Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 52 (29.12.1905)
- Date
- 1905-12-29
- Page
- Seite 733 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 62. Israelitische Wochenschrift. Seite 738 Gesetzgebung und Zivilprozeßordnung; auch wirkten die Strafgesetze und der Strafvollzug im Sinn der sozialen Gerechtigkeit. 8. vie Politik. Wom neuen englischen Ministerium. Der Kabinettswechsel in England ist auch diesmal wie üblich von einer Reihe von Ernennungen und Auszeichnungen begleitet gewesen, bei der die Juden ebenfalls bedacht worden sind. Sir Herbert de Stern ist zum Lord ernannt worden, wodurch die Zahl der jüdischen Lords auf drei gestiegen ist. Ferner ist das konservative Unterhausmitglied Benjamin L. Cohen in den Adelstand erhoben worden. Der neue engliche Sir gehört einer Familie an, die sich in der Verwaltung der jüdischen Institutionen Londons stets in hervorragender Weise hervorgetan hat. Er selber war jahrelang Präsident des Board of Guardians gewesen, dessen Leitung jetzt in den Händen seines Bruders, Leonhard L. Cohen, liegt. Wichtiger ist die Ernennung des Herrn Herbert Louis Samuel zum Unterstaatssekretär des Innern. Bis jetzt sind außer Disraeli nur zwei Juden Mitglieder eines Ministeriums gewesen. Es sind das die Herren Sir George Jessel, der Generalstaatsanwalt unter Gladstone war und Baron Henry de Worms, Unterstaatssekretär für die Kolonien unter Salisbury. Die Ernennung Mr. Herbert Samuels zum Unterstaatssekretär des Innern ist um so bedeutungsvoller, als er, der zusammen mit seinem Bruder Mr. Stuart M. Samuel in den vordersten Reihen der Kämpfer gegen die Fremdenbill stand, nunmehr die Ausführung der inzwischen zum Gesetz gewordenen Bill zu leiten haben wird. Mr. Samuel zählt erst 45 Jahre und gilt als begabter politischer Schriftsteller. Im Unterhaus ist er erst seit etwa vier Jahren. Zwar kandidierte er schon im Jahre 1895 und 1900 in South Oxfordshire, unterlag aber gegenüber einer Majorität von 361 resp. 172 Stimmen. Im Jahre 1902 wurde er in Cleveland, Porkshire, gewählt. Von den übrigen Ministern des Kabinetts hat sich Sir Edward Grey, der gegenwärtige Minister des Aeußeren, im Jahre 1904 anläßlich der Ostafrika-Debatte im Unterhaus als warmer Freund der Juden erwiesen. Der Minister des Innern, Mr. Herbert Gladstone, wird seinem großen Vater, der sich stets als Vorkämpfer für das unterdrückte jüdische Volk erwiesen hatte, gewiß Ehre machen. Die letzten Judenverfolgungen in Rußland, die den Juden in England viele Zeichen der Sympathie eingebracht haben, sowie die Tatsache, daß der Fremdenhaß in England wieder im Rückgang begriffen ist, werden Mr. Gladstone gewiß eine Handhabe geben, die Bestimmungen der Fremdenbill in einem für die Juden günstigen Sinn zu handhaben. Auch die übrigen Minister haben die Fremdenbill im Parlament überaus lebhaft bekämpft. Wir erinnern an die gewaltige Rede von Mr. John Burns gegen die Bill. Dasselbe läßt sich von Mr. Harold Begbie, Prof. Bryce, Mr. Haldane und namentlich von Mr. Windstone Churchill sagen. Letzterer hat in der erst am 10. Dezember in Manchester stattgehabten gewaltigen Protestkundgebung gegen die Judenmaffakers in Rußland ernstlich die Hoffnung ausgesprochen, daß es möglich sein wird, die Bestimmungen der Bill in Anbetracht der furchtbaren Katastrophe in Rußland zu mildern. Generalversammlung des jüdischen Asyls in London. Das unter Leitung des Herrn Hermann Landau stehende jüdische Asyl (Jews Temporary Shelter), welches in Anbetracht der Ereigniffe in Rußland bald zu großer Bedeutung gelangen dürfte, hielt am 10. Dezember seine Jahresversammlung ab. Seit Beginn des Krieges mit Japan, infolgedessen tausende jüdische Flüchtlinge nach London hinüberkamen, hat sich das Asyl zu einer für das gesamte Judentum überaus wichtigen Institution emporgeschwungen. Dementsprechend hat sich auch die Gunst der jüdischen Wohltätigkeit dieser Institution in weit größerem Maße als bisher zugewendet, sodaß das Asyl in den letzten 5 Monaten nicht weniger als 45 000 Pfund ausgeben konnte. Die Versammlung gestaltete sich zu einer begeisterten Kundgebung für Mr. Stettauer, der bekanntlich zusammen mit Dr. Nathan und Herrn Feinberg unter nicht geringen Gefahren für Leben und Gesundheit einen großen Teil der von den russischen Krawallen heimgesuchten Ortschaften bereiste. Letzterer teilte der Versammlung die Worte des Baron David Ginzburg mit, welche wie folgt lauteten: „Wollen wir uns vor allem über einen Punkt klar machen: Sagen Sie Ihren Glaubensgenossen in Westeuropa, daß mit dem Augenblick, in dem wir die Gleichberechtigung bekommen, kein einziger Jude mehr das Land verlassen wird, um nach England oder Amerika zu gehen". In dem Moment, da Graf Witte sein Versprechen erfüllen und die Maigesetze abschaffen wird, wird das jüdische Asyl in London leer stehen. Einstweilen ist das aber nicht der Fall. Vielmehr hat das Asyl seit seinem Bestehen nicht weniger als 300 000 Menschen Obdach gewährt. Redner spricht sich entschieden gegen die bisher in London vom jüdischen Board of Guardians geübte Praxis, russische Flüchtlinge nach Rußland zurückzusenden, aus. Wie groß jetzt die Flucht aus Rußland ist, beweist die Tatsache, daß ein einziger Schalterbeamter am Bahnhof von Odessa an einem einzigen Tage 1500 Rubel „verdient" hat, indem er nur denjenigen Fahrkarten verabfolgte, die ihn gespickt hatten. Viele gehen bis zur Grenze zu Fuß, da sie kein Geld zu einer Fahrkarte haben. Die Versammlung beschließt, noch Herrn Stettauer formell für seine Leistungen den Dank des Vereins auszusprechen. Auch in der Hamstead Synagoge, deren Vorstandsmitglied Herr Stettauer ist, war dieser am 9. Dezember Gegenstand einer lebhaften Kundgebung gewesen. Am 14. hielt der Synagogenvorstand eine Sitzung ab, in welcher beschlossen wurde, Herrn Stettauer für den großen Dienst, den er dem Judentum erwiesen hat, den Dank der Synagoge auszusprechcn. * * * Jüdische Kandidaten öei der nächsten Wahlkampagne in England. Bei den im Monat Januar in England stattsindenden Neuwahlen zum Parlament werden nicht weniger als 20 Juden sich um ein Mandat bewerben. Davon werden zwei als Tarifreformer der Chaimberlain'schen Schule, sieben als Unionisten, sieben als Liberale und vier als Konservative kandidieren. Von den Kandidaten sind 12 bereits Mitglieder des gegenwärtigen Unterhauses. Es sind das die Unionisten H. H. Marks, Captain Jeffel, Walther Rothschild und Louis Sinclair, die Liberalen M. Levy, Stuart M. Samuel, Rufus Jsaacs und Herbert Samuel, der neu ernannte Unterstaatssekretär des Innern. Als Konservative sitzen im gegenwärtigen Unterhaus der neue Sir Benjamin L. Cohen, Sir Harry S. Samuel, Colonel Lucas und Sir Edward Sassoon. * * * Sitzung des russischen Slaatsrat. Am 1. Dezember fand in Zarskoje Selo unter dem Vorsitz des Zaren eine Sitzung des Ministeriums statt. Auf der Tagesordnung stand u. a. die Beratung über die Judenfrage. Gleich beim Eintritt in die Debatte über diesen Gegenstand protestierten einige Minister dagegen, daß die Frage jetzt zur Beratung kommt, da