sich erzeugt, ohne auf die Außenwelt angewiesen zu sein, und nur diejenigen Völker werden in der Lage sein, eine sozialistische Wirtschaft zu organisieren, die ein in sich abgerundetes Produktionsgebiet beherrschen. Auf eine derartige Gestaltung der Dinge drängt auch bereits die ganze Entwickelung hin". Was wir also festgellt haben, ist: die immer anwachsende Proletarisierung großer Volksklassen bedarf unbedingt der Abhilfe. Die Industrie, wenn sie die heutige soziale Not auch nicht erzeugt hat, hat ihre Herbeiführung doch wesentlich beschleunigt, indem sie die Zentralisierung der Arbeitskräfte in großen Städten'herbeiführte. Diese großem Städte saugen ständig weitere Arbeitsmassen vom Lande aus und entvölkern so das Land, welches „dadurch außerstande ist, den. Bedarf des heimischen Marktes zu decken. Dies ist, zumal in Kriegszeiten, ein gefährlicher Umstand?. Es ist somit die Agrarfrage als Kernpunkt der sozialen Frage dargelegt. Wenn nun die Nationen sich wieder mehr als bisher der Urproduktion zuwenden, so .erwächst hieraus keineswegs für die Industrie ein Nachteil, vielmehr ein außerordentlicher Nutzen. Denn je mehr Arbeitskräfte der Industrie entzogen werden; desto mehr Konsumenten gewinnt sie. Darüber besteht heute kaum noch ein Streit. Ein andres ist es, ob die Rückkehr größerer Volksmassen zur Landwirtschaft überhaupt möglich ist. Hier hört man häufig die Frage aufwerfen: Kann denn ein jedes Land sich völlig selbst ernähren, kann, um von einem bestimmten Fall zu reden, etwa Deutschland, selbst, wenn es wollte, genügend aus dem zur Verfügung stehenden Boden herauswirtschaften?^.Alle praktischen Landwirte und ebenso die wissenschaftlichen Forscher, welche die bisherigen Resultate der Landwirtschaft? sestgestellt haben stimmen darin überein, daß ^bei^sorgfältiger intensiverer Kultur der Boden das Vielfache des jetzigen Ertrages bringen könnte, und auch dort, wo eine derartige Methode angewendet wird, thatsächlich bringt. Um nur wenige Beispiele anzuführen, (wir kommen später hierauf ansführlicher zurück), so werden in Deutschland 1,6 Tonnen^Weizen durchschnittlich per Hektar geerntet, General Sir A. Cotton erntete nach seiner verbesserten Methode acht Tonnen; in Deutschland werden im günstigsten Falle 18 Tonnen Kartoffeln (im Durchschnitt 9'/2) per Hektar geerntet, General Cotton erzielte 80 Tonnen, ein anderer Oekonom sogar 100 Tonnen.*) Ein Verfasser berechnet, daß bei rationeller Kultur die Fläche, die heute von Hessen^mit Roggen und Weizen bebaut wird, genügen würde, um die Bevölkerung von ganz Deutschland mit Brot zu versehen. Wie dies geschehen kann, wird später dargelegt werden. Im nächsten Artikel wollen wir die Frage behandeln, ob auch für Galizien der .Satz zutrifft, daß die Lösung der sozialen Frage vom Lan e aus zu geschehen hat. Genie M-Dpulariliit. (Zum W o ch e n a b s ch n i t t mcw-) Von Rabbiner Dr. B. Seligkowitz-Cöthen. Am Horizont einer Nation flammen zu Zeiten, wie gewaltige Sonnenkörper, die Genien der Menschheit auf und gießen ein Lichtmeer aus!.über die, die unten im Staub wandeln. Dieses Licht aber blendet die große Menge; sie vermögen nicht, zu den erhabenen Sphären reiner Gedankenkreise sich zu erheben. Wie .Meteore werden die großen, genialen Geister von der Mitwelt mehr angestaunt und verehrt als begriffen; die Kluft ist zu groß, die den Geistesfürsten von denen trennt, die in den Banden der Vorurteile schmachten. Daher^ geschieht es, daß Entdeckungen und Erfindungen, die mit einem Schlag eine Revolution in der Menschheit bewerkstelligen konnten, lange Zeit^unbekannt, oder doch unerkannt, daß Ideen,' die bestimmt sind, dieselben Umwälzungen in der Wissenschaft hervorzubringen, zur Zeit ihrer ersten Veröffentlichung unbeachtet, daß politische und sittliche Gesichtspunkte, die geeignet sind, alle staatlichen und persönlichen Verhältnisse der Menschen zu ibrer Veredelung und zu ihrem Glück umzugestalten, anfänglich unverstanden bleiben. Davon nicht zu reden, daß oft Spott und Hohn die genialen Geister wahnwitziger Neuerungssucht beschuldigt und das als unpraktischen Idealismus verlacht, was von den gewöhnlichen Sterblichen nicht begriffen wird. Einzelne aber pflegt es zu *) Erich Roth er: Zur Theorie der Flottenfrage. *) Cotton, Lecture on Agriculturo.