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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1900-01-01 · No. 1. (1900) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
24-25 (1900-1901)
Issue
No. 1. (1900)
Date
1900-01-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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5 Kritik und Tradition. Von Kirehenrath I) r. Th. Krön er in Stuttgart. Es ist eine eigenthümliclie Erscheinung unserer Zeit׳, dass aus den Kreisen jüdischer Gelehrten nur selten, und nicht ein grellen d noch umfassend, alle die Forschungsfragen behandelt werden, welche die heilige Schrift zur klaren Erfassung ihres einfachen Wortsinnes gerade bei den£11 anregen muss, welche, an die Methode der Sprachwissenschaft unserer Zeit gewöhnt, den Urtext lesen. Die Methode unserer Schriftsteller ist entweder eine svmbolisirende, in die Tiefe des Gedankens herabsteigende Exegese, die mit allem Aufwand von Geistesschärfe auffallende Textesstellen zu erklären sich bemüht, wie S. R Hirsch in seinem Pentateuch, seinen Psalmen und den nach seinen Gedanken bearbeiteten Haftaroth sie verwendet; oder es ist eine geistvolle, philosophische und etymologisch wie synonymisch untersuchende Exegese, wie sie Malbim in seinem Bibelkommeotar dargelegt hat, oder י מ ס eine lialachisch-midraschische, wie sie Raschi auf Grund der talmudi sehen Tradition an wendet, welche von den in hebräischer Sprache schreibenden Forschern gebraucht wird. Die einfache, den Gesetzen der Sprache, der Darstellung, der Logik und Psychologie und der Rücksicht auf die geschichtlich bekannten Thatsachen sich anschliessende Textesforschung, wie sie der Rasclibam eigentlich mehr noch als Ihn Esra begründet, wie Kimchi und Abarbanel sie erweitert, hat sonderbarer Weise in unserer Zeit fast keinen mit einer grösseren Arbeit hervortretenden und hervorragenden Vertreter in unserer Mitte. Die Ursache davon liegt wohl in dem Umstande, dass die Traditionstreuen eine leichtbegreifliche Scheu haben, Textesschwierigkeiten nach modernen philologischen Grundsätzen zu^behandeln und die, welche Freunde der Kritik sind, ihre Befriedigung an dem mit grossem Fleisse und grossem Scharfsinn ausgearbeiteten Forschungen der Christliehen protestantischen Theologen und Bibelkritiker finden. Und doch scheint das Verhalten beider Richtungen nicht im Interesse der Wissenschaft und des Judenthums selbst zu liegen. Denn die philologisch-kritische Methode wird auf dem Gebiete der Bibelforschung weder totgeschwiegen noch vornehm gering geschätzt werden können und ihre Ergebnisse werden sich durch hundert Kanäle dem Seelenleben der jüdischen Welt mittlieilen; sie werden dort Zweifel erregen, die Tradition erschüttern und an den Grundfesten des Vertrauens in die heiligen Schriften rütteln, eine Gefahr, die vielleicht noch grösser ist, als die Verleitung zur!hatsächlichen Uebertretung vieler religi- Ösen Verbote, welche durch die vollständig neue veränderte sociale Stellung der Juden erzeugt wird. Es ist darum dringend erforderlich, dass die Traditionsfreunde, sagen wir den offenen, ehrlichen, Wissenschaftliehen Kampf mit der Kritik aufnehmen. Andererseits werden die Kritikfreunde unter den Juden nicht in Abrede stellen, dass trotz aller Anerkennung der Gelehrsamkeit der protestantischen Bibelkritiker, trotz aller ilirerLiebe zur hüllenlosenDarlegung der vollen Walirheit, ihre Kritik von einem specifisch christlichen Standpunkt aus erfolgt, also von Voreingenommenheit nicht frei ist. Eine Kritik, die so weit geht und es als ihre Aufgabe betrachtet, solches zu erweisen, dass sie in Mose eine mythische Figur, in den Propheten sogar noch Vertreter einer national-beschränkten Gottesanschauuno־ der bildlichen Gottesverehrung, der Menschen- לה יה Opfer u. s. w. sieht, nur um dann am Schlüsse triumphirend die Fahne des evangelischen Christenthums zu entrollen und zu zeigen, dass der alte jüdische Gottesgedauke ein niedriger gewesen, aber erst in der späteren prophetischen Entwickelung erhabener geworden sei, ohne aber dabei die Höhe des christlichevangelischen Gottesgedankens zu erreichen, eine solche Kritik mit solchen Zielen wird doch selbst den begeistertsteil jüdischen Freunden der Kritik etwas unheimlich werden müssen. Auch sie werden die Pflicht haben, mit der modernen Bibelkritik sich wissenschaftlich zu befassen und ihre Ergebnisse eingehend zu prüfen, um nicht von ihrem Strome rettungslos fortgerissen zu werden. Es bleibt somit eine Aufgabe der jüdischen Gelehrten, mit der exakten Bibelforsch 1mg nach dem Grundsätze אין מקרא יוצא מידי פשוטו sich zu beschäftigen und alle philologischen Fragen derselben ohne Furcht und Voreingenommenheit zu lösen,, soweit dies möglieh ist. Wohl weiss ich, dass zu solcher wissenschaftlichen Aufgabe diejenigen berufen sind, die sich ganz derselben widmen können. Ich rechne mich nicht zu diesen Glücklichen. Nur beitragen möchte ich hierzu, indem ich das, was ich bei meinen Vorträgen über מ " das Buch Jesaja als Ergebniss meines Forschens fand, in Form einzelner Bemerkungen hier darlege. Bei meinen Vorträgen über Jesaja widmete ich besondere Aufmerksamkeit der neuen polychromischen Textausgabe des Jesaja, welche Rev. J. K. Cheyne, M. A. D. D. 0. Professor of the Interpretation of Holy Scripture at Oxford als critical edition of the hebrew text bearbeitete und von Paul Haupt, Professor in the John Hopkins University zu Baltimore, als ein Theil seiner grossen Edition der sacred books of the old Testament durch die J. C. Hinrich’sche Buchhandlung zu Leipzig 1899 herausgegeben wurde. Meine Bemerkungen beziehen sich auf die in dieser Textausgabe gemachten Textemendationen und die auf sie bezüglichen kritischen Noten. (Forts, folgt.) Litteraturbericlit. Recensionen. trpschichte der Juden yoh Esra bis zur Jetztzeit, für Volksschulen und höhere Lehranstalten bearbeitet von Stadtrabbiner Dr. Theodor Krön er, Kirchenrath zu Stuttgart. Verlag von J. Kauffmann, Frankfurt a. M. 1899. 136 S. und Zeittafeln 15 S. Preis geb. 1 M. 30 Pf. Ein guter Leitfaden für die nach biblische Geschichte mit eingestreuten Proben aus dem reichhaltigen Schatz der jüd. Litteratur, besonders für die Schüler der höheren

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