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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-12-29 · 52 (29.12.1905) · p. Seite 728

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
52 (29.12.1905)
Date
1905-12-29
Page
Seite 728 (sequence 4)
Language
German
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Seite 728. Israelitische Wochenschrift. Vir. 62. ist seitdem gewiß nicht besser geworden, aber die internationalen politischen Verhältnisse haben sich seitdem geändert, und der Juden wegen wird man sich doch keinen guten Kunden verscherzen. Das, was hier über die amerikanische Negierung gesagt wird, kann von allen Staaten gelten. Keine Großmacht wird auch nur einen Schritt sür die Juden tun, da eine solche Intervention mit seinen eigenen Interessen in Widerspruch stände. In der Politik gilt, so wird uns seit Jahrzehnten gelehrt, das Prinzip des „gesunden Egoismus", das nran in den bekannten Spruch kleiden kann: „Wo dich nicht brennt, lösch du auch nicht". Freilich wird anders gelehrt in allen Büchern der Moral und der Menschenliebe. Aber Moral und Menschenliebe sind hübsche Nippsachen, mit denen man sein Wohnzimmer schmückt — praktisch verwenden kann man sie doch nicht. * * * In allen „zivilisierten" Staaten gilt heutzutage der feste Grundsatz der „Nichteinmischung", d. h. daß kein Staat befugt sei, sich in die inneren Angelegenheiten eines fremden Staats zu mischen. Und das mit Recht. Wie soll beispielsweise die englische Regierung für die Juden in Rußland eintreten, da doch dann eine andere Regierung die irische Frage aufs Tapet bringen könnte! Also ein jeder kehre vor seiner eigenen Tür, und wahrlich, Arbeit genug wird er in dieser Beziehung schon finden. Indes wird von dieser weisen Regel eine Ausnahme gemacht, wo der „gesunde Egoismus" dies zuläßt oder gar vorteilhaft findet. Erst vor wenigen Wochen, gleichzeitig mit den Judenmetzeleien in Rußland, vereinigten sich mehrere europäische Großmächte zu einer „Flottendemonstration" gegen die Türkei, die die armen Mazedonier so sehr peinigt. Ja, auch Rußland sollte an dieser Zwangsvollstreckung gegen die Hohe Pforte teilnehmen, nur konnte es dies nicht, weil da mittlerweile die Besatzung aller von den Japanern nicht zerstörten Kriegsschiffe meuterte. Sonst wäre die zarische Regierung unverfroren genug, auf dem Balkan für Menschlichkeit und Gerechtigkeit zu streiten, wo sie doch täglich im eigenen Lande Menschlichkeit und Gerechtigkeit schändet. Dabei weiß jeder, der auf dem Balkan gelebt hat, zur Genüge, daß dort nicht die Türken, sondern die Slaven stets die Angreifer sind. Wo es der europäischen Diplomatie so paßt, erinnert sie sich, was sie dem Solidaritätsprinzip der gesitteten Menschheit schuldig sei. Es ist sehr möglich, daß wir vor dem Beginn einer neuen geschichtlichen Epoche stehen. Ja, ich meine es ganz bestimmt, daß die Zertrümmerung Rußlands bereits begonnen hat, und daß dieser Staat dereinst aus der Reihe der Großmächte ausscheiden wird, wie im achtzehnten Jahrhundert Polen und die Türkei aufgehört haben, Großmächte zu sein. Dann freilich wird man sich an verschiedenen Stellen daran erinnern, welche heillose, gottversiuchte Wirtschaft in Rußland herrscht und wie viele unterdrückte Völker und Stämme unter seinem schweren Joch seufzen. Man wird es dann nicht nur für erlaubt, sondern gar für ein Gebot der Menschlichkeit halten, diesem Treiben ein Ende zu machen. Und fallen dabei einige gute Brocken für diesen und jenen Staat ab, nun, das ist ja nur gerecht und billig. Aber auch an weisen Geschichtsforschern dürfte es dann nicht fehlen, die, in die Verhältnisse Rußlands zurzeit seines Verfalls tief eingehend, haarklein Nachweisen werden, daß es sein Schicksal vollauf verdient habe; es sei von einem gerechten Schicksal ereilt worden, und die Staaten, die das Vernichtungswerk an ihm vollzogen haben, verdienen den Dank und die Anerkennung der Mit- und der Nachwelt. In der Geschichte herrsche das Prinzip der ausgleichenden Gerechtigkeit und der gerechten Vergeltung. So sei Polen, so sei das türkische Reich und so sei auch Rußland an dem Uebermaß seiner Sünden zugrunde gegangen. — — — -i- * * In diesem klassischen Stil der prophetischen Geschichtsschreibung wird der Sybel der späteren Jahrhunderte die Geschichte Rußlands zurzeit seines Untergangs schreiben. Vorläufig aber ist Rußland noch immer eine Großmacht, wenigstens in der Einbildung der europäischen Diplomatie, und da heischt es der „gesunde Egoismus", es ruhig „seine Juden" morden, schlagen, verstümmeln und plündern zu lassen. Dr. S. Bernfeld. 3iir Illdenfragk in Oesterreich. In der österreichischen Monarchie, die in Atome von Nationalitäten und Natiönchen sich auszulösen droht, ist die Lage der Juden sehr schwierig. Abgesehen davon, daß sie in keinem Kronland festen Boden unter den Füßen haben, um ihre eigenen berechtigten Interessen wahrnehmcn zu können, bilden sie auch im Widerstreit fremder Interessen eine Art Puffer, so daß sie von beiden Seiten geschlagen werden. In den gemischtsprachigen Kronländern können sie es natürlich niemand recht machen. So benpielsweise in Böhmen, wo die Deutschen in ihnen die Tschechen hassen, und die Tschechen wiederum sie als Deutsche verfolgen. In Ostgalizien werden sie zwischen Polen und Ruthenen hin und hergezerrt und dabei von beiden Parteien arg zerzaust. In der letzten Zeit ist der Gedanke aufgetaucht, die Juden in Oesterreich als besondere nationale Kurie anzuerkennen und ihnen somit nationale Autonomie zu gewähren, wie sie ja die anderen Völker in diesem Staat bereits besitzen. Unter den Juden selbst find die Meinungen über Nutzen oder Schaden dieser Maßregel geteilt. Die einen erwarten von ihr eine Verbesserung der Lage der Juden, die anderen hingegen glauben daran nicht und befürchten hingegen große Nachteile. Wir wollen diese Frage in der nächsten Zeit noch eingehend erörtern. Hier seien die Ausführungen eines Wiener Blattes („Der Weg") zu dieser Angelegenheit wiedergegeben: „Eine interessante Strömung macht sich gegenwärtig in einem Teile der Judenschaft geltend, die auch bereits im Parlainent zum Ausdruck gelangt ist. Die Abgeordneten Straucher und Romanczuk sprachen sich dafür aus, den Juden nationale Selbstverwaltung und eigene Wahlkurien zu gewähren. Es ließe sich nun sehr darüber streiten, ob die Juden als Nation anzusehen sind, da ihnen doch im allgemeinen die wesentlichen Merkmale des Begriffes — eigene Sprache, Territorium und staatliche Tradition — fehlen. Nun kommt es ja nicht auf Definitionen an und die Forderung der Autonomie läßt sich gewiß auch auf andere Gruppen als Nationen anwenden. Es scheint mir aber die größte Gefahr für die Juden selbst zu bedeuten, wenn diese Forderung durchzusetzen wäre. Dies beweist schon die einmütige Unterstützung, die der Gedanke in der antisemitischen Presse gefunden hat. Es liegt in der menschlichen Natur, jedes andere Wesen zunächst als Fremdes zu empfinden, und der Schritt zum Feindlichen ist nicht allzu groß. Nur fortdauernder und ungehinderter Verkehr zwischen allen Gliedern der Gemeinschaft drängt die ererbte Neigung einer wilden Vorzeit zurück und sichert den Frieden. Wenn christliche und jüdische Kinder schon von der Schule an getrennt werden, wird eine furchtbare Saat des Hasses ausgestreut. Die Ausscheidung der Juden aus den

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