Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 24-25 (1900-1901)
- Issue
- No. 1. (1900)
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/6492408-5990879-9732312--2770-9607266- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Es hiesse den richtigen Standpunkt Maimoni’s ganz und gar verrücken, wollte man, wie von mancher Seite es geschehen, annehmen, Maimonides habe, der ausführliehen Weise desTalmud abhold, ,,das ganze Gebäude desselben abreissen, das Talmudstudium beseitigen wollen/'5) Er selbst widerlegt einen solchen Vorwurf durch Wort und That. In einem Briefe an Pinchas ben Meschullam in Alexandrien6) schreibt er: ,,Wisset zuerst, dass ich. wovor Gott sei, nicht gesagt habe, beschäftigt Euch nicht mit der Gemara oder mit den Schriften des Lehrers Isaac (er meint Alfasi) oder eines Andern. Der Allwissende sei mein Zeuge, dass man bereits seit anderthalb Jahren bei mir meine Compendien nicht studirte Die meisten Schüler verlangten Unterricht in den ,,Halachot“ des grossen Lehrers und ich habe sie mit ihnen mehrere Mal durchgenommen; andere wollten Gemara lernen, und ich lehrte sie die Abschnitte, welche sie wünschten. Habe ich etwa befohlen oder ist es mir je in den Sinn gekommen, die von mir verfassten Schriften, die Erklärungen zum Talmud sind, wegen des Compendiums7) zu verbrennen? Habe ich ja deutlich in der Vorrede gesagt, dass ich es bloss für die Geistesschwachen verfasst habe, die die Tiefe des Talmuds nicht durchdringen und sich aus demselben keinen ausreichenden Bescheid über das Erlaubte und Unerlaubte holen können.“ So weit Maimonides. Wie wenig sich mit einer solchen in unzweideutigen Worten ausgesprochenen Ansicht eine Verachtung oder Hintansetzung des Talmuds verträgt, wird jeder Unbefangene einsehen. Allein, mehr als durch Worte bewies Maimonides durch die That, wie theuer ihm alle, selbst die rabbinischen Vorschriften am Herzen lagen. Azulai berichtet,8) dass, als Maimonides sich in Alt-Cairo niedergelassen habe, der Rabbaniten in Aegypten bei weitem weniger als der Karaiten waren, so dass die Mehrzahl der Gemeinde zu Eostat nach den Sitten der Karaiten lebte, und dies namentlich in betreff der Frauengesetze. Maimonides brachte es durch seinen Einfluss dahin, dass die rabbanitischen Gesetze in volle Kraft traten. An der Spitze eines Collegiums von 10 Rabbinen erliess er ein Rundschreiben, welches die Ausübung der talmudischen Vorschriften einschärft, ,,denn die Verletzung einer rabbinischen Vorschrift, sagt er, sei fast strafbarer, als die einer biblischen.“ So finden wir Maimonides immer, wo es galt, eine praktische Entscheidüng auszusprechen, mit aller Strenge am talmudischen Standpunkt festhalten, und liess er sich auch zu harten Aeusserun gen gegen die französischen Talmudlehrer hinreissen, so hing er doch selbst mit Leib und Seele allen Bräuchen und Ceremonien an, mit dem Unterschiede nur, dass sie ihm als Pliilosoplien kein blosses äusserliches, gedankenloses Thun, sondern Ideen vertretende Handlungen waren, dass die Lehre ihm keine tote Buchstabenschrift, sondern eine durch des Geistes Feuer belebte Gottes¬ 5) Jost YI, 161. •) Cfr. Maim. Briefe ed. Prag p. 22. 7) Er meint seinen Jad hachasaka, gegen den bei seinen Lebzeiten schon obiger Vorwurf erhoben wurde. *) Schein liagedolim Theil II, p. 12, nach einem handschriftl. Gutachten des Jacob Alfaragi No. 65. schrift war. Maimonides wollte durch seinen Mischnacommentar ein systematisches Studium des Talmuds einführen. Er sah, wie gerade dieses Studium in einer allen anderen Studien diametral entgegen2־esetzten Weise betrieben wurde, dass ihm keine Einleitung, wie allen übrigen Wissenschaften, vorangehe, die etwa über den Gebrauch der Quellen, über ihr Zeitalter, ihre Entstehungsweise und über die Autoren Aufschluss gebe, dass ihm kein System vorausgeschickt sei, wonach der ganze umfangreiche Stoff, übersichtlich geordnet, keine Regel aufgestellt, kein Gesetz angegeben sei, wonach bei divergirenden Ansichten zu entscheiden wäre — dass man sich in inedias res werfe, mit dem Talmud selbst beginne, wo alles ungeordnet nebeneinander liege. Und die Folge davon? Dass Manche, die den grössten Theil ihres Lebens dem Studium des Talmuds oblagen, bei Fragen nach Resultaten für die Praxis nicht selten stutzten, und sich aus dem Gemisch der verschiedenen Ansichten nicht herauszufinden vermochten. Diesem Uebelstande wollte Maimonides abhelfen; er wollte dem Jünger des Talmuds den Ariadnefaden in die Hand geben, der ihn durch die verschlungenen Gänge der Diskussion leiten, und ihn — was ja der Hauptzweck sei — zum Ziel führen, d. h. beim Aufsuchen der endgültigen Entscheidung behülflich sein sollte. ,,Wahrlieh, ruft er an einer Stelle aus, wäre ich im Stande, den ganzen Talmud in einen Abschnitt zusammenzufassen, ich hätte mich nicht zweier dazu bedient."9 *) (Fortsetzung folgt.) Der alte Orient.*״') Die umfassenden Nachforschungen und grossartigen Entdeckungen, welche von europäischen und amerikanischen Gelehrten in dem Boden Vorderasiens während der letzten Jahrzehnte gemacht sind und uns noch fast jedes Jahr unerhörte Ueberraschungen bringen, bedeuten ohne alle Frage die bedeutendste Bereicherung, die die Wissenschaft der Geschichte jemals erfahren hat. Eine ganze Welt, die bisher jenseits aller bekannten Geschichte lag, ist auferstanden, auf Jahrtausende, die von dem tiefsten Dunkel vorgeschichtlieh er Nacht umhüllt waren, sind helle Lichter gefallen und vor unsern Augen steigen in ganzen Schaaren Völker auf, deren Namen noch nicht einmal bekannt waren, geschweige dass man von ihrer Geschichte das Mindeste wusste. Diese Ausgrabungen haben die ältesten, vorläufig bis ca. 3500 v. Chr. reichenden schriftlichen Denkmäler des Menschengeschlechts zu Tage gefördert und ein eigenartiger Zauber ergreift uns. wenn wir in diesem Morgengrauen 9) 1111 מ׳ תחיית המתים (übers. V. Sam. ihn Tibon ed. Amsterd. 1660 p. 130) auch vom Uebersetzer des Seder Moed angeführt: אילו היה איפשר לי לשים התלמוד כולו בפרק אחד לא הייתי משים אותו בשני פרקים R. Tanchum aus Jerusalem citirt im Vorwort zum arab. Wörterbuch אלמורשיד die Stelle aus einer arab. Handschrift. *) Gemeinverständliche Darstellungen, herausgegeben von der Vorderasiatischen Gesellschaft. Leipzig. J. C. Hinriclis’sche Buchhandlung. Preis des Jahrganges (4 Hefte) 2 M. Einzelpreis jedes Heftes 60 Pf. 1. Jahrgang. 1899. Heft I: Die Völker Vorderasiens. Von H. Winkler. Heft II: Die Amarna-Zeit. Von Carl Niebuhr.