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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-01-05 · 1 (5.1.1900) · p. Seite 4

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
1 (5.1.1900)
Date
1900-01-05
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Israelitische Wochenschrift. dir. 1. Zahlen" darin gefunden werden, daß grade 1900 vor Christi Geburt Erzvater Abraham den Zug nach Egypten angetreten, so fehlt das tertium comparationis. Daß der Sylvesterschwätzer des „Berliner Tageblattes^ nicht weiß, was den Erzvater aus seinem Sitz im Lande Ur vertrieb, weil „kein babylonischer Thonzylinder davon berichtet", klingt furchtbar großartig, denn es läßt vermuten, daß der grundgelehrte Mann mit dem Inhalt aller babylonischen Thonzylinder aufs Genauste vertraut ist. Daß er Vermutungen aufsteüt, wo die „babylonischen Thonzylinder" ihn im Stich lassen, ist sein gutes Recht. Daß er aber „den steigenden Anbau des Landes, der einem Hirtenstamm das Dasein verschränkte", ohne weiteres als „wahrscheinlichen" Grund für den Zug Abrahams nach Egypten bezeichnet und auf diese angebliche Wahrscheinlichkeit sofort die zuversichtliche Behauptung stützt, Abraham sei „als ein Flüchtling vor der Kultur, nicht als Kulturträger in das Gebiet des Mittelmeers gekommen", das ist selbst für einen Mann des Aufklärichts zu viel. Die Autorität der „babylonischen Thonzylinder" ist ja unerreichbar hoch; aber wo sie versagen, darf man immer noch auf die Bibel zurückgreisen und deren positive Angabe, daß Abraham vor einer Hungersnot, einer Teuerung nach Egypten hinabgezogen (1. Buch Mose, Kap. 12. 10), nicht schlechtweg ignorieren. — Das „Ignorieren", das eben macht den Ausklärichts-Bibelkritiker, oder vielmehr die Ignoranz macht ihn. Und wer hinsichtlich des Bibeltextes ein so grober Ignorant ist, der ist selbstverständlich berufen, der indischen Religion das Zeugnis auszustellen, daß sie die tiefsinnigste aller Religionen und von ihr am meisten die Erneuerung des verfallenden religiösen Lebens Europas zu erhoffen sei; in dessen Mund ist auch die Versicherung, daß der Vater des Monotheismus nicht als ein Kulturträger in das Gebiet des Mittelmeers gekommen, keine Blasphemie, sondern aufrichtige Naivetät. * * * (Namensänderungen.) Der Karlchen Mießnick, der im lokalen Teil der „Kreuzzeitung" seinen Witz spazieren führt, wehklagt, wie folgt: „Fortwährend hört und liest man von Namensänderungen gewisser Personen, ohne daß irgend ein ersichtlicher Grund dafür zu bemerken wäre. (Wofür? Für das Hören und Lesen oder für die Namensänderungen oder für die Personen? Der ewige Unterquintaner wird sich schon entschließen müssen, seine schriftlichen Kundgebungen vor der Drucklegung einem Oberquintaner zur Korrektur zu untere breiten. Auch Herr Professor Kropatschek, der Nachfolger des Freiherrn von Hammerstein-Woßu, hat das Schulmeisteramt noch nicht so lange verlassen, daß er zu solcher Gefälligkeit die Befähigung verloren hätte.) So hat die hiesige Königliche Oper einen neuen Dirigenten berufen, der Bruno Walter heißt, nach einer Notiz des „Berliner Börsen-Kurier" sich aber noch vor wenigen Jahren Bruno Schlesinger nannte. Cur-, quomodo, quando, quibus auxiliis?“ Der Karlchen Mießnick der „Kreuzzeitung" sollte gerade bei dieser Namensänderung nicht so neugierig sein. Auch der Professor Stahl, nach dem die konservative Fraktion des preußischen Herrenhauses heute noch heißt, dessen Bildnis dort den Fraktionssitzungssaal schmückt, und dem die preußischen Konservativen ihr ganzes Bischen politische Philosophie zu danken haben, hieß Schlesinger, ehe er nach Damaskus kam. Vielleicht fällt dem Karlchen Mießnick der „Kreuzzeitung" bei dem Wort Damaskus ein, wie zuweilen Namensänderungen entstehen, und er findet die Antwort wenigstens auf einige Fragen seines Unterquintaner-Latein. j -i- * i *! (Wieder Einer.) Gegen den Berliner Rechtsanwalt Schwindt hat der Ehrenrat der Anwaltskammer eine Geldbuße von 500 Mark erkannt. Herr Schwindt ist eine Leucht^ .des Antisemitismus, kandidirte für diese Partei zum Reichstag — So sind sie Alle, Alle ohne Ausnahme. > Galhitn. Von Dr. Ernst Tuch, Hamburg. I. Ein Artikel eines Krakauer Blattes, betitelt „Kolonisations- Optimismus" bespricht in wohlwollender Weise die Idee einer Kolonisation Galiziens durch Juden, wie ich sie verschiedentlich ausgeführt habe?) Es ist erfreulich zu beobachten, wie das Interesse für diese Frage heute überall zunimmt. Eine sehr merkwürdige Erscheinung tritt hierbei zu Tage. Selbst die Gegner dieser Idee geben stets zu, daß ihre Ausführung geeignet sei, die galizische Judenheit aus ihrem namenlosen Elend zu erlösen, daß sie einfach und sehr plausibel sei, allein — da sei eine Sache, ein Hindernis, das unüberwindlich sei; und nun folgt das, was nach der jeweiligen Ansicht des Schreibers diesen Plan als unrealisierbar erscheinen läßt. Indes es findet sich, daß jeder ein neues Hindernis angiebt, während er die Einwendungen seiner Vorgänger als unwichtig, als leicht zu überwindende Schwierigkeiten darstellt. Nehmen wir alle Urteile zusammen, so beweisen auch sie, daß die Sache durchführbar ist. So war mir z. B. von Dr. Salz erwidert worden,**) daß die Juden sich niemals dazu hergeben würden, in Galizien Ackerbau zu betreiben. Die Leser dieser Zeitung werden sich erinnern, daß ich hierauf in meinem letzten Aufsatz „Die jüdisch-galizische Frage" ***) erwiderte, indem ich ungefähr folgendes ausführte: Sicher würde es, wie Herr Dr. Salz hervorhob, für viele Juden ein großer Stimulus sein, sich der Landwirtschaft zuzuwenden, wenn sie dies auf dem Boden Palästinas vermöchten; denn hier würden „kulturgeschichtliche und nationalreligiöse Momente" Mitwirken. Aber auch in Galizien würden sie sich freudig diesem Beruf zuwenden, wenn ihnen eine gesicherte Existenz, eine gehobene soziale Stellung gewährleistet würde. Das aber sei durch landwirtschaftliche Produktivgenossenschaften und durch geschloffene Siedlungen zu erreichen. Der Verfasser des Artikels in dem Krakauer Blatt stellt sich ganz auf meine Seite. Er hat sich *) Vergl. Israelitische Wochenschrift Nr. 45 **) S. Israelitische Wochenschrift Nr. 47. ***) S. Israelitische Wochenschrift Nr. 60.

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