Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 52 (29.12.1905)
- Date
- 1905-12-29
- Page
- Seite 729 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 52. Israelitische Wochenschrift. Seite 729. Kurien der anderen Nationen würde die bürgerlichen Parteien von jeder Rücksicht befreien, die sie heute noch auf die Juden als Wähler zu nehmen haben, und die sich bei gleichem Wahlrecht verstärken müßte, wenn erst die Sozialdemokratie mit ihnen in gefährlichen Wettbewerb tritt. — Immerhin können wir das Gefühl begreifen, mit dem viele Juden die würdelose Anbiederung ihrer Glaubensgenossen an andere Parteien betrachten, die dem Juden wenig Freundlichkeit beweisen. Ja häufig trugen Juden durch den verdoppelten Eifer, mit dem sie ihre „nationale Gesinnung" beweisen wollten, die Hauptschuld an der Schürung des nationalen Streites. Da erzählt die „Welt" ein nettes Geschichtchen, das übrigens seine Spitze , nicht bloß gegen den Juden, sondern gegen den Oesterreicher überhaupt kehrt: Ein jüdischer Ingenieur aus Prag wurde engagiert, in ein österreichisches Jmporthaus in Shanghai einzutreten. Als man ihn fragte, was er in China zuerst machen werde, antwortete er: „Ich werde einen Sokolverein gründen." -i- * * Trotz der schlimmen Erfahrungen, welche die Juden in Galizien mit der unbedingten Gefolgschaft für die Polen gemacht haben, beharren die Wortführer der Assimilation darauf, jeden Gedanken an die nationale Emanzipation der Juden abzulehnen. Im Gegensätze zu der Mehrzahl der Juden Galiziens spricht sich der Abgeordnete Dr. Byk gegen die Errichtung einer „nationalen Wahlkurie für die Juden" aus. Als Argument führt er an, daß die Juden eine „Religionsgenossenschaft", aber keine „Nation" seien, da ihnen der Besitz des Landes und eine gemeinsame Umgangssprache, die an den Begriff Natron geknüpft seien, fehle und daß die Autonomie nichts anderes als die Wiederherstellung des „Getto" bedeute. Es ist dies die Erscheinung aller „polnisch-nationalen" Juden in Galizien, mit denen die zionistische „Welt" scharf ins Gericht geht. „Die Bekämpfungs- und Protestmotioe solcher Beutemache und Profitpolitiker, schreibt das genannte Blatt, sind so durchsichtig, daß sie ernstlich nicht widerlegt werden müssen, zu niedrig, um auf die Dauer die natürliche politische Entwicklung der österreichischen Juden Hintertreiben zu können. Hand in Hand mit den Kreaturen des Polenklubs gehen im Westen die getauften und ungetauften Verlegenheitsjuden, die durch die aufgeworfene Frage nach der nationalen Einreihung arg irritiert sind und nationale Farbe bekennen zu müssen über alles fürchten. Der Schreck ist ihnen in die Glieder gefahren und sie werden, je weiter die Regierung vorwärts schreitet, aus ihren politischen Schlupfwinkeln hervorkriechen. Es wird ihnen nichts übrig bleiben, als sich zur Wehr zu setzen oder mitzumarschieren. Und sie werden pro. testieren, hinter den Kulissen intrigieren, den Jüdischnationalen in den Rücken fallen. Wir sind darauf gefaßt. Reinliche Scheidung tut gut und erhöht unsere Arbeitskraft, die nur gelähmt wird durch Kompromiffe und hinterhältige Bundesgenossen. Eine einheitliche, bewußt jüdischnationale Masse brauchten wir und nicht hindernde Anhängsel, die nur halb bei der Sache sind und bei halber Arbeit sich mit halbem Erfolge begnügen. Der Stein ist im Rollen, das Ziel abgestcckt, ein Zurück nicht mehr möglich. Die Zionisten in Oester- ’ reich stehen vor einer ernsten, entscheidenden Kraftprobe. Mögen sie ihr gewachsen sein!" Der Ton hätte freilich ruhiger und vornehmer sein können. Die Sprache der Antisemitenpresse braucht nicht dem zionistischen Organ als nachahmenswertes Muster vorzuschweben. * In Brünn fand dieser Tage eine jüdische Versammlung statt, in der S. Kaplansky sehr energisch für die nationale Autonomie der Juden eintrat und lebhaften Beifall erntete. Die Brünner „Jüdische Volksstimme" widmet diesem Thema einen Leitartikel, dem wir folgende Sätze entnehmen: „Durch die Veranstaltung der Wiener Versammlung wurde der Stein ins Rollen gebracht. Es ist der erste Schritt zur Erlangung der nationalen Autonomie der Juden. In allen Städten, Gemeinden, überall, wo Judenherzen schlagen, müssen Demonstrationsversammlungen, Massenaufzüge veranstaltet werden, um der Regierung zum Bewußtsein zu bringen, daß die jüdische Bevölkerung Oesterreichs nicht mehr gewillt ist, ihre Rechte preiszugeben, sondern entschlossen ist, das Recht, das die anderen Nationen für sich in Anspruch nehmen, auch uns Juden zu erkämpfen. Pflicht der Vorstandsmitglieder aller Kultusgemeinden ist es, sich an die Spitze der Aktion für die nationale Autonomie der Juden zu stellen. In Mähren werden auch die politischen Judengemeinden ihre Forderungen geltend machen müssen. Hoffentlich ist das jüdische Volk Oesterreichs schon reif und zum Bewußtsein gekommen, daß wir Juden nur durch Selbsthilfe etwas erreichen können und werden. Juden Oesterreichs! Seid euch dessen bewußt, was ihr in eurem Interesse und im Interesse eures Volkes zu tun verpflichtet seid! Juden Oesterreichs! Nützet die jetzige Situation aus, organisiert euch auf nationaler Basis. Die Parole des jüdischen Volkes muß lauten: Durch Kampf zum Sieg! Es lebe die nationale Autonomie der Juden!" — — Wik die Krilmlle gemacht iniiiüni. Die Tatsache, daß in einer einzigen Woche gegen 300 Judenkrawalle stattfinden konnten, weist auf eine gewaltige Organisation hin. Die wunderbare Ordnung, mit welcher der Pöbel vorging, die Tatsache, daß beispielsweise in Kiew das bekannte Haus Saidsew gründlichst demoliert wurde, während sein Nachbar Blumenfeld, weil er ein getaufter Jude war, verschont blieb, beweisen, daß der Pöbel von kundiger Hand geleitet wurde. Es war zu vermuten, daß die lokalen Behörden eine stehende Armee zur Verfügung hatten, die nur auf das erste Signal zum Losschlagen wartet. Wer aber waren die Anführer dieser schwarzen Armee? Wo saßen die Generäle? Wo befand sich ihr Generalstab? Auf diese Fragen gibt die Petersburger „Nasha Shisn" eine klare unzweideutige Antwort. Das Blatt veröffentlicht eine Denkschrift des Bergbauindustriellen F. A. Lewow an Witte, welche nicht bloß ein wichtiges historisches Dokument für die Zukunft ist, sondern auch in der Gegenwart und zwar schon bei der bevorstehenden gerichtlichen Untersuchung als wertvoller Leitfaden dienen könnte. Der Verfasser macht darin genaue Angaben, nennt Namen und Zahlen und führt bestimmte Tatsachen an, wodurch seine Mitteilungen in hohem Grade an Glaubwürdigkeit gewinnen. Danach hat der seiner Zeit vermutlich wegen Unterschlagung seines Amtes entsetzte General Bogdanowitsch, der später ein treuer Kampfgenosse Pobjedonoszews und ein Spitzel Plehwes wurde, unter Schutz der Polizei und Gendarmerie und begleitet vom Segen des Metropoliten Wladimir von Moskau sich jahrelang mit der systematischen Organisation der Kontrarevolution beschäftigt. Zu diesem Zweck reiste er 11/2 Jahre durch alle Städte Rußlands und konnte im September 1905 seine Arbeit als beendet erklären. Zahlreiche Komitees und Unterkomitees wurden organisiert und eine ganze Armee der Mitglieder der schwarzen Hundert war aus dem Boden gestampft. Anfangs Oktober konnte General