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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-01-05 · 1 (5.1.1900) · p. Seite 6

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
1 (5.1.1900)
Date
1900-01-05
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Israelitische Wochenschrift. Nr. 1. Mittel gefunden, um die Juden aller Länder in einem Jahr | pekuniär sicher zu stellen; alle Not wird schwinden, der Hunger J wird aufhören, seine zahllosen Opfer in den Reihen Israels zu heischen; die Juden werden sich der Pflege der höheren menschlichen Ziele zuwenden, aus der furchtbaren Versumpfung sich erheben können, in die sie im Osten durch jahrhundertelange Unterdrückung nerfallen sind". Und wenn er mir dann die Ausführbarkeit seines Planes zahlenmäßig und logisch bewiese, so daß auch kein Zweifel daran bestehen könnte, und wenn er zum Schluß noch hinzufügte: „Ich habe die dazu erforderlichen Gelder zur Verfügung, es kann unmittelbar begonnen werden", — so würde ich doch so lange mich weigern, an dieser Rettung teilzunehmen, ja, ich würde mich ihr aufs Entschiedenste widersetzen, bis mir dargethan ist, daß diese ganze Aktion durchaus im Interesse der gesamten Menschheit liegt! Dies ist der Kernpunkt. Das soziale Verständnis beginnt zu erwachen dafür, daß im letzten Grund die Interessen der gesamten Menschheit identisch sind. Die wirtschaftliche Vereinigung, die Solidarität der Menschen, das ist das Banner, das immer mehr Streiter um sich sammelt. Daher hat heute eine Politik keinen Sinn, die vielleicht einer ganzen Klasse Hebung und Förderung brächte, dies aber nur vermöchte auf Kosten anderer Klassen, die um so schonungsloser niedergedrückt würden. Nur die Politik verdient Unterstützung, die für den ganzen großen Menschhettsorganismus von Nutzen ist, denn sie allein gewährt Garantie für die Heilung aller einzelnen Glieder. Das ist der Grund, weshalb ich, wenn jemand ausschließlich das Wohl der Judenheit im Auge hätte und dieses ohne Rücksicht auf den allgemeinen Kulturfortschritt, vielleicht gar im Widerspruch zu ihm durchführen wollte, dies als durchaus verfehlt erachten müßte Das Glied, das er auf Kosten des Gesamtkörpers zu stärken versuchte, würde unter der Krankheit, die den Organismus um so heftiger anpacken würde, später um so intensiver zu leiden haben. Dieser Zusammenhang wird von vielen jüdischen Schriftstellern übersehen. Die jüdische Frage kann nur gelöst werden im Zusammenhang mit der allgemeinen sozialen Frage. Daß die Ansiedlung der Juden auf galizischem Boden thatsächlich eine große soziale That ist, wird im folgenden Artikel näher ausgeführt werden. „Die jüdische Frage kann nur gelöst werden im Zusammenhänge mit der allgemeinen sozialen Frage", so sagte ich oben. Das ist es, was meistens übersehen wird. Wollen wir also die Lage der galizischen Judenheit besprechen, so können wir dies erst, nachdem vorher zwei andere weit umfassendere Materien erörtert worden sind, nämlich: 1) Worin besteht überhaupt das, was wir die „soziale Frage" zu nennen pflegen, und hat irgend ein Mittel Aussicht als Radikalmittel günstig zu wirken? 2) Wie stellen sich die speziellen Verhältnisse Galiziens dar? Erst nachdem wir hierauf eine befriedigende Antwort gefunden haben, können wir daran gehen, zu untersuchen, wie von diesem Gesichtspunkt aus eine Hebung der galizischen Judenheit vorzunehmen wäre. Alle andere Arbeit ist Flickwerk. Nur nachdem die Grundlagen festgelegt sind, können wir den Oberbau in der Zuversicht auf Erfolg beginnen. Wir wollen deshalb kurz den heutigen Stand der sozialen Verhältnisse < | betrachten; ich hoffe daß nach Erledigung dieser Vorarbeiten! mir zugestanden werden wird, daß mein Vorschlag, die ga- I lizische Judenheit durch Ansiedlung auf dem Lande in Form von geschloffenen Siedlungen der einzige ist, der wirklich Besserung der traurigen Verhältnisse verspricht. Wenn wir auch nicht „Soziale Frage" und „Arbeiterfrage" als identisch erklären dürfen, so müssen wir doch so viel zugestehen, daß die Linderung oder Beseitigung des furchtbaren Elends der „unteren" Klaffen sich als vornehmste und unausweichliche Pflicht unserer und der kommenden Generationen darstellt. Im allgemeinen können wir sagen, daß das Riesenanschwellen der großen Städte einerseits, die Entblößung des platten Landes von Arbeitskräften andrerseits überall als das Problem anerkannt wird, welches am dringendsten einer Lösung harrt. Welch' eine merkwürdige befremdliche Erscheinung ist es, daß wir zu gleicher Zeit eine gewaltige Reservearmee beschäftigungsloser Arbeiter in den Städten haben, die von Stufe zu Stufe sinken, unrettbar dem Lumpenproletariat anheimfallen, während zu gleicher Zeit die beständige Klage vom Lande her ertönt, daß aus Leutemangel das Feld nicht bestellt werden kann. Ein hervorragender Soziologe charakterisiert diese trostlosen Zustände für Deutschland mit den Worten: „Während infolge der übermäßigen Zuwanderung in Berlin, Hamburg und den Jndustriegegenden die furchtbarste Geißel der Jndustriearbeiterschaft, die Arbeitslosigkeit, ein wahrhaft himmelschreiendes Elend verbreitet, leidet die östliche Landwirtschaft unter zunehmender Blutleere". Aehnliche Verhältnisse wie hier bestehen überall, wo die Industrie und Technik so rasende Fortschritte gemacht haben, wie es in den Kulturstaaten Europas und Amerikas der Fall ist. Hiermit soll nicht gesagt werden daß die Industrie als solche die Schuld trägt an der heutigen traurigen Lage. Niemand wird sich zu der Aeußerung versteiqen, daß die Industrie ein negatives Element in der Entwicklung der Menschheit ist: niemand wird leugnen, daß jede Maschine, mag sie auch heute tausende von Arbeitern brotlos machen, dazu beiträgt, den Menschen von der groben, der „unqualifizierten" Arbeit zu befreien, seine Herrschaft über die Natur zu erweitern. Dennoch unterliegt es keinem Zweifel daß man über die rapide Entwicklung der Industrie und des Großhandels versäumt hat, der Landwirtschaft die genügende Aufmerksamkeit zu widmen. Nur so konnte es kommen, daß Deutschland jährlich für 1000 Millionen Lebens- und Nahrungsmittel importiert, während es leicht seinen Bedarf an Getreide selbst Herstellen könnte. So ist England ein reiner Industriestaat geworden, während seine herrlichen Ländereien sich in den Händen von einigen wenigen Grundbesitzern befinden, die sie zur Weide umwandelten. Die dadurch von Grund und Boden vertriebenen Hunderttausende verfielen bitterster Armut oder wanderten nach Amerika aus, von wo aus sie Europa durch billige Getreideeinfuhr Konkurrenz machten. So war das Haarsträubende möglich, daß noch bis vor Kurzem aus Rußlaud, dem spärlich bevölkerten Lande, Getreide ausgeführt werden konnte zu Zeiten von Hungersnöten! So endlich konnte der ungarische Magnat Esterhazy noch vor zwanzig Jahren sagen: „Wir Ungarn verhungern auf unfern * Metzenhausen." Es bestand eben ein schreiendes Miß-

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