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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-12-29 · 52 (29.12.1905) · p. Seite 731

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
52 (29.12.1905)
Date
1905-12-29
Page
Seite 731 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 52 Israelitische Wochenschrift. Seite 731. Er kam mit zwei Polizisten, um von den Kellnern eines Cafes, wo er sein geraubtes Gut aufgestöbert hatte, den eigenen Besitz zurückzuholen. Die Kellner schlugen ihn tot, und die Polizisten sahen zu und gingen dann nach Hause." — „Ja," sagte der andere, „vom hinteren Fenster meiner Wohnung sah ich gestern Nachmittag genau denselben Vorgang. Man hat die Juden nämlich aufgefordert, daß sie die Polizei darauf aufmerksam machen möchten, wo ihr gestohlener Besitz sich befindet; gelingt das so einem unglücklichen Hebräer, und erscheint er mit der Polizei, was soll diese dann machen? Sie hat mit dem Gesindel fraternisiert, mit ihm geteilt. Packt sie nun ihre eigenen guten Freunde, so sagen diese vor Gericht aus: ,Aber wir haben ja auf Befehl gehandelt/ So hilft man sich eben; man läßt die Juden, die so unvorsichtig sind, ihr Gut zurückzuverlangen, lotschlagen. Vom hinteren Fenster meines Hauses beobachtete ich gerade diesen Vorgang; wiederum ein Jude und zwei Polizisten. Der Jude tritt ins Haus, die Polizisten warten; Geschrei im Hause; die Polizisten laufen davon, und nach einiger Zeit warf man den toten Juden über eine Gartenmauer jenseits der Straße." Es war kein Jude; es war ein ausgezeichneter aufopfernder Beamter, der mir diesen Bericht gab. Und noch zwei Erlebnisse aus Odessa: Ein jüdischer Militärarzt wird in den Schreckenstagen in Odessa vom Pöbel umringt. Man verkennt seine Uniform und hält ihn für einen Polizeioffizier. „Herr Offizier, was sollen wir nun tun? Wo ist noch erlaubt, zu plündern?" — „Marsch nach Hause, Gesindel!" — und der Schwarm zieht ab. Und zum Schluß: In Odessa ist eine größere Fabrik geplündert und demoliert; die Tochter eines oberen Beamten wird vor den Augen des Vaters geschändet, der Vater schwer verwundet, als er seine Tochter verteidigen will; alles in Gegenwart eines Polizeioffiziers. Die Bande legt darauf Feuer an das Fabrikgebäude, jetzt schreitet der Offizier ein: „Hunde, Brandstiften ist verboten; augenblicklich löscht ihr!" und die wohlerzogene, loyale Räuberbande löscht das Feuer gehorsam, das sie selbst angefacht hatte; so wurde diese Fabrik vor dem völligen Ruin, der freilich auch einem ganzen Stadtteil hätte gefährlich werden können, gerettet. Erzählungen solcher Art hätte ich als gut erfundene Anekdoten betrachtet, die nur ein Körnchen von Wahrheit enthielten, bis sie mir in unumstößlicher Weise beglaubigt wurden. Die wenigen angeführten Fälle sollen dem Leser deutlich vor Augen stellen, was nunmehr durch Hunderte von Zeugenaussagen, durch Schriftstücke und Dokumente festgelegt ist; sie liegen gesammelt in Aktenstücken vor und harren ihrer Verwertung im gegebenen Augenblick und an geeigneter Stelle. Was man voraussetzen mußte, ist erwiesen. Die Hetzen, Plünderungen, der Mo^ die Brandstiftungen, durch die ganze kleinere jüdische Städte in Asche gelegt wurden, diese barbarischen Exzesse, die alle unmittelbar nach Verkündung des Zarenmanifestes ausbrachen, waren ein einheitliches und vorbedachtes politisches Werk, das Werk der von einer Zentrale in Bewegung gesetzten Administration, die sich zur Ausführung des Verbrechertums und des Lumpenproletariats bediente, dieses anstachelte und gewähren ließ oder unmittelbar anführte. Solche verkleideten Polizisten als Anführer sind gefangen genommen worden, und man hat sie auch unter den Toten gefunden. Und nur dieses behördliche Arrangement erklärt es auch, daß die großen Massakers so plötzlich wie sie losbrachen, wieder aufhörten. Das Verbrechertum wurde auf einen Wink in seine Höhlen zurückgeschreckt; und dieses behördliche Arrangement erklärt es gleichfalls, daß die Polizei in zahlreichen Orten, überall wo sie wollte, die Macht behielt, einzelne Häuser und ganze Viertel zu schützen. Wer erwiesenermaßen die am höchsten stehenden Leiter des patriotischen Mordens, Plünderns und Sengens gewesen sind, das muß späterer Enthüllung Vorbehalten bleiben." Die ZoDlresorm in Israel. In der letzten Zeit hat man sich vielfach mit dem Kapitel der altisraelitischen Sozialreform beschäftigt, leider aber ohne eingehende Kenntnis des jüdischen Schrifttums. Man begnügt sich in der Regel mit der Lektüre der Bibel, obwohl ein Historiker mit Z^echt dies gerügt hat, da das Durchlesen der biblischen Schriften in irgend einer gelungenen oder mißlungenen Uebersetzung kein richtiges Bild von den politischen und kulturellen Zuständen im Volk Israel gibt. Außerdem ist die Kenntnis der nachbiblischen Literatur für das Verständnis der Bibel unentbehrlich, und da hapert es zumeist. Zu unserem Thema übergehend muß vor allem betont werden, daß man die mosaische Sozialreform, d. h. die sozialpolitischen Vorschriften, denen wir im Pentateuch begegnen, keineswegs, wie es vielfach irrtümlich geschieht, etwa wie stilistische Versuche eines „Weltverbesserers" behandeln darf. Die Thora ist gewiß nicht das Produkt eines Utopisten, der sozialpolitische Brochüren schreiben wollte. Die mosaische Sozialreform ist aus dem Volk hervorgegangen und repräsentiert ein Stück Geschichte, sicherlich sogar ein Srück alter Geschichte, wie es Sprache und Form beweisen. Es ist daher höchst wahrscheinlich, daß die in Betracht kommenden Satzungen der mosaischen Bücher aus jener prähistorischen Zeit stammen, wo der Stammespartikularismus in Israel noch nicht überwunden war, wo die Israeliten, nach Renans Wort, noch „Therachiden" waren und in zahllose kleine Gruppen zersplittert lebten. Innerhalb eines kleinen politischen Gemeinwesens, wo die Kultur noch in ihren Uranfängen war, konnte jene soziale Ordnung herrschen, deren Ziel war, „daß kein Armer im Lande lebe". Später, als die politischen und sozialen Verhältnisse sich verändert hatten, klang das wie ein Märchen aus alten Zeiten; jedenfalls schien eine solche soziale Ordnung undenkbar. Es war nun das Ideal der Propheten, diese Lehre, die in früheren Jahren unter anderen Verhältnissen bei einem Teil des Volks galt, künftig für ganz Israel zum Schutz der Armen und Enterbten zur Geltung zu bringen. Die Thora war, wie eine unbefangene Untersuchung im Gegensatz zu Wellhausens Hypothesen ergibt, schon im Zeitalter des Propheten Amos bekannt. Darüber belehrt uns die Tatsache, daß dieser gegen Ende des neunten vorchristlichen Jahrhunderts lebende Prophet in seinen Reden an das Volk auf manche aus den mosaischen Büchern bekannte Begebenheiten anspielt. Daraus geht hervor, daß nicht nur der Prophet selbst mit dem Pentateuch bekannt war, sondern, was für uns viel wichtiger ist, solche Kenntnis auch beim Volk voraussetzen konnte. Die Thora war also in Israel nicht unbekannt; sie erfreute sich nur noch keiner Autorität, obwohl sich die vorexilischen Propheten bemühten, sie ihr zu verschaffen. Das ersehen wir aus einem Beispiel ganz klar. Der Prophet Jeremia beklagte sich mit Berufung auf die Thora über die in Judäa herrschende Sklaverei. Während nämlich die Hauptstadt bereits von Nebukadnezars Heer belagert war, gab die hart bedrängte judäische Bourgeoisie die hebräischen Sklaven frei, — wahrscheinlich, um die frei gewordenen Volksgenossen zum Kampf für das Vaterland zu begeistern. Kaum aber schien die Gefahr

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