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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1900-01-01 · No. 1. (1900) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
24-25 (1900-1901)
Issue
No. 1. (1900)
Date
1900-01-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 der Geschichte dahin wandeln. Der Geschichte — denn an der ,,Wiege“ des Menschengeschlechtes und der Kultur stehen wir noch lange nicht. Bereits in dieser Zeit stehen wir auf uraltem Kulturboden! So streng gelehrt diese Forschungen sind, so kommt ihnen trotzdem das allgemeine Interesse entgegen, die auf Kulturgeschichtliches gerichtete Wissbegier unserer Gebildeten und besonders das biblische Interesse. Für uns wird dieses der entscheidende Antrieb sein, dass wir von diesen Forschungen Kenntniss gewinnen möchten. Wir begrüssen freudig jeden Lichtstrahl, der uns das Dunkel der biblischen Zeiten erhellen kann. Aus diesem Grunde ist das Unternehmen der ,,Vorderasiatischen Gesellschaft“, die Resultate der vorderasiatischen Studien in gemeinverständlichen Dar- Stellungen dem gebildeten Laien zugänglich zu machen, dankbarst anzuerkennen. Das erste Heft: ,,Die Völker Vorderasiens“, von dem hervorragenden Assyriologen H. Winkler ist dazu ein glücklicher Anfang und eine vortreffliche Einleitung. In lichtvoller Weise wird dem Leser das Völkergewirre, welches während der ersten vorchrist liehen Jahrtausende, aus den drei Völkerkammern: Arabien, Kleinasien-Europa und Ostasien sich er giessend, über Vorderasien hin und her fluthete, klar gelegt. Noch ist vieles dunkel, Hypothese und Vermutliung müssen helfen, wenn ein abgerundetes Bild entstehen soll, aber zur ersten Einführung in die Geschichte des alten Orients und der babylonischen Kultur ist die Schrift sehr zu empfehlen. — Dasselbe gilt von der zweiten Schrift: ,,Die Amarna-Zeit“ von Carl Niebuhr. Gegen Ende des Sommers 1887 verbreitete sich in Europa das Gerücht, dass die ägyptischen Bauern mehrere hundert babylonische Thontafeln, welche aus einer Tell-Amarna genannten Ruine in Qberägypten stammten, feil böten. Es gelang noch rechzeitig, eine allzugrosse Zersplitterung zu verhüten und die Thontafeln wurden für das Britische Museum und das Berliner Museum erworben. Ein Tlieil wurde dem Museum von Bulak (Kairo) überlassen und nur wenige sind im Privatbesitz verblieben. Der Fundort Amarna war bereits bekannt als die Ruine einer von dem im 14. Jahrhundert regierenden ägyptischen König Amenopliis IV (Cliut-en-Aten) aus der 18. Dynastie gegründeten und bald nach seinem Tode wieder zerstörten Stadt. Der Fund sollte sich bald als eine der wichtigsten der bisher gemachten Entdeckungen auf dem Gebiete der vorderasiatischen-ägyptischen Geschichte heraussteilen. Er stammt nämlich aus dem Archiv des ägyptischen Königs und enthält eine Correspondenz asiatischer Verbündeter und Vasallen mit ihm und seinem Vorgänger. Die Vasallen aber sind die Präfecten einer Reihe von Städten Palästina’s, welches damals unter ägyptischer Botinässigkeit stand, darunter auch Jerusalems! Da die Zeit, in welche dieser Briefwechsel fällt, etwa die Zeit der Einwanderung Israels in Palästina ist und wir für diese Epoche lediglich auf die Nachrichten des Buches Josua und der ersten Kapitel des Buches der Richter angewiesen waren, so sind diese Urkunden für die biblische Geschichte von ganz unschätzbarem Werthe, denn wir haben ja hier amtliche Briefe und Berichte ungefähr aus der Zeit Mose’s und •losua’s, geschrieben in Palästina und gerichtet an den König von Aegypten! Also authentische Zeugnisse über den damaligen Zu- רד רד stand des heiligen Landes und die politischen Verhältnisse, in welche Israel eintrat. Und aller Wahrsclieinlichkeit nach werden die Hebräer in diesen Briefen selbst erwähnt, denn es ist kein Grund, in den Habiri, über deren Fortschritte in der Eroberung des Landes die Präfekten besorgt nach Aegypten berichten, jemand anders zu sehen, als die Hebräer. Palästina befindet sich nach diesen Briefen im Zustände völliger Auflösung. Die Notlischreie der Präfekten, die Boten auf Boten zu dem ägyptischen König senden, verhallen ungeliört. Die Zustände, wie wir sie hier kennen lernen, passen also vortrefflich zu dem biblischen Bilde. Aber auch kulturhistorisch sind diese Briefe hochinteressant. Wir erfahren z. B. zu unserer Ueberraschung, dass im 14. Jahrhundert in ganz Vorderasien Babylonisch die Sprache des diplomatischen Verkehrs war, und dieser Verkehr hatte bereits bis in alle Feinheiten ausgebildete Formen, die bisweilen nicht יד ohne Komik sind, besonders in den Briefen der asiatischen Könige. Ihr wesentlicher Inhalt ist von Anfang bis Ende gewöhnlich die Bitte an den liebvverthen Bruder in Augypten, Gold, viel Gold, sehr viel Gold zu schicken, und bewundernswerth ist die Geschicklichkeit, mit der für diese Bitte immer neue Wendungen gefunden werden. Leider sind die Tafeln, besonders die Berliner, vielfach beschädigt und häufig nur triimmerhafte Bruchstücke. Dem hohen Werth des Fundes entspricht es, dass er bereits vielfach bearbeitet ist. Es liegen bereits nicht nur Textausgaben und Transskriptionen, sondern auch für Nichtassyriologen drei Uebersetzungen vor, deutsch von H. Winckler, als 5. Band der von E. Schräder herausgegebenen höchst instruktiven keilinschriftlichen Bibliothek, französisch von J. ILalevy, ,,La correspondance D’ Amenopliis III. et D’Amenophis IV“, Paris, Leroux 1899, englisch C. R. Conder: ,,The Teil Amarna Tablets“, bereits 1894 in zweiter Auflage. Mit Hülfe dieser Werke kann auch der der Keilschrift Unkundige den Fund zu geschichtlichen Studien benützen. Für weitere Kreise sind bereits mehrfach gemeinverständliche Darstellungen gegeben worden. Unter diesen kann die Schrift von Niebuhr ganz besonders empfohlen werden, da sie ein ebenso umfassendes wie klares Bild dieser ganzen Zeit entwirft. Der Verfasser bespricht in 5 Kapiteln: Auffindung und Art der Thontafeln — Hof und Verwaltung der Aegypter — die Briefe asiatischer Könige — Briefe der unterworfenen Asiaten — die allgemeine Lage zur Amarna-Zeit. Die ה ס Proben sind vortrefflich ausgewählt und die Dar- Stellung sehr unterhaltend. Im Ganzen aber hätten wir mehr Bezugnahme auf das alte Testament gewünscht. Göttingen, im December 1899. J acob.

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