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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1900-01-01 · No. 1. (1900) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
24-25 (1900-1901)
Issue
No. 1. (1900)
Date
1900-01-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 laden werden. Auf dem Boden der Wissenschaft sollen sich alle Kräfte zusammenfinden. Die religiöse Parteirichtung kommt hierbei garnicht in Betracht. Hier giebt es nur eine Richtung — die der ehrlichen Forschung, nur eine Partei — die der unerbittlichen Wahrheit, nur ein Interesse — das der Förderung unserer Litteratur, der Verallgemeinerung der jüdischen Wissenschaft. Darum ist Jeder zur Mitarbeit eingeladen. Magdeburg, den 15. December 1899. Dr. M. Ra hm er. Zum Mischnacommentar des Maimonides. Aus einer preisgekrönten Arbeit.*) Schriftliches Gesetz und mündliche Lehre, diese beiden Angelpunkte, um welche das Judentlium seit seinem Bestehen sich bewegt, sind die unerschütterliehen Grundsäulen desselben, die auf dem festen Fundament von Offenbarung und Geschichte ruhen. Während jenes, das schriftliche Gesetz, die UnVergänglichkeit gleichsam als Erbschaft von seinem ewigen Vater mit der Geburt mitbekommen, hat diese, die mündliche Lehre, ihre Berechtigung im Leben und in der Geschichte des jüdischen Volkes, ihre Sanktion durch die Redaction der Mischna, 130 Jahre nach der Zerstörung des zweiten Tempels, erhalten. Die Mischna ist die erste vollständige und übersichtlich geordnete Sammlung der mündlichen Lehren; durch ihre Abfassung hatte die Tradition, die während der vorangegangenen stürmisch bewegten Jahrhunderte gewissermassen in die Schwebe gerathen war, von den Pharisäern behauptet, von den Sadduzäern geleugnet, von der schamaitischen Schule in enge Grenzen gezogen, von der Hille!sehen erweitert, von den nachfolgenden Gesetzeslehrern vielfach bereichert, endlich eine feste Gestalt erhalten. Es war mit diesem Werke das Band fertig geworden, welches unsichtbar die zerstreuten Glieder der Nation zusammenhielt und das sichtbare staatliche Band entbehrlich machte. Kaum war die Mischnasammlung in ihren sechs Theilen abgeschlossen, so wurde sie auch schon als Folie für weitere Forschungen, — theils Erklärungen, theils Erweiterungen — benutzt, und ehe drei Jahrhunderte vergangen waren, hatte die Mischna ein Werk *) 1111 Jahre 1858 war den Hörern des Breslauer jird.-theolog. Seminars folgende Preisaufgabe gestellt: ״Ueber Inhalt und Geist der Einleitungen des R. Mose ben Mainion zu seinem Mischnacommentar, mit besonderer Berücksichtigung des von E. Poeocke edirten arabischen Originals zur Ordnung Seraim.“ — Der Jahresbericht vom December 1859 brachte hierauf die Mittheilung: ״Den Lehmann’schen Preis für die über das vom Director gegebene wissenschaftliche Thema nach dem Ausspruch des Lehrercollegiums gelieferte beste Arbeit errang Herr stud. philos. M. Rah 111er, welcher auch am Tage der Gedächtnissfeier (des Stifters) seine Preisschrift verlas.“ — (Zur Verlesung gelangte selbstverständlich nur der allgemeine Theil ohne die streng wissenschaftlichen Nachweise, Vergleiche und Noten. Wir geben im Obigen zum 40jährigen Gedenktag dieser Jugendarbeit die allgemeine Einleitung derselben unverändert wieder. R.) gezeitigt, das sie an äusserem Umfang und innerer Geistesschärfe bei weitem übertraf, — den Talmud. Von nun war dieser die Hauptquelle geistiger Anregung und Gegenstand des eifrigsten Studiums während der folgenden Epochen der Saboräer und Gaonim. Die Mischna noch besonders zu commentiren fiel Keinem ein, der Talmud galt als der ausführlichste und beste Commentar derselben und auf sein Verständniss wurde alle Aufmerksamkeit und der grösste Fleiss verwendet. Nur zu den Theilen der Mischna, welche der talmudisehen Erklärung ermangeln (Sera’im und Taharoth), konnte der Gedanke entstehen, einen Commentar zu verfassen.1) Der erste, der wieder die Aufmerksamkeit auf die Mischna, als auf die Quelle des Talmuds, hinlenkte und ein besonderes Mischnastudium anbahnte, war R. Mose ben Maimon. Es ist hier nicht der Ort, das an mannigfachen Schicksalen so reiche, in seinem Wirken so vielfach verkannte, (?iner würdigen Biographie2) noch immer ermangelnde Leben dieses jüdischen Geistesheros darzustellen; wir haben es hier nur mit einem seiner frühesten Werke, mit seinem Mischnacommentar, zu thun. — Die Abfassungszeit dieses Commentars fällt in den bewegtesten Theil seines Lebens, in die Zeit seiner Auswanderung nach Aegypten. Dieses Werk, dass er in seinem 23. Lebensjahre, noch während seines Aufenthalts in Spanien zu schreiben begonnen — 1158 — in Magreb fortgesetzt und wahrscheinlich auch da in einem Alter von 303) Jahren beendigte — 1165 — und das er endlich nach einer nochmaligen Revision4) in Aegypten 1168 veröffentlichte, legt das glänzendste Zeugniss ab von der Wissenschaftliehen Methode, mit der der Verfasser die Lehren und Satzungen des Judenthums behandelte. Schon in diesem ersten bedeutenden Werke nämlich tritt Maimoni’s schriftstellerischer Zweck auf dem Gebiete des Talmuds in klaren Grundzügen uns vor Augen. Dem denkenden jüdischen Schriftgelehrten, der in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts das vorhandene Schriftthum prüfend überschaute, musste sich die Aufgabe aufdrängen, das Studium des praktisch-gesetzlichen Theiles der Thora, welches durch die talmudisehen Forschungsweise einen grossen Umfang erhalten hatte, wenn es weder die Beschäftigung mit den anderen Wissenschäften verdrängen, noch selbst durch diese verdrängt werden wollte, zu vereinfachen. Die Lösung dieser Aufgabe unternahm und vollzog Maimonides in ruhmvollster Weise. ף Zu Seraiin und Taliaroth von R. Simson aus Sens, zu Taharoth von Gaon Hai, zu einzelnen Tractaten dieser Ordnungen von R. Abraham ben David und R. Jizchak ben Malkizedek. 2) Man halte sieh gegenwärtig, dass diese Arbeit 1858 geschrieben wurde, damals war Graetz Band VI. noch nicht erschienen, (die erste Auflage ist v. J. 1861); ebensowenig Erankel’s Hodogetik. 3) Oder 33? DerWiderspruch im Datum in der von Maim. herrührenden Nachschrift am Ende des Commentars bezüglich seines Alters zur Zeit der Abfassung ist vielleicht dadurch zu lösen, dass man annimmt, in dem Satze והשלמתי אותו במצרים ואני בן שלשים שנה sei vor שלשים das Wort שלש ausgefallen — das Postskriptum hatte M. hebräisch geschrieben —; dann stimmt die Jahreszahl mit seinem Alter, im Jahre (14)79 der seleuc. Aera, 1168 der christl., war M., geboren 1135, 33 Jahre alt. 4) Es geht dies aus der Briefsammlung (Peer hador No. 140) hervor, wo er von der נוסחא ראשונה des Misclmacommentars קודם הגהתה spricht.

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