Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 52 (29.12.1905)
- Date
- 1905-12-29
- Page
- Seite 730 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
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Seite 730. Israelitische Wochenschrift. Nr. 52. ) / Bogdanowitsch dem Kaiser persönlich mitteilen, daß er 100 000 Mann zur Verfügung hat, welche bereit sind, ihre Treue für Thron und Altar mit ihrem Blute zu besiegeln. Damit hatte der General freilich seinen Kaiser frech angelogen. Fest organisiert waren nur 6000 (genauer 6090) Mann, während die noch an die Hunderttausend Fehlenden von den einzelnen Polizeirevieren aus der Hefe der Gesellschaft erst herbeigeschafft werden sollten. Dafür hatte aber Bogdanowitsch die feste Zusicherung der Herren Kleigels, Neidhardt, Medem, Kaulbars, Skalon, Klingenberg, Wal, Charusin, Kruschewan, Gringmut, Berg und Plär von Pilchau. Außer diesen „echt russischen Männern" mit den reindeutschen, armenischen und moldauischen Namen standen Bogdanowitsch zur Verfügung die Herren Dedschulin, Bogdanowitsch der Jüngere, Stolipin, Asantschewski, Kurlow, Lopuchin, Rogowitsch, Schirinkin und sonstige Minister, Generalgouverneure, Gouverneure und Stadtoberhäupter, im ganzen 103 Oberpatrioten. Die Och ran oje Odelenje, welche bekanntlich vor wenigen Jahren zum persönlichen Schutz des Zaren organisiert wurde und sich aus den Mitgliedern des höchsten Adels und der Beamtenschaft rekrutiert, hatte die Leitung der ganzen Angelegenheit in die Hand genommen. Anfangs Oktober fand in Petersburg ein Kongreß der Delegierten der schwarzen Hundert statt. Der Beginn der Revolution wurde zum 15. Oktober festgesetzt. Die Parole lautete „für den Zaren!" Wenn es aber anging konnte man auch andere Parolen, wie „haut die Juden", „haut die Studenten" usw. benutzen. Infolge des Eisenbahnstreiks jedoch, durch welchen die Delegierten in Petersburg für mehrere Tage festsaßen, konnte der Plan nicht rechtzeitig zur Ausführung gelangen. Am 27. Oktober wurde von den streikenden Eisenbahnarbeitern ein Sanitätszug mit verwundeten Soldaten aus der Mandschurei von Moskau nach Petersburg abgelassen. Die Delegierten der schwarzen Hundert benutzten die Gelegenheit, um zunächst nach Moskau zu gelangen, von wo aus sie teils per Wagen, teils zu Wasser sich über das Land verbreiteten, um überall den in Petersburg gefaßten unheilvollen Plan zu verwirklichen. Der Telegraph, durch welchen Bogdanowitsch allen Ortsgruppen sein Stichwort sandte, half nach, und die Krawalle nahmen überall ihren Anfang. Freilich etwas verspätet. Der Zar, der Bogdanowitsch' Mitteilungen von der Organisation einer 100 000 Köpfe zählenden patriotischen Armee nicht recht trauen mochte, warf sich inzwischen Witte in die Arme und erließ das bekannte Manifest, durch welches der gewaltigen patriotischen Manifestation der Stempel einer fehlgeschlagenen verbrecherischen Kontrarevolution aufgedrückt wurde. oweit der interessante Bericht Lewows. Danach war das unter den Juden angerichtete Blutbad schon lange vor dem 29. Oktober vorbereitet und nur durch den Ausbruch des Eisenbahnstreiks um wenige Tage verzögert. Wären die Judenkrawalle rechtzeitig ausgebrochen, das Zarenmanifest, durch welches die frühere Regierung zu einer freilich immer noch allmächtigen Nebenregierung degradiert wurde, hätte nie das Licht der Oeffentlichkeit erblickt. Nunmehr bleibt dieser Nebenregierung am Hofe Nikolaus II. nichts weiter übrig, als die Wirkung des Manifestes nach Möglichkeit abzuschwächen und die in ihm gemachten Zusagen hinterrücks und auf Schleichwegen dem Volke wieder zu nehmen. Für jetzt aber geht aus der ganzen Darlegung hervor, daß es eine vergebliche Mühe sein wird, die hochgestellten Krawallmacher zu fassen, oder gar zur Verantwortung zu ziehen. Noch ist die Regierung Wittes zu schwach und das von Zarskoje Selo aus gestützte und beschützte Tschinowniktum stärker als Recht, Gesetz und alle Zarenmanifeste. Line Studienreise nach Russland. In der „Nation" veröffentlicht das Vorstandsmitglied des Hilfsvereins der deutschen Juden, Herr Dr. Paul Nathan das Ergebnis seiner russischen Studienreise; wir greifen aus der Fülle von interessanten Beobachtungen folgende persönliche Erlebnisse des Verfassers heraus: „Ich sah in Kiew ein wundervolles Schulgebäude, das von ein m reichen Juden erbaut und gestiftet, zum Nutzen für das Erziehungswesen dem Staate übergeben worden war. Nie in meinem Leben erblickte ich ein Gebäude im Zustande gleicher Verwüstung. Und diese Verwüstung war unter einem gewissen Gesichtspunkt eine bewundernswerte zu nennen; sie war mit einer Konsequenz, mit einer Aufwendung von Arbeitskraft, von beharrlicher Anstrengung durchgeführt, die neben Grausen mein höchstes Erstaunen erregte. Man hatte nicht die Fensterscheiben, wie es wütende Horden tun, leichthin eingeschlagen; man hatte nicht einen Splitter von Glas in den Rahmen gelassen; man hatte nicht eine Marmortreppe demoliert, hier und dort eine der weißen schimmernden Platten zertrümmert; man hatte den^^. Marmor in Würfel zerschlagen, von denen keiner größer war w* als ein Zweimarkstück. Man hatte mit höchster Mühe die elektrischen Leitungen aus den Wänden herausgerissen; man hatte schwere metallene Heizvorrichtungen unter Anwendung größter Kraft verbogen und auseinandergesprengt; man hatte zentnerwiegende Apparate, die an der Decke hingen, mit waghalsiger Geschicklichkeit losgehakt und herabgestürzt. Es war keine lustige Orgie eines Vandalismus gewesen, der seiner Wut, seiner Empörung heftig wilden Ausdruck gibt. Hier hatte ein Vandalismus gewütet, dem die Zerstörung berauschender Genuß, der den Genuß des Zerstörens sich schwere Arbeit, tagelange Anstrengung, Mühe und Schweiß kosten läßt. Ich sagte mir, das also ist russischer Judenhaß; denn die offizielle Darstellung der Kiewer Vorgänge geht dahin, daß das zarisch gesinnte patriotische Volk der Stadt an den Juden Rache genommen hat, weil diese bei der Verkündung des Zarenmanifestes allzulaut ihrer freiheitlichen Gesinnung Ausdruck verliehen hätten. Meine Anschauungen vertieften sich dann, als ich zerstörte jüdische Privathäuser sah und in ihnen Geldspinde, die erst nach einer Arbeit von vielen Stunden und eines sogar unter Benutzung eines Bohrers, der an die elektrische Leitung des^. Gebäudes kunstvoll angeschlossen worden war, nach bewährter technischer Einbrechermethode geöffnet und ihres Inhalts beraubt worden waren. Das waren bemerkenswerte Taten des zarisch gesinnten patriotischen Volkes, um so bemerkenswerter, da die unglücklichen Besitzer dieser Häuser tagelang die Behörden ohne Erfolg um Schutz gegen die patriotischen Diebesbanden ersucht hatten. In Podol unten am Dnjepr waren die Diebesbanden Mörderbanden geworden; die armseligen Juden wurden nicht nur beraubt, sondern verwundet, erschlagen, ihre Frauen und Töchter geschändet. Und diese selben patriotischen Banden ließen unmittelbar von dem Sturm auf ein jüdisches Haus ab, wenn ein einzelner gekaufter oder ein einzelner human gesinnter Polizeibeamter mit der Hand winkte. Ich sah noch deutlicher nach folgendem Erlebnis: Wir saßen am Tage des Ausbruches der Militärrevolte in Kiew am Frühstückstisch. Mit uns zwei Beamte im Dienste auswärtiger Mächte. Der jüngere wird zum Telephon gerufen; er kommt zurück und entschuldigt sich; er müffe fort, da in der Nähe seiner Wohnung wieder Mord und Totschlag herrsche; nach einiger Zeit ist er wieder da und sagt: „Es war nichts Besonderes, man hat nur einen einzigen Juden totgeschlagen.