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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-01-05 · 1 (5.1.1900) · p. Seite 5

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
1 (5.1.1900)
Date
1900-01-05
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 1. Israelitische Wochenschrift. Seite 5. freundlichst der Mühe unterzogen, die Orte auszuzählen, wo auch heute schon jüdische Kleinbauern galizischen Boden beackern. Es sind dies die Gegenden von Borszczow, Skaal, Prsemyslany, Bobrka, Lezojsk und Rudnik. „In der Stadt Halicz und Umgebung leben 600 Familien Karaiten ausschließlich vom Ackerbau, sogar der Chacham führt ebensogut in eigener Person den Pflug, wie die Bürger, die ihm ihre Seelsorge anvertrauen". Hierbei verfehlt der Verfasser nicht, darauf hiuzuweisen, daß diese Bauern „zwar in bescheidenem, ländlichen Maßstab leben, daß aber die Not, von der die ^Juden in den Kleinstädten Galiziens stets heimgesucht sind, bei ihnen nicht zu treffen ist". Somit wird es also zweifellos möglich sein, durch eingehende Arbeit auch größere Kreise unter den galizischen Juden davon zu überzeugen, daß sie nicht für den Landbau zu „eidel" sind?) Auch bei der Widerlegung des zweiten Salz'schen Einwands unterstützt mich der Verfasser. Es war behauptet worden, daß sich für Siedlungszwecke in Galizien kein Boden finden würde, da die polnischen Adligen nicht an Juden verkaufen würden. Diese Befürchtung erklärt er für grundlos. Es kämen, so sagt er, alljährlich einige tausend Joch großgrundbesitzerischer Boden unter den Hammer, die im Licitationswege in die Hände deutscher, französischer und belgischer Kapitalisten fielen, „daher könnten die Faktoren, die die Juden dem Ackerbau zuführen wollen, als Miterwerber auf den Licitationen erscheinen, und manchen Komplex für die Kolonisation an sich bringen". Auch er nimmt also an, daß die stramme antisemitische Gesinnung der Szlachcieen kaum standhalten würde, wenn sich ihnen persönlicher Vorteil bieten würde. Welche Veranlassung kann also für ihn vorliegen, trotzdem die innere Kolonisation Galiziens als unmöglich erweisen zu wollen? Es ist die Geldfrage. „Die Kolonisations- Idee, sagte er, zerbricht an dem felsenfesten Hindernis der Geldfrage, die nur im geringsten zu lösen ein Ding der Unmöglichkeit wäre". In 20 Zeilen berechnet er, daß zu einem solchen Plan 132 Millionen Gulden oder 220 Millionen Mark nötig wären, und konstatiert, daß diese Summe nie aufgebracht werden könnte, mithin sei es nichts mit diesem Plan. Konnte denn der geehrte Herr Verfasser im Ernst glauben, daß alle die Schriftsteller, die die Ueberführung der galizischen Juden zur Landwirtschaft befürworten, sich niemals die Frage vorgelegt haben, ob das Geld dafür zu erlangen wäre? Wenn 66000 Familien in Galizien (ich nehme die Zahlen, die der Autor anführt) angesudelt werden sollten, und jede 2000 Gulden nötig hat, so wären dafür allerdings 132 Millionen Gulden erforderlich. Ich selbst setze das Verhältnis noch viel ungünstiger an, wenn ich, in Berufung auf die Statistik des Professor Pilat, auf die Berechnung des Herrn Josef Siegel*) **) und des Herrn Dr. S. R. Landou u. m. a. die jüdischen Armen Galiziens auf 600000, auf ZU der gesamten jüdischen Bevölkerung, schätze; das wären, die *) Soeben geht mir die Mitteilung zu, daß 278 Juden in Kolomea sich an die I. C. A. gewendet hätten, da sie als Landbauern in Galizien angesiedelt zu werden wünschen! **) Moderne Wohlthärigkeit, Krakau 1896. Familie zu 6 Köpfen gerechnet, sogar 100000 Familien im Gegensatz zu den 66000, die der Verfasser zählt. Demnach wären sogar 200 Millionen Gulden nötig! Nun, diese Zahlen würden mich nicht erschrecken! Wenn man bedenkt, welche Unsummen die Kolonien in Argentinien verschlungen haben, welche Unsummen allein jährlich für die Umwanderung der östlichen Juden, für den-Transport, ausgegeben werden, wenn man ferner bedenkt, welche Mittel der I. C. A. und manchen andern Wohlthätigkeitsgesellschasten, sowie Privaten, zur Verfügung stehen, so kann gar kein Zweifel darüber herrschen, daß die Geldfrage, isoliert betrachtet, gar keine Rolle spielt. Wenn jene Kreise erst davon überzeugt sein werden, daß hier eine große soziale Aufgabe von weittragendster Bedeutung vorliegt, und daß hier etwas erreicht werden kann, dann werden auch jüdische Kapitalien in ausreichendem Maß vorhanden sein. Allein thatsächlich liegen doch die Verhältnisse gar nicht so. Kein Mensch denkt daran, auf einen Hieb 400 000 (resp. 600 000) Juden in Galizien ansiedeln zu wollen. Dem großen schrecklichen Elend kann überhaupt nicht von heut auf morgen abgeholfen werden, mag als Heilmittel nun Emigration, Hausindustrie oder Ackerbau angewendet werden. Wo eine derartige Zerrüttung aller Verhältnisse herrscht, da gehört sehr viel Zeit und Geld dazu, um eine Wandlung herbeizuführen. Deshalb sollte man gegen einen Plan, der so große und weite Ziele hat, wie die Seßhastmachung der Juden auf galizischem Boden, nicht mit so kleinlichen Einwürfen kämpfen wollen. Es wird sich übrigens im Lause meiner Ausführungen ergeben, daß das erforderliche Geld weit geringer ist, als der Verfasser jenes Artikels rein mechanisch herausrechnet. Will man einem Uebel ernsthaft zu Leibe gehn, so muß man seine letzte Ursache zu erkennen suchen. Es nützt nichts, ob mau von der Ursache 6. Grades zu der des 3. oder 2. Grades herabsteigt, man muß wirklich ganz auf den Grund gehen. So kommt es vom großen weltgeschichtlichen Standpunkt aus wenig darauf an, ob ganz äußerlich in rein privater, verstreuter Wohlthätigkeit einem oder dem andern der leidenden Brüder geholfen wird, oder ob man für einen ganzen Ort die soziale Notlage ein wenig behebt, oder gar für eine Zeit lang ganzen Ländern wirtschaftliche Förderung bereitet, wenn doch die Gewißheit besteht, daß der nächste Windstoß das ganze Kartenhaus umwerfen wird, oder, um ein andres Bild zu gebrauchen, daß die bösen Wetter, denen man an einer Stelle den Ausgang verwehrte, an einer andern um so gewaltsamer sich Luft machen müssen. Wer es heute wagt, mit der Angabe eines sozialen Heilmittels auf dem Plan zu erscheinen, der hat die Verpflichtung, nachzuweisen, daß sein Mittel kein ausschließlich lokales ist, sondern daß es dem ganzen Organismus zu Gute kommt, indem es die letzte Ursache der Krankheit beseitigt. Dies wurde bei den meisten Vorschlägen zur Hebung der galizischen Judenheit vernachlässigt. Man sah auf der einen Seite das furchtbare Elend, erkannte auf der andern Seite ein Heilmittel, und begann nun zu kurieren, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, daß man es dabei nur mit einer Teilerscheinung, nicht aber mit dem Grundübel selbst zu thun hatte. Die Frage ist sehr ernst. Wenn jemand zu mir käme und mir sagte: „Ich habe ein

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